Von der Utopie zur Positionierung

Rirkrit Tiravanija, Foto: BASE progetti per l'arte, Florence

Rirkrit Tiravanija, Foto: BASE progetti per l'arte, Florence

Oben: Liam Gillick · Texte court sur la possibilité de créer une économie de l'équivalence, Palais de Tokyo 2005

Oben: Liam Gillick · Texte court sur la possibilité de créer une économie de l'équivalence, Palais de Tokyo 2005

Fokus

In Paris entsteht derzeit viel Neues im Kunstbetrieb, die Stadt kommt nach langen Jahren der Agonie speziell von den wenig touristischen Vierteln im Osten her wieder in Bewegung. «Mouvement» kann auch als Leitmotiv einer Reihe von Ausstellungen gelten, die von den engagierten Ansätzen der «roaring 90s» bis zum kontrollierten Zorn der Neuerer vor allem eines zeigen: Um bewegen zu können, muss man bewegt sein.

Von der Utopie zur Positionierung

Tiravanija, Gillick, Gygi - auf der Suche nach Standorten in der Gesellschaft.

Als die engagierte New Yorker Kuratorin Molly Nesbit Ende letzten Jahres auf der Tagung «Topos Raum» in der Berliner Akademie der Künste die «Utopia Station» und deren «Way to Porto Alegre» mit einem langen, deplatziert wirkenden Vortrag im naiven Jargon politisch Bewegter präsentierte, erhielt sie wenig Echo. Auch die anwesenden Künstler schwiegen. Darunter die Co-Kuratoren Rirkrit Tiravanija und Hans Ulrich Obrist. Das Schweigen in der Akademie ist vielleicht symptomatisch für eine Kunstbewegung, die seit den neunziger Jahren, deutlich formuliert durch Catherine Davids documenta X, nach Transmissionen sucht zwischen Kunst und Gesellschaft. Ihre eigene Form der Forschung scheint wenig kompatibel mit der Alma Mater. Die «Utopia Station», auf dem Weltsozialforum in Brasilien Ende Januar erneut als Relais-Station zum Überkreuzen von Kunst- und Gesellschaftsdiskurs eingesetzt, ist ein Paradebeispiel für Tiravanijas Arbeit. Die gerade in Paris neu auf den Markt gekommene Zeitschrift «art21» setzte sie in Verbindung mit Wittgensteins Begriff des Sprachspiels - als Gesellschaftsspiel bildet sie nicht einfach soziale Realität ab, sie bringt sie gleichsam hervor, indem der Künstler sie, beispielsweise durch das Bekochen von Galerie-Besuchern, aktiviert. Und lässt sie verschwinden, denn mit dem Ready-made gelebter Verhaltensweisen werden diese auch ihrer Alltäglichkeit beraubt, zum Symbol im symbolisch codierten Kontext. Konsequent zeigt Tiravanijas Retrospektive im Musée d'art moderne de la ville de Paris statt materiell präsenter Werke Schauspieler und Conférenciers, die seine Arbeiten «erzählen».

Als sozialtheoretischer Erzähler ist Liam Gillick ein weiterer markanter Protagonist der Erkundungen im gesellschaftlichen Feld. Er bedient sich der Formen bildender Kunst, oftmals aus Minimal und Abstraktion entliehen, um der Frage nachzugehen, wie man sich positionieren kann in einer globalisierten Welt. Zeitgleich mit seinen bunten Objekten, die an Konjunkturkurven und Barcode-Käfige denken lassen, zeigt das Palais de Tokyo den Aktivisten Jota Castro, der sarkastisch und plakativ die Menschenrechte einklagt. Ganz anders der 39-jährige Engländer Gillick: Seine Objekte sind dreidimensionale Illustrationen zu einem «kurzen Text», den man lesen muss, um ganz den Denkwegen des Künstlers folgen zu können. Eine Wendung zur Schrift, die auch die Kuratorin Clémentine Deliss vollzieht. Gerade hat sie in der Cité des Arts ein Atelier bezogen, um gleich elf Nummern ihrer Edition «Metronome» zu erarbeiten, in der auch Gillick mitarbeitet.

Sogar die konzentrierten, wie in eine zum Bersten gespannte Form gepressten Objekte von Fabrice Gygi sind weniger selbstgefällige Formen im Raum als zeugnishafte Kristallisationen einer gedanklichen Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Diskurs. Chantal Crousel zeigt sie kurz vor ihrem Umzug aus der rue Quimcampoix ins benachbarte Marais. Gygis neueste Arbeiten nehmen «den Trend zum Sado/Maso auf, befassen sich mit der Zurschaustellung des Körpers», wie der Künstler sagt. Dabei wird immer wieder die inhärente Gewalt der Spektakelgesellschaft spürbar. «Wenn man heute jemanden an den Pranger stellen würde, welches Material würde man verwenden? Das war die Frage, mit deren Antwort ich auf die Pfeiler-Stümpfe kam. Es gibt sie überall, bei uns auf den Skipisten oder als Antennen-Pfeiler für GSM» - vielleicht kein Zufall, wenn im telekommunikativen Begriff der S/M-Trend widerhallt. Gygi macht ihn hörbar, ohne ihn selbst durch engagierte Gesten zu übertönen. «Ganz der entgegengesetzte Pol zu Thomas Hirschhorn, wenngleich ebenso zornig», wie Chantal Crousel unterstreicht. Ein kontrollierter, sublimierter Zorn, aus dem Arbeiten geworden sind, die zu Distanznahme und zum Reflektieren auffordern.

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