Aller/Retour im Centre Culturel Suisse

Ian Anüll · Ausstellungsansicht im Centre Culturel Suisse, Foto: CCSP

Ian Anüll · Ausstellungsansicht im Centre Culturel Suisse, Foto: CCSP

Besprechung

Kunst als Ware schwimmt wie Packeis-Brocken in den Fluten grenzenlosen Mehrwerts, auf denen hoffnungslos das postmoderne Subjekt kauert. Eine Drift ins Ungewisse. Das Schweizer Kulturzentrum in Paris will mit nachdenklichem Innehalten und dem Blick zurück neue Perspektiven eröffnen. Im Mittelpunkt: Eine grosse Ausstellung von Ian Anüll.

Aller/Retour im Centre Culturel Suisse

"Markterfolg und künstlerische Glaubwürdigkeit bedingen einander", konstatierte unlängst "Texte zur Kunst"-Herausgeberin Isabelle Graw in der "Frankfurter Rundschau" und rief, wie zuvor Kollege Hanno Rauterberg in der "Zeit", nach dessen Meinung die "Feigheit der Kritiker die Kunst ruiniert", zu einer Kritik auf, die Abstand hält und Interdependenzen sichtbar macht. Längst Bestandteil einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche, fällt auch der Kritik das Abstandhalten schwer, ist doch versuchte Nähe Faktor persönlicher Identitätsfindung. Der Berliner Kurator Alexander Koch identifizierte in dem gerade von ihm mit herausgegebenen Band "beyond education" eine "neue Kreative Klasse". Sie wird beschworen in einer Gesellschaft, die alle Lebens-, Arbeits- und Kulturbereiche zu einem kollektiven Wertschöpfungspool zur Gewinnmaximierung fusioniert - Künstler sind hier eine Idealversion von Sennetts "flexiblem Menschen" in einer deregulierten, globalisierten Wirtschaft. Wie kann Kunst damit umgehen? Michel Ritter schlägt vor: durch Innehalten. Der Blick zurück ermögliche einen produktiven Abstand, so der Direktor des Schweizer Kulturzentrums.
Folgerichtig stellt er mit dem 58-jährigen Ian Anüll dem Pariser Publikum einen Künstler vor, der sich vielgestaltig seit den siebziger Jahren der Frage nach den Handlungsmöglichkeiten des Subjekts im Warenfluss stellt. Wie ein Markenzeichen hat er die Ziffern 7130 in einem grossen schwarzen Kreis an die Stirnwand des Centre auf orangefarbenen Grund gemalt. Gespiegelt ergibt sich das Wort "OEIL" für "Auge". "Mehr als je leben wir in einer Zeit der totalen Kontrolle, die jedoch unsichtbar ausgeübt wird. Niemand ist mehr verantwortlich", sagt der zwischen Berlin und Zürich lebende Künstler. Mit Installationen aus Fotos, Videos, Objekten und Malerei behandelt er den symbolischen Wert und dessen Repräsentation. Bisweilen voller Poesie, wie in "Ohne Titel" von 2001, ein leerer, roher Holzrahmen, dessen Holzauge vergoldet worden ist. Wachsam müsse man sein, so Anüll, wenn man in einem wachsenden Kunstmarkt und in einer rasend gewordenen Kapitalgesellschaft künstlerisch arbeite. Selbstreferenzialität gehört dazu: Von der Ironie eines Sigmar Polke bis zum russischen Konstruktivismus eines Rodtschenko reichen seine Stilzitate. Wie schon in der grossen Retrospektive im Kunstmuseum Solothurn im Frühjahr 2003 (siehe Kunst-Bulletin 06/2003) hat Anüll den Warencharakter des Subjekts, des "Ich" in seinem symbolischen Aggregatzustand als künstlerisches Werk, als Produkt und Handelsobjekt ins Zentrum gestellt. Eine zerbrechliche Beziehung, als die er auch seine ganze künstlerische Arbeit beschreibt: "ein Gehen auf Eis, das bei jedem Schritt verrutscht und zu brechen droht". Neben der Ausstellung von Anüll zeigt das Centre Culturel Suisse ein reichhaltiges Programm in Musik, Literatur und vor allem Video-Kunst, darunter Programmteile des Video-Elektronik-Festivals "VIPER", das vergangenen November wegen geplatzter Sponsorenverträge in Basel verschoben werden musste.

Bis 
25.03.2006

Angaben zur erwähnten Publikation "beyond education" siehe in diesem Kunst-Bulletin S. 96.

Künstler/innen
Ian Anüll
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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