Glen Rubsamen bei Annemarie Verna und Mai 36

Glen Rubsamen · Pigeon Key and the Seven Mile Bridge #3, 2005, 60 x 498,5 cm, Archival Ink Jet auf Papier (BFK), Courtesy Verna & Mai36.project

Glen Rubsamen · Pigeon Key and the Seven Mile Bridge #3, 2005, 60 x 498,5 cm, Archival Ink Jet auf Papier (BFK), Courtesy Verna & Mai36.project

Besprechung

Glen Rubsamen irritiert mit kitschig-schönen Landschaftsdarstellungen unsere Erwartungen an dieses Genre und macht uns gleichzeitig bewusst, wie sehr uns die Natur abhanden gekommen ist.

Glen Rubsamen bei Annemarie Verna und Mai 36

Auf den ersten Blick meint man Werbeplakate für Floridareisen vor sich zu haben. So romantisch-verheissungsvoll ragen die Silhouetten von Palmen und Felsen in einen Himmel, der im Widerschein von Sonnenauf- und -untergängen seine ganze farbenprächtige Leuchtkraft entfaltet. Diese scheint in allen Schattierungen auf, von tief Blau in ein kitschiges Rot. Erst auf den zweiten Blick irritieren die immer wieder auftauchenden Ausschnitte einer Strassenbrücke und der Elektromasten, welche neben anderen Zeichen einer verbauten suburbanen Landschaft im Gegen- oder Dämmerlicht als scherenschnittartige, schwarze Silhouetten im Vordergrund erscheinen.

Der 49-jährige Kalifornier, der in New York und Köln lebt und arbeitet, stellt in den Räumen der beiden Galerien in Gemälden und Ink-Jet-Prints Landschaftsausschnitte der Inselgruppe der "Florida Keys" dar. Als Vorlagen dienen ihm Fotografien, die er am Computer miteinander kombiniert und zu einer neuen Realität montiert.

Diese Inseln sind durch ein System von Dämmen und Brücken miteinander verbunden. Die höchste und längste Autobrücke, welche Vaca Key mit Spanish Harbor Keys verbindet, führt an der kleinen Insel Pigeon Key vorbei. Rubsamen beschreibt Pigeon Key als "Zwischenraum", der zu "Transit-, Handels- und Vergnügungszwecken" entstanden ist und nur als "Banale Utopie" existiert, aber auch "den idealen Standort bietet, von dem aus Ansichten der Super-Moderne gemalt werden können".

Die Fahrt auf dieser Brücke berschreibt Rubsamen als eine Fahrt in ein imaginäres Paradies, dessen Stationen er in seinen Landschaftstücken festhält. Analog zur brüchigen Paradiesmetapher befinden sich die Landschaften, die bei dieser Autofahrt vorüberziehen, immer in der Ferne. Es fällt auf, dass der Blick stets in den Himmel gerichtet ist und die menschliche Präsenz fehlt. Dies mag auch auf eine zunehmend unbewohnbare Welt hinweisen. Ein Eindruck, der durch die skelettartigen Bäume, die seltsam schrecklich-schönen monochromen Bildhintergründe und die fehlenden zeitlich-räumlichen Bezüge geradezu beschworen wird.

Unerreichbar ist dieses Paradies, weil die Orte, die der Suchende anstrebt, Nicht-Orte sind und sich in einer Landschaft befinden, deren Kulturgeschichte sie längst von ihren Ursprüngen entfernt hat - so wurden die Palmen importiert und erstmals in den 1950er Jahren angepflanzt. Das Ambivalente dieser Landschaft beschreibt Rubsamen als "Something that looks a lot like nature, but isn't" und bringt diese malerisch insofern auf den Punkt, als seine Naturstücke in der Tradition der Landschaftsmalerei verwurzelt und dennoch modernistisch, bildnerisch gebrochen sind. Damit hat Rubsamen unsere romantischen Naturvorstellungen endgültig ins Reich der Reiseprospekte und der Disneyparks verwiesen.
Mai 36 bis 25.2., Verna bis 11.3.

Bis 
10.03.2006
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Annemarie Verna Galerie Schweiz Zürich
Mai 36 Galerie Schweiz Zürich
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Glen Rubsamen

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