Paris - die Magie der Metropole

Gaudenz Signorell · La Courneuve, Foto/Montage (Entwurf)

Gaudenz Signorell · La Courneuve, Foto/Montage (Entwurf)

Andreas Walser · Baigneurs (Am Strand), 1930, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Bündner Kunstmuseum, Chur

Andreas Walser · Baigneurs (Am Strand), 1930, Öl auf Leinwand, 130 x 162 cm, Bündner Kunstmuseum, Chur

Fokus

Andreas Walser (1908-1930), Alberto Giacometti (1901-1966) und Gaudenz Signorell (*1950), drei der Stadt Paris eng verbundene Künstlerpersönlichkeiten aus Graubünden, begegnen sich im Bündner Kunstmuseum in Chur in einer dialogischen Ausstellung. Gleichzeitig ist auch die Galerie Luciano Fasciati mit der Präsentation von Vorarbeiten von Gaudenz Signorell und einer entsprechenden Edition an diesem Projekt beteiligt.

Paris - die Magie der Metropole

Andreas Walser, Alberto Giacometti und Gaudenz Signorell im Bündner Kunstmuseum

Andreas Walser, den es als kaum Zwanzigjährigen geradezu zwanghaft nach Paris zog, war in kürzester Zeit in die dortige Kunstszene integriert, traf Pablo Picasso, Jean Cocteau, Augusto Giacometti und erarbeitete dort in fieberhafter Besessenheit sein reiches Werk. Er verwendete dabei, stets eigenständig und unabhängig, Elemente aus Kubismus und Surrealismus. Was unmittelbar vor diesem Sprung in die Welt an Zeichnungen und Aquarellen entstanden war, ist wesentlicher Teil der Churer Ausstellung. Aus einem Konvolut von 239 Arbeiten zeigen ausgewählte Beispiele erstmals die Fülle von Walsers zeichnerischem Werk: zahlreiche Landschaften - ohne Anspruch auf topographische Genauigkeit -, Baumgruppen, Berge, Gartenszenen, auch städtische Motive, meist in kleinen Formaten, frische, lebendige Skizzen in Bleistift und Tusche auf den verschiedensten Bildträgern, oder Aquarelle als farbige Schwerpunkte. Dazu kommen wenige späte Ölbilder. Mit je einem Werk von Augusto Giacometti, Joaquín Torres García, Wladislaw Streminsky sowie E.L. Kirchner werden Malerfreunde zitiert, die ihn inspirierten, anspornten oder gemeinsam mit ihm ausstellten.

In wenigen Jahren hatte der junge Walser bereits ein Werk erarbeitet und zur Reife gebracht, das die Auseinandersetzung mit der internationalen Avantgarde forderte und dieser standhielt.

War es bei Walser fraglos die Magie der Kunstmetropole Paris, der er erlag, so verfolgt Gaudenz Signorell eine intensive und vielschichtige Annäherung an diese Stadt. Mit Walsers Werk hat er sich eingehend beschäftigt ohne sich in irgendeiner Weise anzubiedern. Schon geraume Zeit interessiert ihn das Paris der Banlieue und unbewusst ahnte er die späteren Explosionen in diesen Quartieren wohl sogar schon voraus. Während seiner wiederholten Aufenthalte schaffte er sich suchend und tastend den Zugang zu den heruntergekommenen Aussenquartieren und arbeitete seit 2003 an dem Zyklus "Courneuve". Dabei entstand ein reicher Fundus an Momentaufnahmen, aus deren Fülle Signorell die weitere Wahl trifft. In der Galerie Luciano Fasciati zeigt er davon etwa dreissig Beispiele: Auf einer schmalen Konsole aneinander gereihte Bilder, Zeugnisse allgegenwärtiger Verwüstung, verschwommene, diffuse Andeutungen, ausschnitthafte Szenen, Graffiti, schemenhaft, elend, verfälscht. Signorell entdeckt Schönheit im Hässlichen, im Alltäglichen Poesie, Reichtum im Verfall. Die formale Strenge der Bilder wird belebt durch eine dezente, malerische Farbigkeit. Dazu ist bei Fasciati eine Edition in einer 11er-Auflage entstanden.

Im Kunstmuseum hat Signorell erstmals ein monumentales Wandbild geschaffen, das in ungewohnter Farbigkeit, dreigeteilt wie ein Triptychon, die ganze Hauptwand des Saals überzieht. Aus einem Analog-Negativ von weniger als 24 x 36 cm ist die enorme Vergrösserung entstanden, die in zwölf senkrechten Papierbahnen auf die Fläche aufgezogen ist. Es ist kein fotografisches Abbild, erzeugt vielmehr einen Raum im Raum, fängt eine diffuse Stimmung ein. Durch fünf unregelmässig darauf verteilte Arbeiten entsteht eine verblüffende Räumlichkeit. Ihre Deutung ist völlig offen. Ein Hausgang, Reste von rankenden Zweigen an einer Wand, abgebröckelte Steine, eine Art Mausoleum, ein Gefängnis, Lagerhäuser, Kritzeleien in geradezu sakralem Purpur, verschwommene Konturen aus der fahrenden Metro. Man kann in diesen Raum eintauchen und jede Orientierung verlieren. Das Wandbild "La Courneuve" scheint wie ein Konzentrat von Signorells Arbeit überhaupt. Eine ähnliche - und doch ganz andere - Wirkung hat genau gegenüber, in strahlenden Blautönen, Walsers letztes Gemälde: "Baigneurs", 1930 - eine Konfrontation, die nach dem Dialog ruft.

Im Souterrain begibt man sich mit Alberto Giacometti in das Paris der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, das er in seinen späten Lithografien unter dem Titel "Paris sans fin" aufs Papier bannte. Vor dreissig Jahren waren diese Blätter letztmals in Chur zu sehen. Auch jetzt ist die Präsentation so angelegt, dass jedes Blatt beidseitig betrachtet werden kann. Rahmenlos in Plexiglas gehalten stehen die 150 leicht durchscheinenden Blätter aufrecht auf zwei langen, schmalen Sockeln, die man eng umkreist und so scheinbar mit dem Künstler durch die Pariser Gassen streift.

Meine fotografischen Skizzen bilden jeweils den Anfang eines langwierigen Bearbeitungsprozesses. Aus der alltäglichen Bilderflut sammle ich mein Material. Alle Bilder sind mir dabei gleich wichtig. Aus diesem Fundus schöpfe ich meine Themen. Meine Bilder entstehen beim Machen, spielerisch, intuitiv. Nach dem Schneiden, Kleben, Übermalen, Montieren wird das Ganze erneut fotografiert und so gleichzeitig wieder entmaterialisiert.
Mein Werk kann auch als Versuch gelesen werden, der nie abreissenden Bilderflut zu trotzen, sie in meinem Archiv zu kanalisieren - um daraus meine eigenen Bilder zu schaffen.
(Gaudenz Signorell)

Die Ausstellung in der Galerie Fasciati Chur läuft noch bis zum 4.3., diejenige im Bündner Kunstmuseum bis am 26.3.
Im Benteli Verlag ist zu Walser/Signorell ein Künstlerbuch erschienen. Mit Beiträgen von Beat Stutzer und Marco Obrist sowie zahlreichen Abbildungen gibt er - raffiniert spiegelverkehrt zu lesen - die Bedeutung der beiden Künstler wieder.

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