transit.davos.wintersport

Christian Herter · Ohne Titel, 2005, Foto: Nadja Putzi, Zürich

Christian Herter · Ohne Titel, 2005, Foto: Nadja Putzi, Zürich

Kunst am Bau

transit.davos.wintersport

Keine Schneeskulpturen und keine Monumente aus Eis - verhalten, fast versteckt, inszeniert "transit.davos.-wintersport" im weltbekannten Sport-Ort bei klirrender Kälte Kunst im öffentlichen Raum. Acht Künstlerinnen, Künstler oder Künstlergruppen haben witzige und ernste, farbige und gedämpfte, laute und stille Arbeiten an der Hauptschlagader des Ferienortes, der Promenade, angebracht. Ähnlich wie vor Jahren auf dem Furkapass empfiehlt es sich, den Flyer zur Hand zu nehmen und sich auf die Suche nach dem Verborgenen zu machen. Nichts präsentiert sich auf den ersten Blick.

Nach Chur und dem Engadin hat der Trägerverein transit.graubünden mit seinem Präsidenten Felix Held als dritten Ort des Geschehens Davos ausgewählt. Mit Sibylle Omlin wurde eine namhafte und bewanderte Kunstfachfrau als Kuratorin verpflichtet, hervorragend assistiert von Nadja Putzi. Omlin kennt den Ort aus Kindertagen. Sie wählte auch die beteiligten Kunstschaffenden aus, die im winterlichen Davos ungewohnte Verhältnisse für ihre Arbeit antrafen.

Gelegentlich von Werbung unterbrochen, doch nicht zu übersehen, ist die Videoarbeit "Downhill" von Gabriela Gerber und Lukas Bardill. Im Tourismusbüro, im Sportgeschäft Angerer und bei Coop, sowie bei den Davoser Bergbahnen saust in halsbrecherischer Fahrt, in Endlosschlaufe und ohne je irgendwo anzukommen, ein gesticktes Männchen, das Mütter früher ihren Sprösslingen auf die Skijacke nähten, den weissen Hang hinunter. Gerber/Bardill thematisieren den Rausch der Geschwindigkeit und zeigen einmal mehr nicht ohne Witz das absurde Bemühen.

Ein Paar ältere Langlaufski, ein Art objet trouvé, an deren Spitzen dekorativ je ein kugelrunder Schneeball aus Styropor steckt, zieren hoch oben die rustikale Aussenwand der Migros. Unauffällig zaubert Christian Herter einen Hauch Nostalgie ins hektische Getriebe des Winterrummels.

Im Kurpark ist "Lümmel", ein witziges neues Wintersportgerät, zu entdecken. Erik Steinbrecher, hat auf einen Metallsockel einen mit Gips gefüllten Körper gesetzt, einem Curling-Stein ähnlich, aus dessen Mitte wie ein schlaffer Rüssel ein Baseballschläger aus Hartgummi taumelnd schwingt. Vermischung verschiedener Sportarten, aber auch latente Bedrohung und Gewalt im Sport, geben der schwarzen Skulptur ihren gedanklichen Hintergrund.

Über bestehende Lautsprecher und Medienkanäle kann man etwa in der historischen Eisbahn von Rudolf Gaberel oder im Shuttlebus immer fünf Minuten lang während der Mittagsstunden die motivierende Stimme eines Trainers, der seine Mannschaft zum Durchhalten anspornt, hören. Emotionen und Stimmungen aus dem Eisstadion werden so vermittelt. Com&Com, das Künstler-Duo aus St. Gallen und Zürich (Marcus Gossolt, Johannes M. Hedinger) prüft unter dem Titel "Motivation", wie weit Identifikation auditiv stimuliert werden kann. Wen die Begeisterung packt, kann sich die Geräusche gar als Klingelton aufs Handy laden.

In der Lounge des Freitag-Taschen-Shops sucht Nives Widauer mit ihrem Video "Balanced" das Gleichgewicht - nicht ihres, sondern dasjenige eines Skisportlers. Die Künstlerin dehnt in ihrem Video nervenaufreibend die Schieflage, das Fallen und dann eben doch nicht Fallen eines Skispringers und zeigt, wie nahe Landung und Sturz beieinander sind. Das Video stammt aus einer Arbeit zu Elfriede Jelineks "Sportstück", für das Nidauer das Bühnenbild schuf Norbert Möslang beschäftigt sich mit den Daten von Schnee, Wind und Wetter des Eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstituts Davos (SLF). Von 100 Standorten der Schweiz alle 10 Minuten eingespiesene Messdaten werden auf acht bestehende Webcams aus Davoser Skigebieten auf Bildschirme übertragen und durch den Datenstrom unterschiedlich langsam zu Bildern aufgebaut. Möslang beantwortet mit seiner Arbeit die Frage, wie heute überhaupt noch Bilder gemalt werden können, auf eine technisch anspruchsvolle Art.

Im Wintersportmuseum schliesslich endet der Parcours im Warmen. Hier hat der in Davos geborene Jules Spinatsch ein chalet-artiges Holz-Kabäuschen erstellt und zeigt darin seine grossformatigen Fotografien - Dokumente modernsten "Snow Managements", dessen Maschinen Spinatsch als bildgestaltende Lichtquellen einsetzt. Auch Postkarten gibt es hier zu kaufen: etwa die "Traum-Ansicht" der deutschen Konzept-Künstlerin Karin Sander, die einen Davoser Gipfel, das Seehorn, begrünen oder besser, den Berg seiner Schneekuppe berauben wollte. Doch die knappe Finanzlage schob einen Riegel, und das Projekt ist nun postkartengross als witzige Fotomontage zu haben. Promenade Davos, bis Saisonende am 15.4. Informationen: www.transitdavos.ch

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