Auswege im Pionier-Raum

Barbara Holub

Barbara Holub

Barbara Holub, Paul Rajakowics · transparadiso, Indikatormobil, ein Werkzeug urbanistischer Intervention, 2004. Foto: Künstler

Barbara Holub, Paul Rajakowics · transparadiso, Indikatormobil, ein Werkzeug urbanistischer Intervention, 2004. Foto: Künstler

Fokus

Barbara Holub, seit Frühjahr 2006 neue Präsidentin der Wiener Secession, ist die erste Frau auf diesem Posten. Die Künstlerin befasst sich mit korporativen Verspannungen und findet immer wieder neue Wege, auf deren Saiten zu spielen. Im Gespräch führt sie aus, wie sie dem geschichtsschweren Körper der Secession neue Resonanzen entlocken will.

Auswege im Pionier-Raum

Über die Künstlerin als Generator und Korporation als Übergangszustand

Jens E. Sennewald Wie geht es dir nach einem halben Jahr als Präsidentin der Secession?

Barbara Holub Es ist wie eine zweite Identität: Für eine befristete Zeit ist man Künstlerin und Präsidentin, managt die eigene Arbeit und eine höchst komplexe Institution. Als Künstlerin will ich Machtsysteme und hierarchische Strukturen dekonstruieren. Als Präsidentin der Secession bekommt das eine viel weiter reichende Dimension. Das spüren auch jene, die aus verletzter Eitelkeit und in der Trauer um Machtverlust glauben, «verloren» zu haben. Sie sollten sich auf das ureigenste Anliegen der Secession besinnen: für eine kontinuierliche Erneuerung der Kunst. Das bedeutet Risiko, Infragestellung, auch von sich selbst. Im Bewusstsein, dass man als Künstlerin immer zu jenen gehört, die ausgrenzen, aber auch zu jenen, die ausgegrenzt werden.

J.E.S. Im artmagazine hiess es bissig, dass die Alternative, für die du stehst, diejenige des Geschlechts sei. Wie bearbeitet ihr die Gender-Frage jetzt, da eine historisierende Ausstellung des Feminismus die nächste jagt?1)

B.H. Frauen erhalten meist nur dann Führungspositionen in international wichtigen Kunstinstitutionen, wenn es um den Aufbau geht - wenn es dann läuft, übernehmen Männer die Leitung. Das ändert sich. Doch männlich dominierte Machtstrukturen sind noch immer eine Realität. Um sie in Frage zu stellen, gehen wir in einer «vorweggenommenen Fiktion» davon aus, dass sie kein Problem mehr sind.
Der Begriff entstammt einem der jüngsten Projekte von transparadiso, «soothing table», einem Interventionsinstrument im Stadtraum, das zu Diskussionen und Konflikt einlädt.2) Jenseits von Quoten oder dem Abfeiern gender-orientierter Ausstellungen wollen wir die Thematik wieder in einen grösseren Diskussionshorizont stellen.

J.E.S. Judith Butler schreibt in «Psyche der Macht»,3) dass das Subjekt, das sich souverän und frei in seinem Handeln glaubt, immer bereits «Unterordnung als Preis der Existenz» zahlen musste. Das lässt sich übertragen auf den Kunstbetrieb. Kann Kunst Auswege aufzeigen?

B.H. Man ist Teil des Systems. Dessen Grenzen immer wieder neu auszuloten, ist Gründungsgedanke der Secession, deren verantwortliche KünstlerInnen statt institutionsbejahende jetzt strukturfördernde Produktionen in Gang setzen. Wir thematisieren auch Parallelstrategien, die Teil der künstlerischen Produktion sind, aber vom Kunstbetrieb kaum wahrgenommen werden. In einem kontinuierlichen Diskussionsprozess sollen verschiedene Öffentlichkeiten zusammenkommen. Konkret werden wir zunächst die Raumaufteilung der Secession dehierarchisieren. Bisher war es immer so, dass KünstlerInnen, wenn man sie einlud, zuerst fragten: «In welchen Raum»? Das wird jetzt anders, auch das Budget wird gleichmässiger vergeben. Nach Abschluss des noch vom alten Vorstand beschlossenen Programms kommen im Frühjahr 2008 der Installationskünstler Klaus Weber und die mit Wohnsituationen arbeitende Isa Rosenberger, die schon bei «Schrumpfende Städte» dabei war. Im Sommer zeigen wir Antje Schiffer mit einem neuen Projekt und eine Intervention im Innen- und Aussenraum von Jens Haaning. Tatsurou Bashi, der auf der Liverpool-Biennale mit seinem um die Queen-Victoria-Statue gebauten Hotelzimmer so spannend gezeigt hat, wie öffentlicher und privater Raum überkreuzt werden können, wird sich zudem ab Sommer mit dem Eingangsbereich sowie dem Vorbereich, dem neuen U-Bahn-Ausgang, dem neuen Depot und einer Vitrine der Secession befassen.

J.E.S. Aktuelle Tendenzen sind schrumpfende Städte und boomender Kunstmarkt, Rückkehr zur Aura und Aufmerksamkeit für Zwischenräume - Themen, die du vom «musterbuch»4) bis zu urbanen Interventionen und installativen Arbeiten immer wieder behandelt hast. Wo siehst du Aufgabe und Handlungsspielräume des Künstlers?

B.H. Der Kunstmarkt boomt doch vor allem im Bereich der handelbaren Objekte. Gesellschaftspolitische, engagierte Kunst der neunziger Jahre wird oft als spröde empfunden, als unsinnlich. Diese Polarisierung muss in Frage gestellt, ästhetisch anspruchsvolle Umsetzungen mit komplexen, kritischen Inhalten gefördert werden. Dazu gehört auch eine Bearbeitung des Stadtraums. Wir werden die Rolle der Secession als Institution zeitgenössischer Kunst in Wien exzentrisch zu Karlsplatz und Museumsquartier stärken, werden Räume nutzen, die in anderen Bezirken vorübergehend freistehen, um dort temporär «Satelliten» einzurichten. Der Handlungsraum der KünstlerIn und ihrer Institution ist das Risiko der Pionierarbeit.

J.E.S. Wenn du drei Wünsche offen hättest, die von einer Fee erfüllt würden - welche wären das?

B.H. Dass sich die Struktur des Kunstmarktes an einem anderen Sammlerverhalten orientiert, sich vermehrt der gesellschaftspolitischen Dimension annimmt; dass Poesie als Qualität unseres Alltagslebens wieder einen höheren Stellenwert erhält; und dass sich das Karrieredenken zugunsten einer Lebensqualität verlangsamt, die jeder für sich selbst definieren kann.

1) «Alexis Hunter. Radical Feminism in the 1970s», Norwich School of Art & Design, 2006; «Feminist Legacies and Potentials in Contemporary Practice», De Appel, 2006/2007
2) transparadiso ist ein mit Paul Rajakovics und Bernd Vlay realisiertes Kollektiv, das sich an den Grenzen von Architektur, Urbanismus und Kunst bewegt. Im Frühjahr 2007 wird die Ausstellung im Architekturzentrum Wien zu sehen sein: www.youngbloodaustria.at
3) Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2001
4) Barbara Holub, Musterbuch. ideal living, handlungsspielräume, rollenverhalten, gesellschaftliche codes, Wien: Triton 2003

«Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit» steht über dem Eingang des 1898 eröffneten Secessions-Gebäudes von Joseph Maria Olbrich in Wien. Jährlich kommen 100.000 Besucher in eines der Schlüsselwerke des Jugendstil. 1897 von unter anderen Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann gegründet, erstellt das heute älteste der zeitgenössischen Kunst gewidmete unabhängige Ausstellungshaus sein Programm mit den KünstlerInnen der Vereinigung - darunter Josef Dabernig, Gerwald Rockenschaub, Eva Schlegel, Erwin Wurm auf demokratischer Basis. Aktuelle Ausstellungen: Andrea Bowers, Leopold Kessler; Shandyismus. Autorschaft als Genre, kuratiert von Helmut Draxler. Bis 15.4.

Barbara Holub diplomierte 1987 an der TU Stuttgart in Architektur, entwickelte aber schnell Aktivitäten im Grenzbereich von Kunst, Architektur und Urbanismus, die sich immer wieder auf die Einbeziehung der Besucher konzentrieren. 1999 gründete sie mit dem Urbanisten Paul Rajakovics transparadiso «als Plattform für beabsichtigte und unkalkulierte Zwischenfälle». Ihre aktuellen Vorhaben stellen Fragen zu realen Utopien («The Blue House» in IJburg) und zur Langsamkeit («Slow», Plymouth Arts Center, bis 19.3.,).

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