Eija-Liisa Ahtila im Jeu de Paume

EIJA-LIISA AHTILA · Where is Where?, 2008, Toninstallation mit 6 DVDProjektionen,
Foto: Marja-Leena Hukkanen, Courtesy Marian Goodman
Gallery, New York und Paris, © ProLitteris, Zürich

EIJA-LIISA AHTILA · Where is Where?, 2008, Toninstallation mit 6 DVDProjektionen,
Foto: Marja-Leena Hukkanen, Courtesy Marian Goodman
Gallery, New York und Paris, © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Aus diesem Raum geht, nach etwa 45 Minuten, kaum jemand ungerührt heraus: Vom Krieg wird erzählt, von Schuld und der Möglichkeit, das Ich im Anderen zu finden - oder zu verlieren. «Where is Where?», die bislang grösste Filmproduktion der 49-jährigen Finnin, verlässt endgültig die Kaurismäki-Welt ihrer Heimat und konfrontiert mit Frankreichs Tabuthema Algerienkrieg.

Eija-Liisa Ahtila im Jeu de Paume

«Woher weisst du, wenn du eine Steigung hochfährst, dass dir nicht hinter der Kuppe jemand auf deiner Strassenseite entgegenkommt?», fragt es aus dem Off in Ahtilas «Where is Where?». Wir wissen es nicht, wir glauben. Glauben und die mit ihm verbundenen Elemente Vertrauen, Unsichtbares und Hoffnung sind Kernthemen des neuen Films der Künstlerin aus Helsinki. Kein Video-Kunst-Wackelstreifen, ein Film. Mit dem Jeu de Paume für diese erste Retrospektive in Frankreich produziert, entfaltet sich «Where is Where?» über sechs Projektionswände als cineastisches Leporello. Eine seiner Falten birgt eine reale Begebenheit: Ende der Fünfziger brachten während des Algerienkrieges zwei 13- und 14-jährige Araber ihren französischen Spielkameraden um, «weil die Europäer kommen, um alle Araber zu töten», wie einer der Jungen sagt. Ahtila stellt dem historischen Ereignis eine Dichterin im Helsinki der Jetztzeit gegenüber. «Sie geht in die Kirche, um ihre Schuld zurückzuerhalten», erläutert die Künstlerin, die Anfang der Achtziger Jura studierte. «Ich bin nicht religiös, aber Glaube und Schuld sind Bestandteil unseres Alltags, Teil von uns. Die Erfindung 'Gott' ist grandios, wirft uns auf die Grundfrage unserer Existenz zurück: die Beziehung zum Anderen.»Ahtila erreicht für den Film, was der Kubismus für die Malerei schuf: Mehransichtigkeit. Wie schon in «Consolation Service», 1999, oder «The House», 2002, fragmentiert sie Erzählung und Bild, erzeugt ein «atmosphärisches Drama», wie Régis Durand, Ex-Direktor des Jeu de Paume und Initiator der Ausstellung, im lesenswerten Katalog schreibt. «Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen», schrieb einst Schiller. «The Hour of Prayer», 2005, erzählt autobiografisch vom Sterben eines Hundes. Der Stimmungs-Raum voll Trauer, Zweifel und Angst, der entsteht, ist auch Effekt präziser architektonischer Intervention. Im Jeu de Paume hat Ahtila Decken abgesenkt, Wände aufgestellt, Schrägen eingesetzt. Auch ihre Skulpturen, vier Haus-Modelle, werden gezeigt, und fotografische Serien wie «Scenographer's Mind», 2002, verdichten die Raum-Stimmung mit Blick auf das, was sich hinter dem dicken Samtvorhang auftut, der vor dem Ende unseres Lebens fällt. «Ist der Tod immer ein privater Tod?», fragt einer der algerischen Jungen im Film. Eija-Liisa Ahtilas Filme geben keine Antwort, sie definieren neu, was «privat» heissen kann: die immer drängende Frage nach dem Ort des Anderen. Mit Katalog.

Bis 
29.03.2008
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Jeu de Paume Frankreich Paris
Künstler/innen
Eija-Liisa Ahtila
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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