Poetisches und Monströses in einfachster Sprache

Alma, 2007, nach der Puppe von Oskar Kokoschka (1919), Höhe 168 cm, Foto: Jeremy Bierer, alle Aufnahmen © Denis Savary, Courtesy Galerie Xippas, Paris

Alma, 2007, nach der Puppe von Oskar Kokoschka (1919), Höhe 168 cm, Foto: Jeremy Bierer, alle Aufnahmen © Denis Savary, Courtesy Galerie Xippas, Paris

Salle des fontaines, 2007, Ausstellungsansicht Musée Jenisch

Salle des fontaines, 2007, Ausstellungsansicht Musée Jenisch

Fokus

Die multimedialen Arbeiten des Lausanner Künstlers Denis Savary zeichnen sich durch eine grosse Ökonomie der Mittel aus. Mit Vorliebe taucht er in die Welt und ins Schaffen seiner Kollegen ein, kollaboriert mit
diesen und appropriiert einzelne Werke. Nach einer grösseren Präsentation im Musée Jenisch in Vevey ist er nun im Musée du Jeu de Paume in Paris zu Gast.

Poetisches und Monströses in einfachster Sprache

Denis Savarys zwiespältiges, andeutungsreiches Spiel

Der junge Lausanner Künstler Denis Savary zeichnet, fotografiert, stellt Videos und Animationsfilme her. Dies alles in einer sehr einfachen, oft nüchternen Sprache, die dennoch eine bemerkenswert poetische Wirkung entfaltet. Die Plots seiner Filme sind schlicht und kommen ohne Skript, Montage und Inszenierung aus. Die Kamera nimmt - meist in Echtzeit - den Augenblick eines scheinbar unbedeutenden Ereignisses auf. Genauso entsteht die zugehörige Tonspur. In dieser Einfachheit ist auch das Video «Saint Martin» von 2006 entstanden. Mit einer statischen Einstellung wird hier die Ruine einer Kirche gefilmt. Das Profil des Monuments hebt sich im Gegenlicht wie ein dunkler, gespenstischer Schatten vom Himmel ab. Der Bau ist eingebettet in eine seltsam eingefrorene Landschaft - eine Szenerie mit dem Touch eines romantischen Gemäldes; wäre da nicht die Bewegung der Wolken, welche die unspektakuläre Situation mit einer merkwürdigen Dramatik auflädt und Zweifel an der Idylle aufsteigen lässt.
Von einer nicht minder reduzierten Sprache leben die Bleistiftzeichnungen und die zu kleinen Trickfilmen animierten Serien. Unvollständig erfasste Menschen, Tiere und Objekte sind in die Mitte einer weissen A4-Seite gesetzt. Nur andeutungsweise, manchmal schwer erkennbar sind bald ein runder Tisch, bald eine Cancan tanzende Frau, bald ein gestikulierender Clown gezeichnet. Obwohl die Motive bruchstückartig erfasst sind, werden sie dennoch erkannt. Ein zwiespältiges, andeutungsreiches Spiel mit Erscheinungsweise tut sich auf, das in seiner Skurrilität sehr erfrischend wirkt.

Unkonventionelle Revision Das Spielen mit vorgefundenem ästhetischem Material bildet den Humus der künstlerischen Arbeit von Denis Savary. Dass dabei mit viel Hintersinn aufgeladene Arbeiten zustande kommen, zeigt gegenwärtig seine Ausstellung «meilleurs voeux/d'après» im Musée du Jeu de Paume. Sie knüpft an die vorgängige Ausstellung im Musée Jenisch in Vevey an. Dort hatte sich der Künstler zunächst intensiv mit der Geschichte der Gründerin des Museums, Fanny Jenisch (1801-1881), auseinandergesetzt. Diese Recherche schlug sich in dem Buch «Le Malacologue» mit Texten von etwa dreissig Autoren nieder, die auf Savarys Initiative Fiktionales über das Leben von Fanny Jenisch geschrieben hatten. In den grosszügigen Räumen der neoklassizistischen Villa führte er vor, wie ein kreativer, ästhetisch ansprechender und assoziationsreicher Umgang mit einer Museumssammlung aussehen könnte. So umwickelte er die klassizistischen Säulen der Museumshalle mit Nylonfäden, wodurch diese eigenartig deformiert wirkten, und platzierte zwischen den hehren Statuen kleine ausgestopfte Singvögel. Dieser Auftakt kündete an, dass hier ein Museum und dessen Sammlung einer unkonventionellen Revision unterzogen werden sollten. Anschliessend liess Savary Stücke der Museumssammlung mit eigenen Zeichnungen und Videoarbeiten sowie den Arbeiten von jungen Künstlerkollegen in einen Dialog treten. So gruppierte er Bronzebüsten auf unterschiedlich hohen Sockeln um zwei runde, beleuchtete Springbrunnenbecken aus Polyester und liess in Zusammenarbeit mit dem befreundeten Künstler Jean-Christophe Huguenin die Wände mit gelben Plastikbändern verkleiden, was dem Raum eine ungemein frische, luftige Atmosphäre verlieh. Die mit Nägeln perforierten Wände und die darauf fixierten Teller evozierten eine kuriose Art von Fresken. Ein neben zwei Stillleben von Giorgio Morandi hängender Rückenkratzer erweiterte salopp den Stilllebenbegriff.

Interaktionen zwischen den Werken Nach diesem poetischen Gesamtkunstwerk in Vevey befragt Savary in der gegenwärtigen Ausstellung im Jeu de Paume die Vorstellung des Urhebers. Dabei sinniert der Künstler über den Begriff des «d'après» und versucht, den Gemütszustand nachzuempfinden, in dem gewisse Kunstwerke entstanden sind.
Die Methode ist dieselbe wie in Vevey: Savary entfacht einen Dialog mit anderen Künstlern seiner Generation und mit solchen aus vergangenen Jahrhunderten. Im Mezzanin des Jeu de Paume thront «Alma», eine monströse Puppe, welche der Künstler gemäss der schriftlichen Beschreibung von Oskar Kokoschka durch eine Schneiderin nachbilden liess. Der von Savary verehrte Kokoschka hatte damit den Verlust seiner Geliebten Alma Mahler verarbeitet. Die Puppe, die Savary wieder aufleben liess, konfrontiert die Betrachterinnen und Betrachter mit der Frage nach der Kraft eines Fetischs. Gleichzeitig zeigt Savary, wie absurd der Versuch einer idealen, formgetreuen Nachbildung anmuten kann - auch wenn diese Puppe im Falle von Kokoschka als veritable Vertretung seiner ungetreuen Geliebten stark in dessen reales Leben eingebunden war. Die verschlingende Obszönität von «Alma» wird noch untermalt durch die Biederkeit der serigraphierten Reproduktionen nach Félix Vallottons Holzschnittserie «Intimité». Auch diese stellen eine Art von Fetischisierung dar. Wie sich bei genauerem Hinsehen erweist, hatte Vallotton die Holzschnitte durch eingekerbte Rechtecke zerstört. Mit seinen Schnitten hat Denis Savary die zentrale Gestalt - Misia, eine Vallotton nahestehende Frau - dieser Serie unkenntlich und zu einer geheimnisvollen Abwesenden werden lassen.
Im Foyer wird eine einzige Zeichnung mit einer Videoarbeit kombiniert. Der gefilmte Taucher namens Claude lässt dabei einen überraschenden Bezug auf die Nymphéas von Claude Monet aufscheinen. Die beiden Arbeiten stehen exemplarisch für Savarys künstlerische Strategie: Aus Hunderten von Dingen, die er aufgreift, fertigt er auf das Essenzielle reduzierte Arbeiten an; seien es fragmentarische Zeichnungen, lakonische Animationsfilme oder die wie bewegte Tableaux wirkenden Videoarbeiten. Die Einfachheit der Darstellung trügt, immer ist ein dissonantes Element dabei, das uns zu einem Spiel mit oft augenzwinkernden Bezügen und irritierenden Konfrontationen einlädt.

Bis 
29.03.2008

Zurzeit ist Denis Savarys Präsentation «meilleurs voeux/d'après» im Rahmen von «Satellite. Cycle Terrains de jeux 2/4» im Musée du Jeu de Paume in Paris zu sehen.

Denis Savary (*1981 in Granges Marnand) Studium an der Ecolecantonal d'art in Lausanne (ECAL). Lebt und arbeitet in Lausanne.
Savary hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten, u.a. 2004 den Preis der Fondation Ernest Manganel, Lausanne, sowie 2007 den Eidgenössischen Kunstpreis, 2004 ein Stipendium der Fondation Leenaards, Lausanne, und der Fondation Liechti, Nyon. Noch währendseiner Ausbildung, in den Jahren 2002 und 2003, beteiligte er sich am internationalen Festival VIPER für Filme, Videos und neue Medien, Basel, und erhielt in diesem Rahmen den Viper Swiss Award.

Einzelausstellungen in Institutionen (Auswahl):2008 Galerie Xippas, Athen (April/Mai), 2007 Galerie Xippas, Paris, Sima Gallery, Nürnberg,Musée Jenisch, Vevey 2005 «Elles portent des plaisirs qui leur sont propres mais qui n'ont rien à voir avec le plaisir de se gratter», La Russille, Schweiz; «Perpetual Motion Food», Sima Gallery, Nürnberg,Deutschland

Dominique von Burg, Kunst und Architekturhistorikerin, lebt als freischaffende Autorin und Kuratorin in Zürich.

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Dominique von Burg
Künstler/innen
Denis Savary

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