Editorial

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Wer kennt ihn noch, den kahlen Herrn auf unserer Titelseite? Er hiess Jacinto Benavente und erhielt 1922 den Nobelpreis «für die glückliche Weise, in der er die ehrenvollen Traditionen des spanischen Dramas weitergeführt hat». Beinahe zweihundert Stücke hat er verfasst, mit einnehmenden Titeln wie «Die frohe Stadt des Leichtsinns», 1919, oder - als über achtzigjähriger Junggeselle! - «Seine zärtliche Gattin», 1950.
Im Beitrag von Annette Mingels und Alex Hanimann erscheinen uns einige Köpfe bekannt. Beim Recherchieren stossen wir dann tatsächlich auf das eine oder andere Porträt und können es zuordnen: Der junge, ernste Mann entpuppt sich als der Pole Henryk Sienkiewicz, dem 1905 der Nobelpreis «auf Grund seiner grossartigen Verdienste als epischer Schriftsteller» zugesprochen wurde. Die elegante Dame mit dem durchdringenden Blick war Pearl S. Buck, die Tochter eines in China lebenden Missionars, die 1958 den Preis «für ihre reichen und wahrhaft epischen Schilderungen des chinesischen Bauernlebens und für ihre biografischen Meisterwerke» erhielt. Weitere Preisträger waren Boris Pasternak, der die «russische Erzähltradition» weiterführte, oder der Jugoslawe Ivo Andri´c, der die Motive und Schicksale aus der Geschichte seines Landes mit «epischer Kraft gestaltete».
Die detektivische Aufschlüsselung der Fotos führt nicht immer zum Ziel. Dies ist auch gut so, denn es geht den beiden «Paarläufern» Annette Mingels und Alex Hanimann nicht um biografische Details, sondern um «Augenblicke» im Leben unterschiedlichster Menschen, um das, was eben nicht in einem Lexikon nachzulesen ist. Damit stellen sie die Frage nach dem Wesentlichen im Leben. Die Gesichter erweisen sich als Fallen: Sie fordern uns eine geschärfte Aufmerksamkeit ab, die eigentlich keiner spezifischen Person gilt, sondern dem Menschlichen ganz generell. Claudia Jolles

Autor/innen
Claudia Jolles

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