«Experimenta Folklore»

Herbert und Johanna Kandl · Goldegg, 2005, Video.Foto: H. und J. Kandl

Herbert und Johanna Kandl · Goldegg, 2005, Video.Foto: H. und J. Kandl

Alexander Györfi und Peter Holl · Im Gegenlicht, 2008, Filmstill. © ProLitteris.Foto: Christine Schaal

Alexander Györfi und Peter Holl · Im Gegenlicht, 2008, Filmstill. © ProLitteris.Foto: Christine Schaal

Besprechung

Ein Trachtenchor. Aufgereiht im alpenländischen Idyll, auf sattgrüner Wiese vor blendend weissem Mauerputz, lächeln adrette Mädchen in die Kamera, die Hände brav im Schoss der Dirndlschürzen gefaltet. Nur das Volkslied, das sie singen, passt nicht ganz so gut ins Bild.

«Experimenta Folklore»

Oder vielleicht doch? Über Kopfhörer ertönt nämlich die Hymne auf den revolutionären «Comandante Che Guevara» - ebenfalls echte Folklore, denn als solche funktionierte das Lied, das Helmut und Johanna Kandl mit österreichischen Schülerinnen einstudiert haben, ehedem nicht nur in der DDR, sondern zeitweise auch im Westen.
Die Strategie, der die Experimentalanordnung des Künstlerpaars folgt, ist ebenso schlicht wie wirkungsvoll - und sie ist durchaus charakteristisch für das Panorama, das die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein bietet. Gerade weil das Thema beim Wort genommen wird, eröffnet sich ein denkbar breites und dem Material entsprechend buntes Spektrum an Zugängen und Perspektiven.
Am wenigsten verwundern dürfte der Bezug vieler Arbeiten zum verwandten Gebiet der Musik(-Performance), in dem mit Protagonisten wie CocoRosie oder Anthony and the Johnsons seit einigen Jahren kunstnaher «New Folk» boomt; von juneau/projects «Woodcraft Folk»-Gitarren, 2007, über Jim Shaws «Organ-Orchester», 2002, bis Konrad Sprengers «Drehharfen», 2003, ertönen selbstgebaute Instrumente. Die «Neuband» der HoneySuckle Company, 2000, und die modernistischen Megaphon-Attrappen von KostümTotal, 2008, wiederum verweisen auf jene frühen Avantgarden, deren Weg in die Abstraktion von Volkskunst inspiriert war.
Dazu gibt es Projekte - wie Jim Shaws Sammlung naiver Malerei, die der Künstler in Brockenhäusern ersteht, oder das «Folk Archive», das Jeremy Deller und Alan Kane zwischen 1999 und 2005 angelegt haben, die Originalmaterial präsentieren. Andere wie das Belfaster Kollektiv Faktotum, das sich seit 1959 in seiner Heimatstadt mit angewandten künstlerischen Mitteln politisch engagiert, werden selbst zum Gegenstand einer Dokumentation. Gerade weil sie sich Seite an Seite mit zeitgenössischen Arbeiten finden, die ihrerseits von Materialien und Techniken, Ästhetik und Bildsprache unterschiedlicher Traditionen und Auffassungen von Volkskunst inspiriert sind, wird die Klippe eines Wertegefälles zwischen den verschiedenen Sphären zu Gunsten einer wechselseitigen Erhellung der Künste glücklich umschifft: Grelles und Glamouröses, Kitsch und Witz, obsessive Basteleien und handwerkliche Präzision, Scheitern und Gelingen gibt es auf beiden Seiten - das Miteinander aber schärft nicht nur den Blick für feine Unterschiede, sondern auch für die Komplexität, die im Thema steckt.

Bis 
28.02.2009

Experimenta Folklore Magazin, Veenman Publishers, Rotterdam

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