Paarläufe: Annette Mingels und Alex Hanimann - Augenblicke

Fokus

«Paarläufe - zwischen Kunst und Literatur» ist eine Projektreihe, die Kunst und Literatur auf unterschiedlichen Plattformen in Dialog setzt. Sie wird vom Literaturhaus Zürich, dem Aargauer Kunsthaus sowie dem Kunstbulletin konzipiert. Die Texte von Annette Mingels und die Bildspur von Alex Hanimann umkreisen «Augenblicke», Momente im Leben bekannter oder unbekannter Menschen. Wer erkennt die Porträts der hier abgebildeten NobelpreisträgerInnen, die einst um die Welt gingen? Und auf wen beziehen sich die alltäglichen, präzis geschilderten Episoden von Annette Mingels? Der Beitrag erscheint anlässlich der Ausstellung von Alex Hanimann im Kunsthaus in Aarau.

Paarläufe: Annette Mingels und Alex Hanimann - Augenblicke

Annette Mingels und Alex Hanimann_Augenblicke (PDF-Datei)

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Als er sie zum ersten Mal besuchte, war er zu früh. Sie führte
ihn ins Wohnzimmer. Warte hier, sagte sie. Er setzte sich auf
das Sofa und schob ein Kissen zur Seite, auf welches das Wappen
einer Universität gestickt war. Zwei ineinander verwachsene
Bäume. Darunter: Scientiae et Patriae. Auf dem Couchtisch lagen
Bücher, ein Würfelset, zwei Brötchen, aus denen das Weisse he-
rausgekratzt worden war. An der Wand hing ein Foto von ihr: die
Augen gegen das Sonnenlicht zusammengekniffen. Daneben ein
Spiegel in einer goldenen Holzblume. Er hörte einen Fön, Schrit-
te, das Zufallen einer Tür. Wenn sie nicht zurückkommen würde,
müsste er hier sitzen bleiben. Die letzten Wochen hatte er nur
bis zu diesem Tag denken können, nicht darüber hinaus. Er würde
ein Buch lesen, dazu eines der Brötchen essen. Irgendwann das
zweite Brötchen. Das zweite Buch. Vielleicht würde er würfeln.
Jeder Pasch ein Wunsch. In der Nacht würde er seinen Kopf auf dem
Kissen betten. Manchmal würde er sich ans Fenster stellen und
den Drang verspüren, etwas auf die Strasse hinunterzuschreien.
Er würde dem Staub zuschauen, wie er sich ins Zimmer stiehlt. Er
würde sich vor den Spiegel stellen, sein Gesicht inmitten der
Blume. Er würde sagen: Mach was. Du kannst nicht ewig auf deinem
Arsch hocken bleiben. Vielleicht würde er sich selbst unheim-
lich, am dritten, vierten, fünften Tag. Vielleicht, dachte er er-
schrocken, auch nicht.

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Wunderschön sehen Sie aus, hatte der Verkäufer zu ihr gesagt,
und sie hatte sich vor dem Spiegel gedreht, einen zweiten, klei­-
neren Spiegel in der Hand. Auch von hinten sah sie hübsch
aus. Die Freundin probierte Kleider an, das weisse mit den Stief­-
mütterchen darauf, das rot getüpfelte, den blauen Taftrock.
Sie wolle, sagte sie, den Hut gleich aufbehalten, ihren Mann
damit überraschen, mit dem sie im Pavillon verabredet waren. Er
musste bereits warten. Wir sehen aus wie zwei Filmstars, sagte
sie, als sie zum Pavillon liefen, und die Freundin lüpfte ihren
neuen Rock ein wenig und tänzelte.
Im Pavillon stand ihr Mann, in der Hand eine Tüte, eine weitere
vor ihm auf dem Boden. Sie lief auf ihn zu, drehte sich,
lächelte abwartend. Er sagte: Was soll das denn sein, ein Witz?
Er lief um sie herum und kam aus dem Lachen nicht heraus, mit
einer Hand griff er nach dem feinen Netz und zog ein bisschen
daran. Ein Faschingshut, sagte er. Hat hoffentlich nicht viel
gekostet. Nein, sagte sie. Steht ihr aber doch, sagte die Freun-
din. Er schnaubte. Mir ist nicht so gut, sagte sie, ich gehe
lieber nach Hause. Kannst du die Einkäufe mitnehmen?, fragte er,
und so lief sie dann, in der einen Hand die Tüten, in der an-
­deren den Hut, zur Strassenbahn, die kam, kaum dass sie an der
Haltestelle stand.

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Als Kind hatte er sich jeden Abend einen Zettel für den nächsten
Tag geschrieben. Denk daran, die weisse Hose anzuziehen. Da-
zu die blaue Jacke. Oder: Guten Morgen. Trödel heute nicht rum!
Das Wort ?nicht? zweimal unterstrichen. Er hatte auf Quittungen
geschrieben, auf die Seiten eines Abreisskalenders, zwischen die
Figuren auf einer Spielkarte, auf karierte und linierte Blätter,
die er aus seinen Heften gerissen hatte.
Er vergass Bücher, verlor Turnbeutel, Handschuhe, Ordner, einmal,
an seinem elften Geburtstag, den Kompass, den er geschenkt be-
kommen hatte. Betragen eins, Ordnung drei. Manchmal verschimmel-
te in seinem Schulranzen eine Mandarine. Den Geruch konnte er
sich noch Jahre später in Erinnerung rufen.

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Die Putzfrau ist keine Putzfrau, sondern Haushälterin. Sie ist
schön, aber sie ahnt nichts von ihrer Schönheit oder es ist ihr
egal. Bevor sie kommt, räumt er auf. Sie sagt: Ich kann das
nicht alles schaffen in zwei Stunden. Sie sagt: Wenn ich etwas
mache, mache ich es gründlich.
Beim ersten Mal wollte er ihr aus dem Mantel helfen, aber sie
hielt den Mantel hoch, um zu zeigen, dass der Reissverschluss
kaputt war und sie ihn darum nie ganz öffnen darf. Immer schlüpft
sie aus dem Mantel wie eine Schlange aus ihrer Haut. Sie sagt:
Ich lade Sie in unsere Kirche ein. Das ist ein Geschenk, verste-
hen Sie? O, sagt sie, ich freue mich ja so für sie.
Sie lässt Broschüren liegen. Er liest die Geschichte von P. und
die von T. und S. Sie sagt: Wir richten nicht, denn wer richtet,
wird gerichtet. Aber, sagt sie, trotzdem. Sie läuft mit einem
Staubwedel durch die Wohnung und streichelt die Möbel. Die gelbe
Gerbera nickt ihr hinterher. Sie legt seine Hemden zusammen.
Er schiebt die leeren Kleiderbügel nach rechts. Beim Putzen hört
sie Gospelmusik, sie singt mit, ihre Stimme ist dünn. Jede
Woche verschwindet eine der Flaschen aus seinem Regal, bald wird
er nichts mehr anbieten können. Was er mag: wie das A und O
ihr den Mund öffnen, wie das I ihn breit macht und wie sie ihn
von ferne küsst, wenn sie ein U singt.

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Am fünften Tag träumte er von seinem Sohn. Im Traum war der Sohn
ein junger Mann, immer noch blond, aber nun grösser als er.
Kräftiger. Er trug Jeans und einen Pullover, als ob sich in zwan-
zig Jahren nichts ändern würde. Nie mehr. Er hatte etwas in
der Hand, eine Axt, ein Beil. Oder einen Degen. Er konnte sehen,
wie der Sohn sich vor ihm aufbäumte, und dann sah er sich
selbst, wie er ihm einen Kerzenständer über den Kopf schlug.
Er brach zusammen, natürlich brach er zusammen.
(Er dachte: Ich sollte den Stoffhasen wegräumen, damit er nicht
erstickt. Er sah ihn an von weit, weit oben, die einzige Sonne
in seiner Galaxie.)

Bis 
02.05.2009

Annette Mingels (*1971 in Köln) Studium der Germanistik, Linguistik und Soziologie in Frankfurt, Köln, Bern und Fribourg. Lebt und arbeitet als Autorin, Lehrbeauftragte und Journalistin in der Schweiz und Deutschland. Seit 2008 Kolumnistin für die FAZ. Zuletzt erschienene Publikationen: «Der aufrechte Gang», DuMont, Köln, 2006; «Romantiker. Geschichte von der Liebe», DuMont, Köln, 2007. Über letztern Band schrieb ein Kritiker: «Ohne zu psychologisieren, ist Mingels eine raffinierte psychologische Erzählerin».

Alex Hanimann (*1955 geboren in Mörschwil SG) 1978-81 Schule für Gestaltung Zürich. 1987 Mitbegründung der Kunsthalle St.Gallen. 1997-2004 Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission. Seit 1998 Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste. Lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich.

Veranstaltungen zu den Paarläufen mit Annette Mingels und Alex Hanimann: Literaturhaus Zürich, Montag, 6.4., 20 Uhr
Aargauer Kunsthaus, Donnerstag, 23.4., 19.30 Uhr
Katalog, «Binding Séléction d'Artistes», Hg. Aargauer Kunsthaus/Verlag für moderne Kunst, 2009

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