Sandra Boeschenstein, «Wie weit ist es hinter den Augen hell»

Sandra Boeschenstein · Wie weit ist es hinter den Augen hell, 2008, Tusche auf Papier, 29,7 x 21 cm. Edition Marlene Frei, Zürich

Sandra Boeschenstein · Wie weit ist es hinter den Augen hell, 2008, Tusche auf Papier, 29,7 x 21 cm. Edition Marlene Frei, Zürich

Sandra Boeschenstein · Videostill aus DVD, Sechs Filmische Kapitel von Edith Jud. Edition Marlene Frei, Zürich 2009

Sandra Boeschenstein · Videostill aus DVD, Sechs Filmische Kapitel von Edith Jud. Edition Marlene Frei, Zürich 2009

Besprechung

Wir kehren unsere Augäpfel nach innen und versuchen auszumessen, was Sandra Boeschenstein als Denkanstoss oder Frage formuliert. Mit dieser Geste berühren wir das Verhältnis von innen und aussen, von Körperlichkeit und Sinnesaktivität, und damit zentrale Kategorien dieser künstlerischen Position.

Sandra Boeschenstein, «Wie weit ist es hinter den Augen hell»

Ausgangspunkt der Zeichnungen von Sandra Boeschenstein ist die unmittelbare Dingwelt. Mit analytischem Blick begegnet sie Gegenständen und alltäglichen Handlungen, löst sie aus gewohnten Zusammenhängen und überführt sie in rätselhafte, teils prekäre Bildrealitäten. Antrieb hinter dieser Beschreibung der Gedanken- und Vorstellungswelt, «unserer Wirklichkeit», sind Fragen, die ihre existentielle Dimension aus ihrer vermeintlichen Einfachheit schöpfen: Was passiert mit Dingen, wenn wir sie ansehen? Existieren sie, wenn wir sie nicht wahrnehmen? In welcher Gangart bewegen sich Gedanken? In ihrer strukturellen Anlage erinnern gerade die kleinformatigen Zeichnungen und Arbeitshefte an Schautafeln oder wissenschaftliche Illustrationen; ein Aspekt, der durch die präzise Zeichensprache und die wie Kommentare gesetzten Worte und Sätze noch verfestigt, durch die befremdlichen Interaktionen und Gesetzmässigkeiten innerhalb der Bilder aber zugleich relativiert wird. Wiederkehrende Elemente des Bildvokabulars wie Tische, Vitrinen oder optische Geräte nähren den Eindruck von Versuchsanordnungen, in denen die Künstlerin ihre Sicht auf die Dinge, ihre Gedanken und assoziativen Verbindungen immer wieder neu auslegt und diskutiert. In den letzten Jahren hat Sandra Boeschenstein grosse, aus mehreren Blättern zusammengefügte Zeichnungen entwickelt, in denen sie die «Mentalität des Linienmaterials» sukzessive erweitet: Neben gezogenen oder punktierten Linien setzt sie mit einer Spritze vereinzelte Tusche-Markierungen oder überzieht grössere Flächen mit gestempelten, rapportähnlichen Bildformeln, die auf eigenen Motiven beruhen. Zugleich lotet sie in diesen Werken die Möglichkeiten von Bewegung und Räumlichkeit weiter aus. Kanten und Ränder, durchgezogene Linien, die über Nahtstellen hinweggehen oder Fäden, die über die Blätter gespannt sind: Sandra Boeschenstein befragt Grenzen als konstituierende Faktoren im zeichnerischen Prozess, erkundet sie aber auch inhaltlich, als Elemente von komplexen räumlichen Gedankengebilden. So markieren Löcher im Boden, Türen und Begrenzungen der Bildräume den Ort, an dem Bezeichnetes und Leerstelle, differenzierte Schilderung und schematisierte Form aufeinandertreffen und ein hybrides, bewegliches Gefüge herstellen, das auf dem Blatt, im Spannungsfeld von realer und imaginärer Welt zu schweben scheint.

Bis 
02.05.2009

«Sandra Boeschenstein. Sechs filmische Kapitel von Edith Jud», Edition Marlene Frei, Zürich, 2009

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