‹Fragments - Urban Realities in South Africa›

Marianne Halter · Mario Marchisella, The conductor's fear of the soloist - ten small pieces for violin, 2008/09, Videoinstallation mit Ton, Loop

Marianne Halter · Mario Marchisella, The conductor's fear of the soloist - ten small pieces for violin, 2008/09, Videoinstallation mit Ton, Loop

Christian Flierl · Aus der Serie Soweto: revisited, 2009, Across the street, renovated houses, tableau, Lambdaprints auf Aluminium, 50 x 50 cm, gerahmt ©ProLitteris

Christian Flierl · Aus der Serie Soweto: revisited, 2009, Across the street, renovated houses, tableau, Lambdaprints auf Aluminium, 50 x 50 cm, gerahmt ©ProLitteris

Besprechung

Nachdem sich bereits die Kunsthalle Bern in einer Ausstellungsreihe unseres Afrikabildes angenommen hat, beschäftigen sich nun auch im Bieler Photoforum PasquArt vier Schweizer Künstler mit einem afrikanischen Thema: der urbanistischen Entwicklung in verschiedenen Städten Südafrikas.

‹Fragments - Urban Realities in South Africa›

In Bern waren die Busse noch gelb: In einem Film des holländischen Architekten Rem Koolhaas, der 2010 in der Ausstellung ‹The Idea of Africa (reinvented) #1› der Kunsthalle gezeigt wurde - mittlerweile läuft #2 - sieht man unzählige gelbe Vehikel im nigerianischen Lagos im Stau stehen. In einem Video von Marianne Halter und Mario Marchisella hingegen, das in Johannesburg aufgenommen wurde und nun im Photoforum PasquArt zu sehen ist, sind die Busse weiss. Während aber Koolhaas sein Filmmaterial teilweise aus der Distanz eines Helikopter-Cockpits sammelte, hat sich Marchisella ins Getümmel gewagt - und spielt auf einer vielbefahrenen Kreuzung Geige.
Wobei diese Gegenüberstellung auch täuscht. In Bern war Niederländer Koolhaas nämlich nicht der Normalfall, sondern primär werden hier afrikanische Künstler gezeigt. In der von Bruno Z'Graggen kuratierten Bieler Schau dagegen sind nur Schweizer vertreten. Marchisella spielt denn auch mit dem europäischen Blick: Das Stück, das er mitten im Feierabendverkehr geigt, hört sich an wie ein Krimi-Soundtrack. Tatsächlich dramatisieren wir Europäer ja unsere Afrikabilder gerne mit künstlichen Mitteln wie der Hintergrundmusik, obwohl etwa ein Verkehrsstau auch hierzulande zum Alltag gehört.
Davor sind auch die Künstler in der Ausstellung nicht ganz gefeit. In ihrer eigenen Fotoserie ‹Diamonds›, 2008/09, verfolgt Marianne Halter mit der Kamera Nannies, die in vornehmen Quartieren gerade auf dem Weg zur Arbeit sind. Weshalb die Frauen für unheimlich und dramatisch wirkende Bilder herhalten mussten, bleibt etwas unklar. Wieder frontaler geht Christian Flierl aus Basel auf sein Forschungsobjekt zu. Für sein Projekt ‹Soweto: revisited›, 2009, hat er einerseits Bewohner des Townships interviewt, die als Mitglieder eines erstarkenden Mittelstands ein unternehmerisches Selbstbewusstsein entwickelt haben. Andererseits zeigt er deren zwar sehr kleine - die Grundstücke in Soweto waren normiert - aber extravagant ausgebauten Häuser im Stil der kühlen Frontalansicht von Ed Ruschas berühmter ‹Sunset Strip›-Serie.
In krassem Gegensatz zu diesem erstarkten Individualismus steht eine Fotoarbeit der Genferin Laurence Bonvin zu einem neu geschaffenen Kapstadter Township: Die Bilder rasch errichteter Wellblechhütten zeigen, dass die urbane Realität Südafrikas nicht nur aus emsig umherflitzenden weissen Bussen besteht.

Bis 
12.03.2011

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