Renée Levi, ‹Cursif›

Renée Levi · Ausstellungsansicht le Crédac, Ivry-sur-Seine, 2011. Foto: André Morin

Renée Levi · Ausstellungsansicht le Crédac, Ivry-sur-Seine, 2011. Foto: André Morin

Renée Levi · Liestal 2, 2010, 330 x 450 cm. Foto: André Morin

Renée Levi · Liestal 2, 2010, 330 x 450 cm. Foto: André Morin

Besprechung

Dem Malen eine Bühne, der Geste Arabesken: Mit ihrer aktuellen Einzelausstellung im Pariser Kunstzentrum crédac baut die Baslerin Renée Levi dem Drama der Malerei ein Theater. Und läuft mit ihren minutenschnell erstellten Gemälden, im raschen Zug des ‹Cursif›, in neue Räume.

Renée Levi, ‹Cursif›

Ivry-sur-Seine - Diese Malerei will ohne Text auskommen. Denkt man beim ersten Schritt in den schrägen Saal des crédac, eines ehemaligen Kinos. In der Mitte steht ‹Liestal 2›. Wir kennen die Leinwand aus der Kunsthalle Palazzo letztes Jahr: gross, weiss, auf grob gezimmertem Holzfuss und einfachem Rahmen, Format 4 zu 3, ein Bild-Schirm. Darauf: schwarze Schwünge, rasch aufgewischt. Rechts auf der Wand, anstelle des Titelschildchens, hängt ein visitenkartengrosses Stück Papier voll buntem Gekritzel. Ohne Titel, ohne Worte.
Doch die Schrift ist präsent: im ‹Cursif› des Titels als performativer Charakter. Im ‹ée› zwischen Kritzelwolken, zum Ausprobieren von Schreibgerät gemacht, als Signatur. Levi zeigt Schmierbücher aus Schreibwarenläden, einige Seiten hat sie an die Wand gepinnt, fünf Hefte liegen zum Blättern aus. Sie kontrastieren mit ihren rasanten Gemälden, lassen deutlicher hervortreten, dass die künstlerische Geste ihr Können nicht vergessen kann. Sobald sie einen Grund findet, ein ‹subjectile›, ein Stück Leinwand, wird die wildeste Kritzelei dialogische Form: Bild. Renée Levi will diesen Prozess nicht bändigen, will seinen Eigenwert freisetzen. Sie nimmt mit Bedacht auf, was der moderne Drang zur abstrakten Selbstreflexion zu früh liegen liess: das Drama Malerei, wie man es bei Lee Krasner oder Joan Mitchell findet. Und baut ihm ein Theater. In dem zeigt sie mehr als die Malergeste und deren raumgreifende Wirkung; auch mehr als Selbstreflexion der Malerei in der Darstellung ihrer Urszene.
«Es gibt Arbeiten für Museen», erklärt Direktorin Claire Le Restif, «und es gibt welche, an denen etwas aufbricht. Letztere zu zeigen ist Aufgabe des Kunstzentrums.» Die Kuratorin verfolgt seit 2003 Levis Arbeit, lernte sie durch Vermittlung von Eric Hattan in Basel kennen. Trotz internationaler Soloshows ist sie dem französischen Publikum wenig bekannt. Vielleicht sehen Maler, die zur Vernissage zahlreich angereist kamen, die Vorschläge im Werk der 51-Jährigen: kenntnisreiche Geste statt naiven Ausdruck, formbegabte Hand statt écriture automatique, selbstironisches Theater statt autoreferenzielle Malereispektakel. Levi malte indes hier die letzte Leinwand dieser Art, in situ, wie üblich bei der einstigen Architektin aus dem Hause Herzog & de Meuron. Blaue Farbe, von oben links nach unten rechts in einem Zug gestrichen, der Pinsel kippt, zeigt mal die Breite der Spur frontal, mal einen schmalen Streifen. Kein Testament, eher ein Manifest. Ins Offene.

Bis 
26.03.2011
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Renée Levi 14.01.201127.03.2011 Ausstellung Ivry-sur-Seine
Frankreich
FR
Künstler/innen
Renée Levi
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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