Olia Lialina - My Boyfriend Came Back From the War

Olia Lialina · My Boyfriend Came Back From the War. online since 1996 (MBCBFTW), aus: My -netscape, 1996, Screenshot

Olia Lialina · My Boyfriend Came Back From the War. online since 1996 (MBCBFTW), aus: My -netscape, 1996, Screenshot

Guthrie Lonergan · Burgers (My Burger Came Back From the War), 2012, Web Application

Guthrie Lonergan · Burgers (My Burger Came Back From the War), 2012, Web Application

Besprechung

Krieg trennt Menschen voneinander. Wenn sie sich wieder­sehen, fällt das Aufeinander-Zugehen schwer. Jeder hat so viel erlebt. Wie darüber sprechen? Mitte der Neunziger thematisierte dies Olia Lialina in einer bahnbrechenden Netzkunstarbeit, die bis heute online ist und Folgegenerationen inspiriert.

Olia Lialina - My Boyfriend Came Back From the War

Als die russische Filmkritikerin Olia Lialina 1996 für den Moskauer Filmclub Cine Fantom die Netzkunstarbeit ‹My Boyfriend Came Back From the War (MBCBFTW)› entwickelte, war das Internet gerade erst geboren. Es war die Ära des Modems, die Übertragungsgeschwindigkeit entsprechend langatmig. Daher galt es, ein möglichst «datenschlankes» Werk anzufertigen. Angelehnt an das Kader- und Montageprinzip des Films entschied sich Lialina für ein System von sich vervielfachenden Frames, wenigen, gering aufgelösten Bildern, knappen Sätzen und einer Schwarz-Weiss-Optik. Klickt man auf der schwarzen Startseite den weissen Titel an, so erscheinen zwei Bilder: rechts oben ein geschlossenes Fenster, links unten ein Mann und eine Frau. Die Darstellung des Paars kann man wiederum anklicken. Zwei erste Frames öffnen sich: einer mit der vorangegangenen Bildkonstellation und einer mit dem Gesicht einer Frau, das bei Mausdruck zu weiteren kleineren Frames führt. Wie bei einem Hypertext verläuft die Geschichte je nach Entscheidung unterschiedlich. Eine nonlineare, vieles offen lassende Erzählung, die Gesprächsthemen wie das immer bei sich getragene Foto, Seitensprünge, wilde Tiere, Todesgefahr etc. andeutet. Am Ende sind alle 17 Frames schwarz.
Heute kann man die Arbeit im beschleunigten Modus des derzeitigen Internets ansehen. Dass das Laden der einzelnen Bilder und Texte ursprünglich lange währte und damit dem zögernden Tasten nach den «richtigen Worten» entsprach, kann man indes im Haus der elektronischen Künste Basel erleben. Dort läuft die Arbeit auf ­einem kleinen Bildschirm. Neben dem Original sind Werke zu sehen, die auf MBCBFTW reagiert haben, manche noch aus den Neunzigern, andere in Form von Malerei oder Super-8-Film bis hin zu aktuellen Interpretationen im Tweetformat auf dem iPad. Die Ausstellung würdigt damit nicht nur eine historisch bedeutsame Netzkunstarbeit, sondern verdeutlicht auch die technische Entwicklung der letzten zwanzig Jahre: Beispielsweise integrierte JODI die Bilder in eine Wolfenstein 3D-Game-Version, in der Flash-Version von Aurea Harvey & Michaël Samyn kann man die Anzahl der gesprochenen Sätze erhöhen. Auch sind die Anfänge privater Websites auf der Plattform GeoCities aus Lialinas Archiv sowie alte Anleitungsbücher zur Erstellung von Websites zu entdecken.

Bis 
20.03.2016
Künstler/innen
Olia Lialina
Autor/innen
Yvonne Ziegler

Werbung