Editorial

TITELBILD · Matthias Gabi · Objet (Löwe), 2015, Fotografie

TITELBILD · Matthias Gabi · Objet (Löwe), 2015, Fotografie

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Auch wenn sich der König der Tiere genau betrachtet als Kunststofffabrikat der Firma Schleich entpuppt, wirkt er imposant. ­Seine Jagdgründe überblickt er aus der erhabenen Warte eines grob gewobenen Stuhlkissens, vor ihm erstreckt sich ein weiter Himmel, dessen makelloses Blau sich im weissen Dunst verliert.
Matthias Gabi greift für seine fotografischen Inszenierungen auf vertraute Mittel zurück. Als Himmel dient ihm eine Folie mit Farbverlauf aus dem Fotofachgeschäft, den Löwen hat er dem familiären Kinderzimmer entliehen. Mit kleinen Kontextverschiebungen lässt er Reales künstlich und Künstliches real erscheinen. Ihn interessieren Kippmomente, in denen Objekte und Staffage zu einem Bild und das Bild zu einer dreidimensionalen Szenerie werden. Doch gerade durch die aseptische Präsentation - oft zeigt er die Objekte im Stil herkömmlicher Studiofotografie isoliert vor einem monochromen Hintergrund - unterbindet er jede Form von erzählerischer Verdichtung oder atmosphärischer Aufladung. Wir können die inszenierten Bilder als beengend und blutleer oder als Modelle der Realität lesen. Als Aufforderung, selbst einzugreifen, Bezüge neu zu knüpfen und Kräfteverhältnisse zu verändern. ­Gabis Fokussierung auf die Haptik der Dinge - so auch in der Abbildung der historischen Publikation über den «Buchdruck als Agent des Wandels» - muten angesichts unseres zunehmend virtualisierten Alltags beinahe anachronistisch an.
Sieglinde Geisel richtet im aktuellen Kunstbulletin den Blick auf den drohenden kulturpolitischen Medienwandel und plädiert gegen die No-Billag-Initiative. Wir schliessen uns ihrem Votum an: Stellen Sie sich hinter die Medienvielfalt, werfen Sie am 4. März ein «Nein» in die Urne. Claudia Jolles

Autor/innen
Claudia Jolles

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