Future Love - Interaktionen mit synthetischen Bildern

Pinar Yoldas · Kassandra TCGACTTGATGAACTCTCTACCACACT, Born: Ann Arbor Michigan - 2048, Parents: Dr. Norbert Founders , Dr. Adele Founders, Distinct Qualities : Clairvoyance, from Designer Babies: We can now engineer the human race, 2017

Pinar Yoldas · Kassandra TCGACTTGATGAACTCTCTACCACACT, Born: Ann Arbor Michigan - 2048, Parents: Dr. Norbert Founders , Dr. Adele Founders, Distinct Qualities : Clairvoyance, from Designer Babies: We can now engineer the human race, 2017

Besprechung

Sind Küsse kopierbar? Wie mischen sich Technologien in den Haushalt unserer Emotionen ein? Verspielt lehnen sich die Labors der Medienkunst gegen Liebesnormen auf. Insekten und Pflanzen liefern Modelle für heutiges Paarungsverhalten. Die Liebe ist so archaisch und so vernetzt wie noch nie.

Future Love - Interaktionen mit synthetischen Bildern

Die Gruppenausstellung geht von der Zukunft aus. Genauer: von dem, was wir mit Zukunft verbinden, wenn wir sie in Kategorien des technologischen Fortschritts denken. Dann nämlich könnte es sein, dass die Interaktion mit synthetischen Bildern unsere erotischen Präferenzen aufweichen oder wir die uns zuträglichen Hormone per Hausrezept selbst herstellen. «Vielversprechend» stelle sich die Zukunft von ­Leben und Lieben dar - so das HeK: Online schüren Modelle unser Begehren, die Grenzen der Geschlechter sind fluid, und für jenes Leben, dem die eigene Agenda keinen Platz mehr lässt, delegieren wir die Suche nach dem Glück in Echtzeit an digitale Avatare. Streng genommen sind wir also mit der ‹Future Love› schon weit.
Das führt etwa die !Mediengruppe Bitnik vor, wenn sie fünf fingierte Nutzerinnen des Dating-Portals Ashley Madison zum digitalen Maskenball aufbietet. Oder ­Dmitry Morozov, der seinen beim Geschlechtsverkehr aufgezeichneten Biodatensatz an ­einen Roboter vererbt und diesem damit eine primär maskuline Identität verleiht. In hoch artifizieller Farbigkeit und Dynamik simuliert Pinar Yoldas den genetisch möglichen Entwurf vom idealen Nachwuchs - lautlos schwebt dessen glühende Zellteilung unter gläsernen, flachen Vitrinen und unterwandert das Bewusstsein um Alter und Tod: Die technologische Machbarkeit hat den Begriff von «Natur» neu codiert, das kulturelle Bildgedächtnis nährt den Datensatz für unheimlich surreale Visionen.
Ausgerechnet durch die digitale Entfremdung verursacht ist die Ohnmacht in der Sexualität, für die Wong Pings Animation bittersüsse Bilder findet. Es ist ebenso kritisches Bedenken wie die fröhliche Komplizenschaft mit Verfahren der Wissenschaft, die im HeK zurzeit die Selbstermächtigung zu einem Leitmotiv künstlerischer Praxis erhebt: Algorithmen, die erotisches oder sportliches Verhalten in geregelten Bahnen halten, lassen sich neu programmieren. Die Transgender-Künstlerin Micha Cárdenas entflieht der psychosozial demütigenden Beobachtung und birgt in der Konserve ­ihres eigenen Spermas ein mikroskopiertes Stück Sehnsucht und Poesie. Wie das Männerbild, von Una Szeemann nach dem Wortschatz für einen Traumpartner geformt, zur amorphen Fingerarbeit verkommt, erzählt dann doch, dass sich das Verhältnis der Geschlechter dem ganz Direkten, Haptischen nicht so schnell wird entziehen können. Der 3D-Scanner hat keine Bedürfnisse. So wird er wahrscheinlich auch die Liebe der Zukunft nicht retten.

Bis 
15.04.2018

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