Georg Aerni

Georg Aerni · Plastiche, Ostuni VIII, 2016, Pigment-Inkjet-Print; 60 x 48 cm/120 x 96 cm

Georg Aerni · Plastiche, Ostuni VIII, 2016, Pigment-Inkjet-Print; 60 x 48 cm/120 x 96 cm

Georg Aerni · Plastiche, Salve, 2015, Pigment Inkjet-Print; 72 x 96 cm/36 x 48 cm

Georg Aerni · Plastiche, Salve, 2015, Pigment Inkjet-Print; 72 x 96 cm/36 x 48 cm

Hinweis

Georg Aerni

Kein Ort, nirgends. Ortlos und menschenleer erscheinen die architektonischen und pflanzlichen Fundstücke, die Georg Aerni (*1959, Winterthur) unter dem Titel ‹Plastiche› fotografisch verewigt hat. Sie erzählen von vergangenen Jahrhunderten, hinterlassen ihre Spuren aber bis in die Gegenwart. Und das, was sie verkünden, ist eine Geschichte des Verfalls.
Zu sehen sind urtypische Solitärbauten aus Stein, uralte Bäume mit gnomenhaft verwachsenen Stämmen und gläsern glänzende Solarpaneele auf Grasland. Jedes Sujet wird für so bildwürdig erachtet wie das andere und jedes Sujet beansprucht sein eigenes Bild. Die verschiedenen Motive erscheinen so eigenartig, so selbstgenügsam und widerborstig, dass sie den seriellen Zusammenhang, in den sie in der Galerie durch die blockhafte Hängung gezwungen werden, fast zu verweigern drohen. Statt sich anzuziehen, scheinen die unterschiedlichen Bildgattungen einander abzustossen.
Dennoch gibt es einen Zusammenhang. Doch worin liegt er? Das Bindeglied liefern die Geografie und Kulturgeschichte einer europäischen Region, nämlich Apuliens, jener südöstlichen Provinz des italienischen Stiefels. Aernis Bilder, die ihren kausalen Zusammenhang auf den ersten Blick verweigern, dokumentieren den heute vernachlässigten Zustand von ehemals intensiv genutzten, über Jahrhunderte hinweg fruchtbaren Landwirtschaftszonen, die eine ganz eigene Kulturgeschichte hervorgebracht haben: kreisrunde Taubentürme, «torre columbaia», die von ihrer ursprünglichen Funktion befreit die verfallenen Gutshöfe überlebt haben, zu denen sie ehemals gehörten und die heute in der Landschaft einsame Akzente setzen. In den oft von den Gutshöfen weit entfernt gelegenen, von knorrigen Stämmen gekennzeichneten Olivenhainen errichteten die Bauern arche­typische Gewölbebauten, die ihnen während der Ernte als temporäre Unterkünfte dienten. Das Formvokabular der in Trockenbauweise Stein auf Stein gebauten «Pajare» entlehnten sie dabei den Vorbildern jahrtausende­alter Herrschaftsarchitektur, namentlich den Stufenpyramiden, die im kleinen Massstab als Motiv häufig variiert wurden.
Seit dem Ausbruch der «Xylella fastidiosa» 2012, einer Krankheit, die Olivenbäume befällt und allmählich absterben lässt, wurden viele Haine zerstört und der gewonnene Platz für das Errichten von Solarpaneelen genutzt. Zunächst scheinen die Sonnenkollektoren den bis zu zweitausend Jahre alten Olivenbäumen den Garaus zu bereiten. Ironie des Schicksals: Von einigen dieser Sonnenkollektoren ist schon nach knapp zwanzig Jahren nur mehr ihr Traggerüst übriggeblieben. Olivenbäume gibt es immer noch in der Region.

Bis 
17.03.2018
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Bob Gysin Schweiz Zürich
Künstler/innen
Georg Aerni
Autor/innen
Mechthild Heuser

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