John Armleder - Abstand nehmen und Verantwortung tragen

Hors sujet, 2018, Ausstellungsansicht Galerie Joy de Rouvre Genf © ProLitteris. Foto: Annik Wetter

Hors sujet, 2018, Ausstellungsansicht Galerie Joy de Rouvre Genf © ProLitteris. Foto: Annik Wetter

Hors sujet, Spray auf teils kartoniertes Papier, 7 Tafeln in verschiedenen Formaten in einer Kartonschachtel 60 x 60 cm, Edition in 8 Exemplaren © ProLitteris. Foto: Annik Wetter

Hors sujet, Spray auf teils kartoniertes Papier, 7 Tafeln in verschiedenen Formaten in einer Kartonschachtel 60 x 60 cm, Edition in 8 Exemplaren © ProLitteris. Foto: Annik Wetter

Fokus

Das polymorphe, spielerische, feierliche Werk John Armleders hat mit dem, was man unter «engagierter» Kunst versteht, ­wenig zu tun. Eine Veranstaltung des Centre d'Art Contemporain in Genf zeigte jedoch einen vom Weltgeschehen tief betroffenen und bedrängten Zeitgenossen. Ein Gespräch mit dem Siebzigjährigen über Kunst und Politik.

John Armleder - Abstand nehmen und Verantwortung tragen

Jedes Jahr tanzt die Genfer Kunstszene unter von John Armleder installierten Disco­kugeln, Leuchtgirlanden, Plastiktannenzweigen und - je nach Motto - weiteren Elementen im Bâtiment d'art contemporain/BAC in die Festtage. Bevor der DJ Ende 2017 den Ball eröffnete, fand diesmal im Vortragssaal die Buchvernissage des Ausstellungskatalogs des CAC 1974-2017 statt. Nebst drei der vier Kurator/innen, die das Centre d'Art Contemporain seit der Gründung durch Adelina von Fürstenberg geleitet haben, ergriff auch Armleder das Wort - er hat dem Projekt von Anfang an hochherzig und tatkräftig Pate gestanden. Mit nassen Augen erinnerte er daran, dass seine Generation damals daran geglaubt habe, viele der Probleme der Welt lösen zu können, stattdessen sähen wir heute in noch schlimmere Abgründe: «Während ich spreche, sterben unzählige Menschen in Kriegen oder weil sie nicht die richtigen Medikamente haben.» Es möge eigenartig erscheinen, davon zu sprechen, während er ein Weihnachtsfest um die Fernsehserienfigur Alf vorbereite. Das Paradox sei permanent. Er denke aber: «Wir haben Glück, dank Adelina diese Plattform zu besitzen, die uns die Verantwortung gibt, die Welt zu verbessern.»

Ich hakte an der nachfolgenden X-Mas Party nach, inwiefern er diese Verantwortung im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik denn wahrnehme, und traf ihn im Januar in seiner Stammbeiz, um die Antworten aufzuzeichnen.

Globale Lektüre
Holderegger: Ihre engagierte Aussage an der Buchvernissage im CAC hatte mich sehr verblüfft angesichts Ihres Werks, das ausgesprochen nonchalant ist und das Sie ab den Neunzigerjahren auch schlicht und einfach als Ware dargestellt haben. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Künstler und Bürger?

Armleder: Wir bewegen uns hier auf einer weiten Diskursebene. Ich denke, dass man als Künstler/in in unserer Gesellschaft oder generell in der Gesellschaft sehr privilegiert ist. Man kann eine Position des Abstands einnehmen, eine globale Lektüre betreiben, die sehr, sehr frei ist und die sonst kaum jemand hat. Nicht einmal ein Priester oder ein Offizier ist so privilegiert, obschon sie sich ebenfalls viele Freiheiten nehmen können. Diese Position gibt uns in meinen Augen auch die Verantwortung, eine Lektüre der Gesellschaft vorzunehmen und sich dieser gemäss zu engagieren. Das kann man auf unterschiedliche Weise tun. Es gibt Kunstschaffende, die sich in ihrer Arbeit politisch engagieren, indem sie entsprechende Werke schaffen. Dies ist gewiss wichtig und richtig, aber ohne Risiko. Ich will nicht absolut sein. Ich denke jedoch, dass Kunstschaffende aufgrund der privilegierten Position eine politische Verantwortung haben, aber nicht unbedingt, indem sie dies in ihrer Arbeit illustrieren.

Holderegger: Nicht nur die documenta 14 letztes Jahr hat eine Polarisierung zwischen der von ihr vertretenen, engagierten, oft marginalisierten Kunst und einer stärker auf den Markt ausgerichteten Kunst suggeriert. Auch Kulturwissenschaftler wie etwa Wolfgang Ullrich sprechen von zwei verschiedenen Kunstszenen, ­einer staatlich finanzierten und einer immer unverhohlener kommerziellen ­«Sieger-Kunst», die der Selbstdarstellung der jüngsten Wirtschaftsgewinner dient.

Armleder: Ich glaube, dass dies falsch ist, auch wenn ich diese Lektüre verstehe. Sich auf den Markt auszurichten, will nicht viel heissen. Ai Weiwei ist bspw. ein Künstler, der auf den Markt ausgerichtet ist. Er ist jedoch jemand, der ständig von sozialen ­Situationen spricht. Vielleicht ist sogar eher das Gegenteil wahr: Ein Kunstschaffender, der sein Programm in der eigenen Arbeit nicht gut deklariert, erhält in der Öffentlichkeit weniger Beachtung. Es gibt dabei jedoch tausend Möglichkeiten, wie man sich positionieren kann. Ich denke, dass sich auch ein Jeff Koons so über unsere Gesellschaft äussert, dass sich die Medien, der Markt und die Museen für ihn interessieren.

Teilen und helfen
Holderegger: Jeff Koons hält uns vielleicht eher einen Spiegel vor, während Ai Weiwei die Gesellschaft oft explizit anklagt.

Armleder: Letztlich wird jede künstlerische Position, die Aufmerksamkeit auf sich zieht, von den verschiedenen Strömungen der Gesellschaft anerkannt werden. Es gibt ­jedoch einen grossen Unterschied in Bezug auf die Situation, in der wir uns bei der Eröffnung des CAC befanden. Es gibt vor allem viel mehr Menschen auf dem Planeten. Wir sind 2-3 Milliarden mehr als 1974. Die Leute leben länger. Es gibt etwas mehr Reiche und vor allem viel, viel mehr Arme. Die Situation hat sich insofern überhaupt nicht verbessert. Es gibt darüber hinaus eine bisher ungekannte Simultanität, die durch eine eigenartige Unschärfe ausgeglichen wird. Wir wissen, was gleichzeitig in Australien passiert, aber wir wissen doch weniger. Es gibt keinen Filter. Aber ich sage oft: Je mehr sich ändert, desto mehr ist es das Gleiche.
Die Probleme, die man als Individuum hat, sind immer noch die gleichen wie in Alt­ägypten oder im Mittelalter. Die Leute versuchen ihre Gesundheit zu erhalten, ihre Affekte zu beschützen, so gut wie möglich zu kommunizieren. Wir leben jedoch länger und erfahren weit mehr, nur schon, weil wir nachts Licht haben. Auf dem Papier sollte daher alles anders sein, aber letztlich ist es nicht so anders. Ich hatte vor Jahren ein schlimmes Gesundheitsproblem und sollte mehrmals sterben. Ich war 14 Monate im Spital und wurde mit einer Sonde ernährt. Ich hatte den Eindruck, alles würde sich verändern. Man sieht die Welt mit ganz anderen Augen, aber letztlich ist alles gleich geblieben. Die radikale Bilanz zieht man nie.

Holderegger: Lassen Sie uns zur Wahrnehmung der Verantwortung des Künstlers, der Künstlerin zurückkehren, die sich aus der absoluten Freiheit einer solchen globalen Lektüre ergibt.

Armleder: Das ist ein grosses Problem. Es gibt eine Art und Weise zu leben, die Dinge zu teilen, zu helfen. Die Kunst ist eine Plattform, die es erlaubt, viele Menschen zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Ich war stets extrem zugänglich für die Anliegen anderer Kunstschaffender. Wann immer man mir vorschlug, etwas zu zeigen, habe ich in der Regel gesagt: «Ja, aber wir machen dies zusammen mit anderen Künstlern/innen.» Nach wie vor unterhalte ich einen Stand an der Art Basel, an dem ich andere Kunstschaffende zeige. Dabei geht es mir nicht um eine normale kommerzielle Aktivität. Ich gebe die Verkäufe vollständig weiter. In meiner Jugend nahmen die politischen Aktivitäten einen noch höheren Stellenwert ein, als Zwanzigjähriger musste ich für sieben Monate ins Gefängnis, weil ich den Militärdienst verweigerte. Dennoch habe ich nie den gleichen Diskurs wie Thomas Hirschhorn geführt. Seine Haltung ist etwas anderes, ich respektiere sie. Für mich ist das politische Engagement stets eine soziale Aktivität geblieben.

Holderegger: Gerade nach der Wahl in den USA wurde der Vorwurf erhoben, dass das politische Engagement durch Ästhetisierung verpufft. Als Beispiel wurde die ­Occupy-Wallstreet-Bewegung angeführt, die an der Manifesta 13 eingeladen wurde, aber zugleich erlosch.

Armleder: Ich weiss nicht, ob das Engagement ästhetisiert wird. Es wird vielleicht hedonistisch zelebriert. Warum nicht? Auch eine Möglichkeit! Aber ich denke nicht, dass man so die Welt effizient verändert kann. Ich gehöre zur Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, die glaubte, die Welt verbessern zu können. Haben wir das getan? Ich denke, politische Vorgänge sind weniger klar lesbar geworden. Es ist heute schwieriger, sich als Zwanzigjähriger gegenüber der Gesellschaft zu definieren. Es ist weniger klar, was rechts, links, schwarz, weiss ist. Die Leute in meinem Alter beginnen wie meine Eltern zu sagen, dass es früher besser war. Die Generation meiner Eltern hatte jedoch den Zweiten Weltkrieg veranstaltet.

Relativismus und Determination
Holderegger: Vielleicht gehört Nostalgie zum Menschen.

Armleder: Ich glaube, dass es mit Ausdrucksweisen zu tun hat. Man denkt, die Dinge sind nicht mehr gleich wie früher, weil sich die Sprachen, in denen sie verhandelt werden, verändert haben.

Holderegger: Ist mit Relativismus, der in den Sechziger-, Siebzigerjahren viel ­Spreng­kraft gegen Konservatismus bot, im Zeitalter der Fake News, darunter ­einer Leugnung der Klimaveränderung, den aktuellen Aufgaben noch zu begegnen?

Armleder:Die Leute, die denken, die Erde ist flach, haben nicht unrecht. Es ist eine Frage des Standpunkts. Aber wie gesagt, die Lage ist heute komplexer.

Holderegger: Ihr Werk hat wenigstens in der Romandie auch bei den jüngeren Generationen eine enorme Resonanz gefunden. Bis heute ist Neo-Geo in Mode, und der dekorative, totale Charakter vieler Arbeiten lässt sich wohl von Ihren Furniture-Sculptures ableiten. Wie blicken Sie auf dieses Weiterleben ihrer Ansätze?

Armleder: Dazu müssen sie die Kunstschaffenden befragen. Ich hatte stets viel Sympathie für andere Kunstschaffende, auch solche, die vollkommen anders arbeiten. Das war nicht immer gegenseitig. Als aufkam, was als Neo-Geo bezeichnet wurde, begannen mich viele Kunstschaffende, mit denen ich vorher befreundet war, zu verachten, weil sie glaubten, ich hätte ein ästhetisches Programm propagiert, vor allem in Deutschland. Ich habe jedoch nie behauptet, gewisse ästhetische Formen seien bedeutender oder andere Ausdrucksweisen integerer, moralischer. Ich interessierte mich einfach für gewisse Dinge mehr als andere. Als ich mit Helmut Federle und Olivier Mosset unter diesem «Label» gemeinsame Ausstellungen machte, geschah dies nur, weil wir plötzlich die Möglichkeit dazu hatten.

Holderegger: Der Kontrast zu den vorher angesagten Neuen Wilden, die mit Inbrunst Liebesverlangen und Todesahnungen malten, war natürlich gewaltig. In den neuen Arbeiten, die in der Galerie Joy de Rouvre gezeigt werden, sind auch Gesten vorhanden, die eher situationistisch und performativ anmuten.

Zufälle und Fehler
Armleder: Das ist ein Resultat der Zusammenarbeit mit der Galeristin sowie dem Herausgeber des Portfolios ‹Les éditions R2/12› zur Ausstellung. Er hatte mir verschiedene Bildträger vorgeschlagen. Wenn ich etwas plane, möchte ich immer erreichen, dass die anderen Personen so viel wie möglich machen und ich so wenig wie möglich. Ich liebe Zufälle und Fehler. Eine meiner grossen Inspirationen war John Cage, dem ich mit zwölf Jahren begegnet bin. Das habe ich nie vergessen. Doch nicht immer funktioniert das Delegieren. Ich wollte eigentlich wie bei den Wandgemälden, die ursprünglich für den Raum von Joy in Carouge geplant waren, solche Formen, wie man sie mit dem Finger auf das iPhone zeichnen kann, auf die Unterlagen projizieren. Ich dachte, es sei alles dafür vorbereitet, aber dem war nicht vor. So habe ich Sprays gekauft und die Unterlagen intuitiv damit besprüht, ungefähr so, wie ich meine Peintures-Couleurs mache. Die Leute lesen dann Dinge in diese Flecken hinein. Spannend ist, dass die Lektüren unseres Tuns nie versiegen. Letztlich haben alle ihre Berechtigung. Dies gilt auch für politische und ästhetische Theorien. Man determiniert sich in Bezug auf das Leben, das man leben will.
Das Interview wurde am 17.1.2018 im Stammlokal von John M. Armleder an der Rue Voltaire geführt. Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin, Kuratorin, lebt in Gland. kholderegger@hotmail.com

Bis 
04.03.2018

John M. Armelder (*1948), lebt und arbeitet in Genf

1966-1967 Ecole des Beaux-Arts Genève
1969 Glamorgan Summer School, Wales
1969 Gründung der Groupe Ecart mit
1973-1990 Galerie Ecart
1979-1980 Eidgenössisches Kunststipendium
1995-2013 Professor an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
1995-2013 Professor an der Ecole cantonale d'art Lausanne

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 Museo Madre, Napoli, Museion, Bolzano
2017 Almine Rech Gallery, New York; David Kordansky Gallery, Los Angeles; Stockage, Istituto Svizzero di Roma; ‹RCHX›, Massimo De Carlo, London; ‹Better, Quasi›, Massimo De Carlo, Milano; ‹Split! (2017)›,
Museo e Real Bosco Di Capodimonte, Napoli
2016 Athens School of Fine Arts, Mykonos; ‹Endless›, Museion, Bolzano; ‹Fish›, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Wien
2015 ‹Charivari›, Massimo De Carlo, Milano; Académie Conti, Vosne Romanée, ‹It's that Time of the Year, Too›, Galerie Mehdi Chouakri, Berlin; ‹OUT!›, Galerie Andrea Caratsch, Zürich
2014 Burning Bridges, New York; ‹La Bruche du Haricot›, Almine Rech Gallery, Brussels; Galerie Richard, New York, ‹Scramble›, Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, Wien; ‹Où sont les sauces?›, Le Consortium, Dijon; ‹Ring Bell Twice›, Galerie l'elac, l'ECAL, Renens; Musée National Fernand Léger, Biot
2013 ‹Quicksand›, The Dairy Art Centre, London; Nahmad Contemporary, New York, ‹XXV (réjouir)›, Galerie Anselm Dreher, Berlin; ‹There is noting else to to. Hawaiian music selected life by John Armleder›,
Walden Geneva; Galerie Andrea Caratsch, St. Moritz/London/Zürich

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