Judith Albert - Mit tastender Kamera den Bildrändern entlang...

Nu à l'écharpe orange (d'après Vallotton), 2009, Video, 8', Ton, Loop © ProLitteris

Nu à l'écharpe orange (d'après Vallotton), 2009, Video, 8', Ton, Loop © ProLitteris

Schwarzes Loch, 2016, Video, 3'40'', ohne Ton, Loop © ProLitteris

Schwarzes Loch, 2016, Video, 3'40'', ohne Ton, Loop © ProLitteris

Fokus

Langsamkeit und Kontemplation sind Aspekte, die wir nicht primär mit dem Medium Film verbinden. Dennoch setzt Judith ­Albert sie in ihren Video-Arbeiten als zentrale Instrumente ein, um die Konstruktion von Bildideen zu befragen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Appropriation. Das Kunstmuseum Solothurn zeigt eine umfassende Schau ihrer Werke.

Judith Albert - Mit tastender Kamera den Bildrändern entlang...

Sucht man bei google.ch nach Vallottons Gemälde ‹Nu à l'écharpe verte› von 1914, so erscheint - zumindest in meiner virtuellen Blase - prominent unter den ersten Bildvorschlägen ein Foto, das dem gesuchten Avantgarde-Werk sehr ähnlich ist und doch entschieden davon abweicht: Die nackte Frau, die auf dem weinroten Samt selbstversunken genüsslich ausgestreckt liegt, ist nicht blond, sondern brünett. Das ­orange statt grüne Tuch, das nur spärlich verhüllend um ihre Hüfte gelegt ist, ist zudem - als markanteste Ergänzung zu Vallottons Bildidee - mit einem grossen, lilafarbenen Oktopus besetzt, der seine Tentakel über Beine, Brust und Achselhöhle der Nackten verströmt. Als Protagonistin dieses «Reenactments» ist Judith Albert erkennbar, und wer das Glück hatte, den zugehörigen Film zum Still zu sehen, weiss, dass der ­Krake deutlich sichtbar im Gleich- oder Wechseltakt mit der Künstlerin ­atmet, während aus der Ferne zögerlich, teils stockend die Klavierklänge von Erik Saties ‹Gnossienne No.1› erklingen.
In den ruhigen, kontemplativ angelegten Videos, für welche Albert bekannt geworden ist, stellt die Künstlerin ihren Körper oft in den Dienst ihrer Konzepte, als Stellvertreterfigur und Projektionsfläche. Ebenfalls spielt die Aneignung bestehender Bilder und Geschichten eine Rolle in ihrem Schaffen, wobei das impulsgebende Ausgangsmaterial nie bloss neu aufgelegt, sondern nach seinen Essenzpartikeln befragt und inhaltlich weitergesponnen wird. ‹Nu à l'écharpe orange (d'après ­Vallotton)› von 2009 etwa verbindet eindringlich Sinnlichkeit mit Fleischlichkeit und ja, vielleicht auch mit Überlegungen zur evolutionsbedingten Herkunft der Lust. Denn irgendwie begann doch alles im Wasser, im Reich des Oktopus...

Wann ist ein Bild ein Bild?
Alberts aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn fokussiert auf den Aspekt des Aneignens und heisst entsprechend ihrem Umgang mit dieser künstlerischen Methode ‹Continuo›, zu Deutsch etwa «ich führe fort, ich gehe weiter». Das tut Albert nicht nur mit kunsthistorischen Ikonen wie den Werken von Vallotton, für den sie eine langjährige Faszination hegt, sondern zuweilen auch mit ihren eigenen Arbeiten. 2012 hatte sie, gemeinsam mit ihrem Lebens- und häufigen Projektpartner Gery Hofer sowie mit Brauen Wälchli Architectes, die Apsis der Solothurner Kathedrale St. Urs und Viktor eindrücklich dezent neu gestaltet. Kernstück des Konzepts war ein 8,7 Tonnen schwerer Block Carrara-Marmor, den Albert in Anlehnung an Da Vincis berühmtes Abendmahl-Fresko zu einem Tisch modellieren liess, bedeckt von einem scheinbar schwebend leichten, weissen Tuch. Die textil anmutende Oberfläche dieses steinernen Altars bildet nun die Basis für die Videoarbeit ‹Austern›, die Albert für ‹Continuo› realisierte: Vor dem Hintergrund einer plakatgrossen Fotografie des weissen «Tuchs» komponieren die Hände der Künstlerin in einer komplexen Schichtung von Bildversatzstücken ein Stillleben par excellence. Die Gestaltung der Bildillusion geht dabei einher mit deren Dekonstruktion - und doch können wir am Ende des Clips nicht mit Sicherheit sagen, wo das Dreidimensionale aufhört und das Zweidimensionale beginnt.
Das Nachdenken darüber, was ein Bild ist und sein kann, und was das Medium Film zu unserer Idee davon beiträgt, ist in Judith Alberts Werken stets implizit. Das gilt auch für jene zahlreichen Videos, die sich nicht an kunsthistorische Vorlagen, sondern an alltägliche Gegebenheiten anlehnen - den Schattenwurf der Künstlerin im nächtlichen Widerschein eines Fensters etwa oder die Spuren, die sie bei einem Gang im Kreis auf einer schneebedeckten Ebene hinterlässt (und mit denen sie ihren ganz eigenen Abgrund vorzeichnet). Stets wirkt das Setting eher bildhaft als filmisch. Meist wählt Albert einen statischen Kamerablick und verzichtet auf Schnitte in der Endbearbeitung des Materials. Die technischen Tricks, die sie mitunter anwendet, stammen aus den Kinderschuhen des Filmemachens und sind jeweils mit Absicht erkennbar: das Aufgezeichnete rückwärts abspielen lassen zum Beispiel oder es projiziert auf einer «Kulisse» aus Papier neu abfilmen. Die Solothurner Ausstellung hält mit ‹Maria breit den Mantel aus (East End)› von 2011 und ‹Mare Mosso› von 2015 je ein Beispiel der genannten Kniffe für uns bereit. Betört bleiben wir vor diesen nur langsam sich entwickelnden, eindringlichen Bildfindungen stehen. So stimmen wir der Künstlerin ohne Weiteres zu, wenn sie sagt, dass ihr spezifischer Umgang mit der Videotechnik, der die heutigen Möglichkeiten des Mediums nur bedingt ausschöpft, ihr auch weiterhin genügend Widerstand bietet.
Anregend widerständig ist für uns als Betrachtende unter anderem die Spannung, die vom entschleunigten Tempo herrührt und die selten im eigentlichen Sinne kulminiert. Nicht einmal da, wo wir explizit Gefahr wittern, etwa wenn in ‹Judith und Holofernes› von 2013 gemächlich ein ganzes Arsenal von Messern vor unseren ­Augen einsatzbereit gemacht wird, tritt der erwartete Höhepunkt ein. Vielmehr entlässt ­Albert unsere Gedanken mit einem unspektakulären Schlussbild oder oft auch mittels Loop in ein Terrain jenseits der Videosequenz, wo wir fast automatisch mit der Deutungsarbeit beginnen.

Was Hände erzählen...
Der Einbezug des Raums jenseits des filmischen Geschehens ist bei der Entschlüsselung von ‹Zwei linke Hände› von 2010 geradezu unumgänglich: Auf dem Bildschirm tasten sich Alberts rechte Hand und die papierne Kopie ihrer linken vorsichtig gegenseitig ab. Das Erforschen der Bildillusion und das Befragen des Bildes vom ­eigenen Ich stehen buchstäblich im Fokus der Aufnahme. Im toten Winkel der Kamera aber führt Judith Albert mit ihrer echten, linken Hand das fotografierte Abbild derselben an die reale Rechte heran. Hier gibt also der Werktitel den Anstoss dazu, auch über die rein praktische Bewerkstelligung der Bildproduktion nachzudenken.
Neben ihrer Vorliebe für Alltägliches, neben der Appropriation und ihrem spezifischen Einsatz des Mediums Film sind die eigenen Hände ein wichtiges Leitmotiv ihrer Werke. Manchmal sind sie Hauptdarsteller - so etwa bei dem seit 2000 fortlaufenden Langzeitprojekt ‹Orte an denen ich glücklich war›: Da hängt vor einem mehr oder weniger unspektakulären Hintergrund, vor einer bekannten Sehenswürdigkeit oder einem namenlosen Wohnzimmer, jeweils ein Arm der Künstlerin ins Kamerabild - Selbstporträt, Chronik und Tagebuch zugleich. In anderen Videos sind die Hände Nebendarsteller, indem sie etwas zerschneiden, bemalen, beschriften oder halten und dabei meist zum Bestandteil einer symbolischen «Hand-lung» werden.
Nicht nur der häufigen Präsenz von Händen ist es aber zu verdanken, dass den Filmen von Albert eine vermeintliche Haptik eigen ist. Die Nähe der Kamera zu ihren Sujets, die ungeteilte Aufmerksamkeit, die sie ihnen widmet, lassen die Stofflichkeit des zu Sehenden ungewohnt plastisch in Erscheinung treten. In Solothurn meint man, das Salz des Meers zu riechen, das weiche Blau von Marias Umhang befühlen zu können, im Schaukeln von Buchstaben, die zauberhaft übers Wasser tanzen, mitzuwiegen. So wird der Rundgang durch die Ausstellung zu einem sinnlichen Erlebnis, das einhergeht mit der stillen Befragung unserer Existenz, unserer (Seh-)Gewohnheiten und unserer Vorstellungen vom Bild.
Deborah Keller, freie Kunstkritikerin, Zürich, Kuratorin Kunsthalle Arbon und tätig in der Galerie Häusler Contemporary Zürich. deborah.keller.1@gmail.com

Bis 
08.04.2018

‹Villa Bleuler Gespräche›, Judith Albert und Klaudia Schifferle sprechen mit Patrick Frey und Deborah Keller über die Verflechtungen von Kunst und Leben, eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, Villa Bleuler Zürich, am 6.3., 18-19.30 Uhr, anschliessend Apéro
www.sik-isea.ch

Judith Albert (*1969, Sarnen) lebt in Zürich

1993-97 Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich (ZHdK), Visual Art
1992 Schule für Gestaltung Luzern (HSLU)

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Prolog›, Kunst in der Krypta Nr. 3, Grossmünster Zürich
2009 ‹Gezähmtes Licht: Neue Videoarbeiten›, Kunstmuseum Luzern
2006 Marks Blond Project, Bern
2005 ‹Kein Wasser, kein Mond›, Nidwaldner Museum, Stans
2000 ‹Still Reality›, Stadtgalerie Bern

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹London meets Altdorf›, Haus für Kunst Uri
2016 ‹Special Screening›, The National Centre for Contemporary Arts, Tomsk
2014 ‹Die Dada, La Dada, She Dada›, Forum Schlossplatz, Aarau
2013 ‹Making Space: 40 Years of Video Art›, Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
2010 Arte Hogel Bregaglia, Promontogno
2009 Swiss Art Awards, Basel (Auszeichnung)
1998 ‹Freie Sicht aufs Mittelmeer›, Kunsthaus Zürich / Kunsthalle Frankfurt

Künstler/innen
Judith Albert
Autor/innen
Deborah Keller

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