Klaudia Schifferle - Spaziergang im Übermorgen

Pressed Flowers 1, 2014, 40 x 30 cm, Nagellack auf Alubond © ProLitteris

Pressed Flowers 1, 2014, 40 x 30 cm, Nagellack auf Alubond © ProLitteris

Saturday Night Fever · 2013, Keramische Gussmasse auf Phosphatebene © ProLitteris

Saturday Night Fever · 2013, Keramische Gussmasse auf Phosphatebene © ProLitteris

Fokus

Klaudia Schifferle bewegt sich in diversen Medien und Formen­sprachen. In ihren Werken nähert sie sich tastend und experimentierend den Bedingungen der menschlichen Existenz an. Mit visuellen Mitteln entwirft sie wunderliche Lebenswelten und schlägt uns zugleich in den Bann ihrer dichten Geschichten und Gedichte.

Klaudia Schifferle - Spaziergang im Übermorgen

Eine Gestalt, dünn wie ein Spazierstock, ganz in Weiss und in High Heels, in denen lange Beine stecken, steht bescheiden in einer Ecke und rüstet sich für einen Spaziergang. Sie führt ins Übermorgen, das licht, frei und voller Fantasie sein wird. Ihr Weg ist gepflastert von den Veränderungen und Brüchen, die das Werk von Klaudia Schifferle entscheidend geprägt haben. Bald sind die Bildwelten von einer lichtdurchfluteten Buntheit erfüllt und zeugen von einem heiteren Gemüt wie in ‹Liquid Flower›. Bald bevölkern melancholische Geister, die ‹Ghosts›, das Bildgeschehen.
Immer wieder erzählen die weiblichen und zoomorphen Figuren vom Einblick und Sein in Zwischenwelten, auch von mutiger Offenheit und Verletzlichkeit. Doch anders als in früheren Werken hat Schifferle die Düsternis hinter sich gelassen und sich deutlich lichteren Sphären zugewandt.

Arbeiten wie das Bild aus Acryllack ‹Splash› oder die ‹Pressed Flowers›, die email­artig schimmernden Blüten von 2014 aus Nagellack - laut Schifferle ein «besonders zeitgemässes Material» -, zelebrieren wahre Orchestrierungen in Farbkombinationen von Pink über Hellblau, Orange, Gelb zu Tiefgrün. In den durch Lichtreflexe aufgehellten Kompositionen schieben sich oft auch schwarze oder dunkelbraune, dunstige Gebilde dazwischen. In wabernden schwarzen Acryl­lackwolken und zischenden Farbspritzern glaubt man Licht- und Wasserkaskaden zu erkennen, die in ihrer Schwerelosigkeit irreale Substanzen zu bergen scheinen. Einzig da und dort breiten sich Schatten aus; so etwa in dem zweiteiligen Werk ‹Landscape› oder dem grossformatigen, geisterhaft wirkenden Bild ‹Black Hole Eats All› von 2016. Anderswo ist der Duktus gezügelt und formiert sich zu abstrahiert-anthropomorphen oder -zoomorphen Konfigurationen: so in der neunteiligen ‹Ghosts-Serie› oder in ‹Bird›.
Erwartungsvoll lässt sich Schifferle vom wässerigen Medium der Acryllackbilder dahintreiben. Beflügelt vom Wunsch, «etwas mit der Materialität des puren Plastiks zu machen», giesst sie die Farben langsam auf die Leinwand, in Flecken und Linien, die sich selbst vermischen und ineinanderfliessen. Bei einzelnen Werken schwenkt die Künstlerin die Leinwände nur sachte hin und her, ohne weiter einzugreifen. Oder sie lässt die Farbe etwas eintrocknen und stellt die Leinwand auf, sodass sich die Farbflüsse träge ihren eigenen Weg bahnen, so bspw. bei ‹Fliege, Fliege Eintagsfliege›. Andernorts zeigen sich da und dort feine Ansätze der Verfestigung in Form sich verdickender Flecken. Sie deuten auf körperähnliche Konfigurationen hin, ohne es je ganz zu werden. Die Kompositionen bleiben in der Schwebe zwischen Sein und Nichtsein, zwischen diffus und gegenständlich. Dann wieder scheinen Farbströme ins Erdinnere gesogen zu werden, wie in ‹Black Hole Eats All› oder in ‹Splash›. In der Bildmitte von ‹Splash› prallen intensive Farbadern aufeinander und verdichten sich zu einer reliefartigen Komposition. Diese lässt an einen alles verschlingenden Mahlstrom denken. Auch angesichts der bewegten, sich auftürmenden, auf einen zu donnernden ‹Waves›, 2017, fühlt man sich hilflos den Elementen ausgesetzt. Ein Naturphänomen der besonderen Art ist das schwarz-weisse Rieseninsekt im grossformatigen Bild ‹Fliege, Fliege Eintagsfliege›, das über Landschaften und Wasser zu schweben scheint, die sich in seiner Körpermitte spiegeln. Fast hellsichtig spürt die Künstlerin mit diesen Acryllackbildern dem vielgestaltigen Wasser nach. «Erst wenn die Bilder da sind», beginnt Schifferle «Geschichten über das Bildgeschehen zu erzählen».

Respekt heischende Skulpturen
Daneben macht sich eine Gruppe von enorm präsenten, archaischen, mehrköpfigen oder vielohrigen Respekt heischenden grauen Skulpturen breit. Die Schwergewichtler, Unikatgusse, bestehen aus Beton oder weisser keramischer ­Giessmasse. Für Letztere interessiert sich die Künstlerin besonders, da sie den Eindruck von weichen Kissen erwecken, von mit Watte gefüllten und übergipsten Ausgangsformen. Diese Wirkung ist dem äusserst feinpudrigen Material zu verdanken, das während des Giessens detailgenau abzeichnet. So entsteht eine plastikähnliche «Fake-Haut». Obwohl die Skulpturen in diesem Material erstarrt sind, lassen sich ihre Körper nicht auf eine eindeutige Menschen- und/oder Tierform festlegen. Sind Schifferles koboldartigen Figuren aus den Achtziger- und Neunzigerjahren nun in dreidimensionaler Form wiederauferstanden oder wollte sie ihren schwebenden Figuren eine stärkere Bodenhaftung verleihen? Wie auch immer, die Skulpturen irritieren, scheinen in einem Prozess der Metamorphose begriffen zu sein, im Feld des «Noch-nicht» und des «Nicht-mehr», das unbewusste Sphären, Ungewissheiten oder Ahnungen erfasst.
Mit den Skulpturen, deren Nähmaschinennaht im Guss noch sichtbar ist, korrespondieren die genähten Zeichnungen, insbesondere diejenigen, die auf die Umrisse eines Körpers reduziert sind. Die aus Linien gebildeten und in ihnen verstrickten ­Figuren und Gesichter scheinen direkt dem Inneren und der Phantasie der Künstlerin zu entstammen.
Aufgemuntert werden die erdenschweren Wesen von einer frühlingshaften Brise, welche die bunten, luftigen, bald frivolen, bald sportlichen, jedenfalls hochaktiven ‹Paperdolls› von 2015 umflort. Sie sind aus Collagen von verschiedenen Tier- und Frauenfiguren hervorgegangen. Collagen faszinieren die Künstlerin insofern, als die verwendeten Fotografien stets auch ihre Entstehungszeit spiegeln. Schifferle vergrösserte diese Vorlagen und übertrug sie detailgetreu auf die Leinwand. Die Gestalten scheinen auf der leeren Leinwand in entgrenzten Zuständen zu schweben. Doch in ihrer Wachheit und forcierten Aktivität bilden sie einen Gegenpol zu den gnomenhaften Fabel- und Mischwesen aus ihrem Frühwerk.

Lebensstadien
Immer wieder treffen wir auf Stimmungsbilder, die an frühere Werke oder frühere Stadien aus Schifferles Leben erzählen: als blutjunge Sängerin und Bassistin der legendären Frauenband ‹Kleenex› (später ‹Liliput›) oder als jüngste Teilnehmerin der documenta 7 in Kassel sowie als Preisträgerin für Junge Schweizer Kunst der Zürcher Kunstgesellschaft 1988 und der Stadt Zürich 2012. Schliesslich an Zeiten des Rückzugs in der Abgeschiedenheit eines Tessiner Bergdorfs in den Neunzigerjahren. Darauf deuten abstrakte Bilder, in denen Naturkräfte gebannt zu sein scheinen wie das Diptychon ‹Landscape›, das Landschaften, Wasser, tektonische Schichten und kosmologische Vorgänge suggeriert. Gestisch wilde Werke mit allseitig explodierenden Acryllackströmen und -rinnsalen evozieren die Leidenschaftlichkeit ihrer expressiven Bilder aus den Achtzigerjahren.
Seit ihrer Rückkehr nach Zürich im Jahr 2002 arbeitet Schifferle mit ungebrochenem Elan, mit oder ohne Atelier, mit oder ohne Galerie. Mutig und offen, humorvoll und verspielt, spiegelt sie die Welt in ihrer eigenen Sprache. Für die weiblichen ­Figuren, welche die Welt oft im Alleingang erkunden, nimmt sie sich selbst wie auch andere Frauen als Modell. Die Arbeiten verraten einen Zwiespalt zwischen Weltflucht und Lebenslust und zeugen zugleich von einer stets wachen Experimentierfreude und einer immensen Lust an der Farbe und an Materialien. Das vieldeutige und facettenreiche Œuvre lebt wesentlich von der Synthese von Erlebtem, Geträumtem, Erfundenem und Überraschungen.
Dominique von Burg, Kunst- und Architekturhistorikerin und Autorin. dvonburg1@bluewin.ch

Bis 
25.03.2018

‹Villa Bleuler Gespräche›, Judith Albert und Klaudia Schifferle sprechen mit Patrick Frey und Deborah Keller über die Verflechtungen von Kunst und Leben, eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, Villa Bleuler Zürich, 6.3., 18-19.30 Uhr, anschliessend Apéro
www.sik-isea.ch

Klaudia Schifferle (*1955, Zürich) lebt in Zürich

1973-1976 FF Schule für Experimentelle Gestaltung
1977-1983 Mitbegründung der Frauenband Kleenex/Liliput

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Spaziergang im Übermorgen›, Kunstplattform akku, Emmenbrücke
2010 ‹sumsum im Universum›,Helmhaus Zürich
2004 ‹Weltenbummlerin›, Centre Pasqu'Art, Biel
1992 ‹Unterwegs›, Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen, Ulmer Museum, Ulm
1989 Kunsthaus Zürich
1986 Kunstverein München, Bonner Kunstverein, Aargauer Kunsthaus

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Wild Thing›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2014 ‹The Optical Unconscious›, Gebert Stiftung für Kultur, Alte Fabrik, Rapperswil
2012 ‹I Am the Space Where I Am›, Swiss Women's Cont. Art, HeXiangning Art Museum, Shenzhen
2011 ‹A L'Eau›, Aquarelle heute, Centre Pasqu'Art, Biel
2001 ‹Wirklichkeit Malerei›, Kunsthaus Langenthal
1998 ‹Freie Sicht aufs Mittelmeer›, Kunsthaus Zürich
1995 ‹Beyond Switzerland›, Museum of Art Hong Kong
1994 ‹Körper-Fragment-Wirklichkeit›, Kunstmuseum Solothurn; Heidelberger Kunstverein
1987 ‹tekenen87›, Mus. Boymans van Beuningen, Rotterdam; ‹Stiller Nachmittag›, Kunsthaus Zürich
1982 documenta 7, Kassel
1980 ‹Saus und Braus›, Städtische Galerie Strauhof, Zürich

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Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Klaudia Schifferle

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