Kunstbulletin feiert - Frauenpower

OFA-media service, de Roche + Kalmus, Bern. Courtesy Plakatsammlung der Schweizerischen National­bibliothek.

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Fokus

Von engagierten Kunstliebhabern um den Chefredaktor Hans Schneebeli wurde Kunstbulletin im Mai 68 gegründet - fünfzig Jahre später liegt das üppig und farbig gewordene Heft in Frauenhänden. Das hätte sich 1968 wohl niemand träumen lassen, damals hatten Frauen nicht mal das Stimmrecht.

Kunstbulletin feiert - Frauenpower

Das Kunstbulletin kam aber schon 1968 kaum ohne weibliche Mitarbeit aus. Ruth Schneebeli führte von Beginn an den aufwändigen Ausstellungskalender und trug damit entscheidend bei zum erfolgreichen Start der neuen Kunstzeitschrift. Frauen waren damals nicht gleichgestellt, ohne Unterschrift ihres Mannes durften sie weder einen Arbeitsvertrag abschliessen noch eine Wohnung anmieten oder ein Bankkonto eröffnen. Unverheiratete Schwangere bekamen nach der Geburt einen Amtsvormund zugeteilt, der unangemeldet zur Kontrolle auftauchen konnte.
Gegen derartige Entmündigungen, gegen Geschlechterzuweisungen, Klischees und Tabus protestierten in den 60er- und 70er-Jahren Künstlerinnen in diversen Ländern. Niki de Saint Phalle schoss mit Pistolen auf Bilder und bot Spaziergänge in den weiblichen Uterus an. Die gigantischen «Nanas», die sie ab 1965 baute, musste man durch die Vagina betreten. In Wien bot Valie Export 1968 mit dem ‹Tapp- und Tastkino› ihre Brüste zum öffentlichen Betatschen an - und sie führte ihren Freund Peter Weibel auf Wiener Strassen an einer Hundeleine und auf allen vieren aus.
In der politisch und gewalttätig aufgeladenen Zeit, in der sich Proteste gegen sexuelle und politische Bevormundung nicht selten mischten, bedienten sich auch Frauen gewalttätiger Mittel. In New York verübte die radikale Frauenrechtlerin ­Valerie Solanas 1968 ein Attentat auf Andy Warhol, in Deutschland ohrfeigte die Journalistin Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger vor laufenden Fernsehkameras, weil ein ehemaliger Nazi kein politisches Amt bekleiden könne. Ganz soft - und dennoch höchste Wellen schlagend - kam der 1968 erstmalig gesendete Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle daher. Vor der Freigabe von ‹Das Wunder der Liebe - Sexualität in der Ehe› gingen Zensoren jede einzelne Szene durch und man zeigte sich besorgt um Kolles revolutionäres Ansinnen. «Herr Kolle, Sie wollen wohl die ganze Welt auf den Kopf stellen, jetzt soll sogar die Frau oben liegen!», befürchteten die Zensoren.
In der Schweiz waren Kolles Filme in einigen Kantonen verboten. Hier wurde 1968 um das Stimmrecht gefochten. Die Gegner traten mit einem Plakat an, das eine im 60er-Jahre-Stil aufgemachte Frau zeigt. Mit vorgestreckter Hand mit langen Fingernägeln wehrt sie das Stimmrecht ab, zugleich kann man die schwarze Pranke als den Zugriff des Bösen auf die junge Schönheit sehen. «Lasst uns aus dem Spiel!», spricht sie für sich und ihre Geschlechtsgenossinnen. Politik ist ein böses Geschäft. Frauen verkörpern eine Welt fern davon - und müssen darum bevormundet werden. Bei aller Bewunderung für die 68er - man kann sich schon freuen, dass sich vieles verändert hat. Das Kunstbulletin wird seit 1996 von Claudia Jolles zusammen mit einem einsatzbereiten Frauenteam geführt.

Autor/innen
Brita Polzer

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