Kunstklima - Berlin

Auf dem Gelände des Atelierhofs Kreuzberg in der ehemaligen Garage befand sich vier Jahre lang der von Hester Oerlemans gegründete Projektraum OZEAN. Der überdachte Platz wurde mit Holzbrettern verschalt und einem Metallgitter abgeschlossen. Meine Lieblingsausstellungen waren Solo I-III, durch die Astlöcher im Holz konnte man einzelne Arbeiten anschauen.

Auf dem Gelände des Atelierhofs Kreuzberg in der ehemaligen Garage befand sich vier Jahre lang der von Hester Oerlemans gegründete Projektraum OZEAN. Der überdachte Platz wurde mit Holzbrettern verschalt und einem Metallgitter abgeschlossen. Meine Lieblingsausstellungen waren Solo I-III, durch die Astlöcher im Holz konnte man einzelne Arbeiten anschauen.

Fokus

Ich mochte Berlin nicht wirklich, als ich mich 2007 entschied hinzuziehen. Die Abneigung entstand, als ich dort 2000 ein Atelier­stipendium hatte, unglücklicherweise von Oktober bis März. Für mich war Berlin nass, kalt, dunkel und unfreundlich - natürlich nicht nur, aber das blieb hängen.

Kunstklima - Berlin

Unterdessen hatte ich allerdings zwei Gründe, meine Abneigung zu überwinden. Zum einen war ich nach zweieinhalb Jahren in London pleite und Berlin hatte den Ruf, erschwinglich zu sein. Zum anderen war da noch dieser sympathische Kerl, der meinte, ich könne vorübergehend bei ihm wohnen, bis ich was Eigenes gefunden hätte. Zehn Jahre später wohne ich immer noch dort. Mit einem Fuss. Der andere befindet sich immer noch beziehungsweise wieder in Basel.
Was ich an Berlin am meisten mag, ist die Bewegung. Die Stadt wandelt und verändert sich ständig in einem irren Tempo, sie ist unglaublich lebendig, was ansteckend wirken kann. Leider ist die Wandlung der letzten paar Jahre nicht nur toll, da sich der Aufschwung auch auf die Mieten auswirkt. Seit ich in Berlin bin, haben sich die Mieten für Gewerberäume verdoppelt. Im Moment zahle ich 10,80 € pro qm im Monat für mein Atelier in Neukölln. Laut einer Umfrage des Instituts für Strategieentwicklung/IFSE von 2011 «wünschen sich Künstler/innen in erster Linie eine ­lebendige und interessante Stadt mit freien und bezahlbaren Räumen». «Arm, aber sexy» war auch nicht immer cool für alle, aber das ist auf jeden Fall längst vorbei. Seit ­einiger Zeit läuft der Ausverkauf der Ateliergebäude: Die Uferhallen (etwa 50 Ateliers) wurden im Herbst 2017 an Investor/innen verkauft, die Sanierung der Gerichtshöfe (etwa 70 Ateliers) steht bevor. Immerhin: Die Mengerzeile (40 Ateliers) bleibt nach zähen Verhandlungen zum Glück teilweise erhalten. Für die meisten Kunstschaffenden ist es unmöglich geworden, innerhalb der Ringbahn etwas Bezahlbares zu finden, weshalb viele an den Stadtrand, z.B. nach Oberschöneweide, ausgewichen sind. Aber auch da kaufen sich gerade Investor/innen und Celebrity-Künstler/innen ganze Hallen, die sie umbauen und für horrende Preise weiterverkaufen, womit die Mieten auch in der Peripherie hochgetrieben werden. Die Verdrängung ist voll im Gang, ein Ende leider nicht in Sicht. Obwohl die Atelier-Situation also finster ist, lassen sich die meisten nicht davon abhalten, irgendwie weiterzuarbeiten und Ausstellungen und Events zu organisieren. So wurde 2014 vom Kurator/innen-Team von «insitu» das «Project Space Festival» initiiert. 30 Räume aus der freien Kunstszene werden von einer Jury ausgewählt und bekommen im August je einen Tag, um sich zu präsentieren. Eine tolle Gelegenheit, bisher unbekannte Orte zu besuchen. Es gibt viele spannende Projekträume, aber einer meiner liebsten ist «Sonntag» und findet immer am dritten Sonntag im Monat von 14 bis 18 Uhr statt. Genauso wichtig wie die Ausstellung der Künstlerin oder des Künstlers ist der jeweilige Lieblingskuchen, der mit Tee und Kaffee serviert wird. Angefangen haben April Gertler und Adrian Schiesser in ihrem eigenen Zuhause, aber unterdessen findet «Sonntag» immer in einer anderen Wohnung statt. In diesem intimen Rahmen entsteht eine lockere Atmosphäre, welche Gespräche über die Arbeiten erleichtert und fördert. Man lernt jedes Mal neue Leute kennen und sieht alte Freund/innen wieder.
Franziska Furter (*1972, Zürich) lebt und arbeitet in Basel und Berlin.

Kunstklima: Schweizer Kunstschaffende erzählen von Städten, die zum Zweitwohnsitz wurden.

Autor/innen
Franziska Furter

Werbung