Matthias Gabi - Entschleunigt sieht man mehr

Objet (TABASCO), 2016. Fotografie

Objet (TABASCO), 2016. Fotografie

Stars, Lecture Performance, Dokumentationsansicht Kunstraum Kreuzlingen, 2017

Stars, Lecture Performance, Dokumentationsansicht Kunstraum Kreuzlingen, 2017

Fokus

Er geht dem Schatten von Pfefferkörnern nach und er untersucht, wie Hodlers Zeichnungen vor hundert Jahren ihren Weg in Bücher fanden. Während das fotografische Bild in der digitalen Beschleunigung permanent an einer Reizschwelle kitzelt, schaut er, was es im Stillstand halten kann. Sein Antrieb ist das Sammeln und seine Kunst die Auswahl. Wie das aussieht, zeigt nun das Kunsthaus Langenthal.

Matthias Gabi - Entschleunigt sieht man mehr

Matthias Gabi findet zu eigenen Bildern im Sichten von anderen. Um aus der Totale des kollektiven Bildgedächtnisses ein bezeichnendes «Etwas» herauszufiltern, muss er sich kundig machen: Bestellkataloge für den Do-it-Yourself-Bedarf sind eine Quelle seiner bildnerischen Recherchen, Agenturbilder aus der Tagespresse, Rezeptsammlungen, Magazine, die das Familienglück der Schönen, Prominenten festhalten oder Inserate für Babynahrung und Gartenmobiliar kombinieren. Printprodukte seiner Sammlung unterstreichen ihren gehobenen Anspruch mit der Nahaufnahme diamantbesetzten Schmucks; Bücher über Kunst, deren Inhalt wissenschaftlich überholt scheint, schliessen stimulierende Abbildungen ein - gerade weil der Generationensprung von Druckverfahren sie mit einem anderen Zeitgeist grundiert.

Vor allem Beobachter
Unter seinen «Objets», einer fortlaufenden fotografischen Serie ausgewählter Gegenstände, findet sich das 1979 erschienene Buch ‹The Printing Press as an Agent of Change›. Die amerikanische Professorin Elisabeth L. Eisenstein widerspricht mit ihrer Geschichte des Buchdrucks einem Kulturpessimismus ihrer Zeit: dass die galoppierende technologische Entwicklung des 20. Jahrhunderts einen Niedergang des kulturellen Gedächtnisses nach sich ziehe und angesichts des allgemeinen Bedeutungsschwunds von Buch und Bibel auf die Menschheit nichts Gutes warte.
Wenn Gabi Publikationen zur Hand nimmt, darunter auch Lehrbücher zur Technik des Drucks, folgt er weniger der Erzählung über Revolutionen in der Geschichte des Lesens als seinem Interesse an der kontinuierlichen Reproduktion von Bildern. Welche Textur, Farbigkeit und Körnung kann die visuelle Repräsentation von Welt annehmen, und: Wie kanalisieren technologische Neuerungen den Weg von einem ästhetischen Entwurf bis in die gedruckte Reproduktion? Was hat Bildideen vor der Fotografie in Umlauf gehalten?
Vor allem beobachtend, ohne voreilige Kritik nutzt Gabi als unerschöpflichen Fundus, was wir als «Flut» von Bildern zu bezeichnen gewohnt sind. Dabei wendet er sich ganz natürlich auch der Kunstgeschichte zu. Seine Lecture Performances, bei denen er Fundstücke aus Bibliotheken und Brockenstuben durchblättert, gehen gleichsam einen Schritt hinter den kunsthistorischen Vortrag zurück. Sie halten sich beim Wahrnehmen auf. Sie verzichten in der simultanen projizierten Seitenfolge auf Kulminationspunkte und bleiben jeder bildtheoretischen Synthese fern. Unaufgeregt macht Gabi sein Publikum zu Zeugen und Experten der omnipräsenten Figuration: Künstlerische Errungenschaften haben das Modemagazin vorbereitet, eine Ausstellungsbroschur ist die Agglomeration unterschiedlicher Fachbereiche und Bücher sind immer eine Reise in andere Mentalitäten.

Subtile Manipulation
In seinem Atelier legt mir Matthias Gabi dar, was ihn - der dem Studium der Fotografie einen Master in Kunst angeschlossen hat - an der Objektfotografie interessiert. Im Vierfarbendruck einer Werbebroschüre weist er auf ein paar scheinbar lose hingeworfene Pfefferkörner neben dem Fleisch im Aktionsangebot. Sind sie da, um Proportionen ins rechte Licht zu rücken? «Die Fotografie versucht, Entscheidungen zu verbergen.» Solche Entscheidungen seien es, die er in seinen eigenen Bilderfindungen manipuliere, ins Ungewohnte wende und somit bewusst sichtbar werden lasse: Ein Schatten fällt aus «falscher» Richtung ein, Reflexe irritieren Volumen, und Oberflächen, Hinter- und Untergrund lösen die Sache aus ihrem gewohnten Ort, ohne dass man sie deswegen irgendeines faktischen Irrtums verdächtigen möchte. So beansprucht das Bild Zeit und Aufmerksamkeit, die wir dem Gegenstand nicht ohne Weiteres zuwenden. Und so stellt uns auch das genannte Buch, isoliert wie das Skalpell auf dem Frottiertuch, die Verpackung einer Tabasco-Flasche oder ein vierfarbiges Würfelmosaik, vor die Frage des Kontextes: Wir möchen Herkunft und Nutzen der Dinge erkennen. Wir wollen wissen, warum sie uns so schön und nüchtern adressieren. Keiner gemeinsamen Kategorie angehörig, lässt uns die präzis konturierte Präsenz der Objets im Schauen allein.

Bibliophile Recherche
Wenn Gabi im Atelier am Bildschirm Filme sichtet, Bücher bestellt oder E-Mails bearbeitet, hat er einen Tisch mit dem Stativ seiner Kamera hinter sich. Und er hat den Datenspeicher seines Rechners im Rücken, wenn er Objekte für eine nächste Aufnahme drapiert. Je nach Arbeitsphase steht das wandhohe Regal rechts und die Kisten abgelegter Prints zu seiner Linken - oder umgekehrt. Der Sammler, Archivar und Bildentwickler hat sein Geviert so eingerichtet, dass er auf kleinem Radius seine weitschweifenden Lektüren filtern und immer wieder zu dem Bild vorstossen kann, das bekannte Codes in sich vereint: «Ich nehme ein ganz bestimmtes Bild aus der Masse heraus und behaupte, dass dies nun das Bild ist, das alle andern Bilder dieser Art in sich beinhaltet.» Eine kühne Ambition leitet die konzeptuelle Werkreihe ‹Buchdruck›: aus der Fülle aller drucktechnischen Reproduktionen aus Wissenschaft und Politik, Konsum und Kultur immer wieder eins zu bestimmen, das einen ganzen Katalog von immer Ähnlichem ersetzt.
Es ist dieses «immer Ähnliche», das einen unweigerlich auch zum eigenen Repertoire erinnerter Bilder leitet. Als ich - zum Beispiel - in den Siebzigerjahren zu begreifen begann, wie gross das Versprechen fotografischer Bilder sei, schwebte auf Dr. Oetkers Backbuch über Hellblau und Zitronengelb eine angeschnittene Zuger Kirschtorte. ‹Backen macht Freude› inszenierte das Beweisstück gelungener Küchenkunst in Farbe, hermetisch glasiert und festlich angerichtet, auf kariert gedecktem Tisch. Doch auch wenn ein erster Blick in Gabis bibliophile Bildwerkstatt im individuellen Gedächtnis ankert - nur an der nostalgischen Rückschau ist er nicht interessiert: «Sobald ein Bild einzig als Fenster zur Vergangenheit dient, interessiert es mich nicht mehr. Es ist mir wichtig, dass man aufs Bild zurückkommt und es auch im gegenwärtigen und zukünftigen Kontext einordnet.»
Gabis praktisches Werkzeug ist vor allem die Fotografie. Scheinbar wertfrei und ebenmässig begegnet sie Kunst, Wissenschaft, Innenarchitektur oder Design mit derselben Aufmerksamkeit und stellt sich in den Dienst der Märkte. In ‹Buchdruck› entlässt der Künstler jedes für «typisch» befundene Bild aus seiner Informations- oder Werbepflicht und befreit es von Logos oder Bildlegenden. Unaufdringlich spielt sich die Reproduktion in den Vordergrund. Torso, Observatorium, Metallzuschnitt: So heisst, was sich in Farbigkeit und Rasterung wissenschaftlichen Innovationen oder musealen Exponaten anschmiegt. Wie lernen wir Welt? Was glauben wir den Laboratorien grosser Konzerne? Was zeigt ein Neuronenmodell?

Kontinuum von Déjà-vus
Vor seinem Bildschirm unterhalten wir uns über die Typologie von Schauspielerinnen und Schauspielern und darüber, dass sich deren «Porträts» - sofern es denn solche sein können - nur aus Filmen jüngeren Datums isolieren lassen. «Historische Filme kommen nicht in Frage. Sie sehen aus wie abgefilmtes Theater.» Wenn Gabi in Filmstills Protagonist/innen aus TV-Serien oder Kinofilmen aufruft, sucht er die «Artifizialität des Natürlichen». Offen lassend, was der jeweiligen Szene vorausgeht oder folgen wird, folgen Screenshots jenen Déjà-vus, wo (ganz) Mann oder (ganz) Frau in Raum und Gedanken möglichst bei sich sind. Aus der wiederholten Aneignung entlang weniger Kriterien schält sich - Bild um Bild - das Stereotyp populärer Ikonen.
Isabel Zürcher ist freiberufliche Autorin und Kunstwissenschaftlerin in Basel. mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
06.05.2018

Matthias Gabi, ‹Shot on iPhone›, 2009-2017, mit Aufnahmen von Werbung im öffentlichen Raum, Jungle Books
‹Teppich, Buch, Tapete, Schnaps›, zusammen mit Christoph Westermeier, Archiv, ­Zürich, 26.-28.4., 14 -18 Uhr, vom 30.4. bis 12.5. nach Vereinbarung; Lecture Performance, am 11. 5.
www.archiv11.org

‹Museen der Welt›, Lecture Performance im Rahmen der Nachtschicht #17, Kunstmuseum St.Gallen, 16.3.
www.kunstmuseumsg.ch

‹Villa Bleuler Gespräche›, Matthias Gabi und Daniele Buetti sprechen mit Katharina Ammann und Isabel Zürcher über den Umgang mit Medienbildern, eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, Villa Bleuler Zürich, am 20.3., 18-19.30 Uhr, anschliessend Apéro
www.sik-isea.ch

Matthias Gabi (*1981, Bern) lebt in Zürich

2013 Master in Fine Arts, Ecole Cantonale de Lausanne ECAL
2007 Diplom mit Auszeichnung, Zürcher Hochschule der Künste ZHdK
2006 Gastsemester bei Thomas Ruff, Kunstakademie Düsseldorf

Einzelausstellungen & Lecture Performances (Auswahl)
2018 ‹Repro›, Kunsthaus Langenthal
2017 ‹Matthias Gabi›, Galleria Federico Vavassori, Mailand
2016 ‹Filmstill›, Guerilla Galerie, St. Gallen
2015 ‹Frame›, Coalmine, Raum für zeitgenössische Fotografie, Winterthur
2014 ‹Objet›, Milieu, Bern
2013 ‹Flowers for your Wedding Day›, Lecture Performance, Past Vyner Street, London
2012 ‹Passenger Ships of the World, Past and Present›, Lecture Performanc, Galen at AP News, Zürich
2010 ‹Beauty›, SIC! Raum für Kunst, Luzern

Künstler/innen
Matthias Gabi
Autor/innen
Isabel Zürcher

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