Ansichten: Edmond de Belamy — Wenn Algorithmen Kunst machen

Obvious · Edmond de Belamy, 2018, computergeneriertes Bild

Obvious · Edmond de Belamy, 2018, computergeneriertes Bild

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Kunst im postdigitalen Zeitalter: Nicht der Geschmack des Pub­likums oder der Kritikerzunft bestimmt, was gute Kunst ist, ­son­dern der Kunstmarkt. Was aber, wenn ein Kunstwerk eines unbekannten Kollektivs direkt im Auktionshaus landet und dort zu einem sensationellen Preis versteigert wird?

Ansichten: Edmond de Belamy — Wenn Algorithmen Kunst machen

Wem gehört das Gesicht dieses jungen Mannes? Ist es überhaupt ein junges Gesicht? In welcher Zeit hat er gelebt? Mitte des 19. Jahrhunderts oder vielleicht schon zu Beginn des 20.? Ist es ein Dichter, ein Bohémien, ein Adeliger? Ist es Rimbaud? So unspezifisch die Zuschreibungen sind, die wir dieser Person geben können, so haben wir doch ein genaues Gespür dafür, dass sie männlich ist und europäischer Herkunft sein muss und aus einem bürgerlichen oder aristokratischen Umfeld stammt. Unscharf sind ihre Züge, an den Rändern verschwimmt die Figur mit dem Hintergrund. Seltsam angeschnitten ist die Stirn vom etwas zu opulenten, groben Bilderrahmen. Das sind (zu) viele Details, die eigentlich nicht in den Gesamteindruck passen wollen – und wenn wir genau hinschauen, entdecken wir in den groben Farbschlieren kleine aufgebrochene geometrische Strukturen: Pixel! Eine skurrile Bild­unterschrift nennt uns eine mathematische Gleichung statt einer Signatur: Generative Adversarial Networks (GANs). GANs sind selbstlernende Algorithmen, die hier aus einem Pool von vorgegebenen Bilddateien eigene Bilder, in diesem Fall Porträts erstellen. Die Maschine war also kreativ! Unser Porträt hat einen Namen: Es heisst Edmond de Belamy und wurde von ­einem französischen Künstlerkollektiv namens Obvious programmiert. Oder vielmehr: Dieses Kollektiv (drei KI-Studenten und Künstler) reklamiert die geistige Autorschaft dieses Porträts für sich, dessen wahrer Urheber aber der Computer ist. Der Eindruck der sozialen Supremacy wird vom weiteren Stammbaum des Edmond de Belamy bestätigt: Da gibt es einen Grafen und eine Gräfin Belamy, eine Baronin und einen Erzbischof – fiktive Mitglieder einer etwas degenerierten Adelsfamilie, die uns insgeheim sogar sympathisch sind. Der Computer hat ganze Arbeit geleistet, indem er da Lücken produzierte, wo wir eigentlich Genaues wissen wollen. Aber gerade durch diese offensichtlich unzulängliche Porträtkunst erscheint uns das Bild als Kunstwerk irgendwie glaubwürdig – ist nicht die menschliche Kreativität dort am überzeugendsten, wo sie Fehler produziert? Das Bild wurde im Oktober 2018 bei Christie’s in New York in der Prints & Multiples-Abteilung für 7000–10’000 Dollar angeboten. Versteigert wurde es dann für 432’500 Dollar und hat dabei Mitkonkurrenten wie Andy Warhol und Roy Lichtenstein bei Weitem übertroffen. Es ist damit das teuerste Computerbild überhaupt. Es ist aber mehr als das: Edmond de Belamy ist das Symbol für eine neue Mensch-Maschinen-Relation, vor der nun selbst der Kunstmarkt kapituliert hat.

Patricia Grzonka. Kunsthistorikerin und freie Autorin, lebt in Wien. www.patriciagrzonka.net

→ Ansichten: ein Bild, ein Text – Autor/innen kommentieren eine visuelle Vorlage ihrer Wahl.

Autor/innen
Patricia Grzonka

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