Editorial — Our house is on fire

Julian Charrière · The Blue Fossil Entropic Stories I, 2013 © ProLitteris
 

Julian Charrière · The Blue Fossil Entropic Stories I, 2013 © ProLitteris

 

Editorial

Editorial — Our house is on fire

Mit eindringlichen Worten warnte die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg die angereisten Politikerinnen und Wirtschaftslobbyisten im Rahmen des WEF in Davos vor den Folgen des Klimawandels. Ob die Angesprochenen die Botschaft in ihre Länder getragen haben, wissen wir nicht. Doch dass ihr Appell «Our house is on fire!» nun Tausende von Jugendlichen zu wöchentlichen Demonstrationen motiviert, ist eine gewaltige Leistung. Die Aufnahme auf unserem Cover ist nicht so plakativ wie ihr handgemaltes Schild «Skolstrejk för Klimatet», zielt aber auf dasselbe Thema. Was zunächst wie die Fotografie einer Arktisexpedition aussieht, dokumentiert eine höchst subversive Aktion. Julian Charrière kraxelt mit einem Bunsenbrenner über einen im Wasser treibenden Eisberg in Island, die zischenden Flammen auf den Boden gerichtet. Wie lange wird es wohl dauern, bis das Eis unter seinen Füssen weggeschmolzen ist? Nein, bis zum nasskalten Ende hat er nicht durchgehalten. Er beendete die Aktion nach acht Stunden, geblieben sind eindrückliche Fotos. Charrière zieht in einem Begleittext zu dieser Serie den Vergleich zu Caspar David Friedrichs ‹Wanderer im Nebelmeer›. Und liefert damit ein wichtiges Stichwort zur Frage, weshalb politische Aktionen angesichts des sich abzeichnenden Klimawandels nur zögerlich ergriffen werden. Das kann nicht bloss an einem kurzfristigen Wirtschaftsdenken liegen. Vielmehr haftet dem Untergang immer auch die Vorstellung einer dekadenten Schönheit an. Wer imaginiert sich angesichts von Ruinen oder entlegenen Landschaften nicht sofort selbst dorthin, wo alles nochmals neu beginnen könnte? Nur anders als in der Romantik sind die Auswirkungen dieser Endzeitszenarien heute globaler Natur. Was die einen noch als melancholische Seelenlandschaften aus der Distanz geniessen, ist für andere bereits bittere Realität. 

Künstler/innen
Julian Charrière
Autor/innen
Claudia Jolles

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