Jacques Tardi — Ein Agent der Vergessenen

Jacques Tardi · Elender Krieg, 2008 © Casterman

Jacques Tardi · Elender Krieg, 2008 © Casterman

Jacques Tardi · Adeles ungewöhnliche Abenteuer, 1976–1987. Tardi © Casterman

Jacques Tardi · Adeles ungewöhnliche Abenteuer, 1976–1987. Tardi © Casterman

Besprechung

Jacques Tardi ist einer der renommiertesten Vertreter des zeitgenössischen Comics. Seine erschütternden Kriegscomics und die von ihm adaptierten Léo-Malet-Krimis berühren weltweit. Das Basler Cartoonmuseum widmet ihm eine umfassende Re­trospektive mit über zweihundert Zeichnungen und Plakaten.

Jacques Tardi — Ein Agent der Vergessenen

Basel — Auf einem Blatt ein im Blut sitzender Soldat mit montierter Gasmaske, auf einem weiteren Papier ein schwer verletzter, aufschreiender Soldat, der auf der nächsten Seite nach «Edith» ruft, auf dem folgenden Papier eine junge Frau, die in einer Waffen­fabrik arbeitet: Seit Kindertagen beschäftigen Jacques Tardi (*1946, Valence) die Erlebnisse des Grossvaters im Ersten und die Gefangenschaft des Vaters im Zweiten Weltkrieg. Diese Erfahrungen verarbeitet der in Paris lebende Zeichner in semidokumentarischen Werken. Sein Kernthema ist die Sinnlosigkeit des Kriegs, das Leiden der als Kanonenfutter geopferten Soldaten. Grosse Beachtung als Künstler fand Tardi in den Siebzigerjahren, als er die Comicreihe ‹Adeles ungewöhnliche Abenteuer› in der Zeitschrift ‹Pilote› veröffentlichte. Die Protagonistin bewegt sich zu Zeiten der Belle Epoque in einem wundersamen, surrealistisch anmutenden Paris. Zeichnen ist für Tardi nach eigenem Bekunden ­Lebenselixier. Die leicht verständlichen Darstellungen mit realistisch wiedergegebenen Milieus leben von dem unverkennbaren und wirkungsvollen Schwarz-Weiss-Stil, der durch kontrastreiche Strichführung und harte Schatten besticht. Die stilisierten Figuren mit gerundeten Konturen und akzentuierten Gesichtern strahlen Persönlichkeit aus. Während Tardi für einige Werkgruppen akribisch recherchiert, um seinen Blättern möglichst grosse Authentizität zu verleihen, zeigen sich andere Arbeiten von einer fabulierenden Seite, so die albtraumartige Zeichnung aus ‹Le Voyage au bout de la nuit›, 1988. Es handelt sich um eine persönliche Interpretation des teilweise autobiografischen Romans von Louis-Ferdinand Céline mit über fünfhundert Zeichnungen. Die Fassung von Tardi, im selbst erstellten Layout, zeigt einen kauernden Mann im Bett mit einer am Boden stehenden leeren Weinflasche. Aus einer dunklen Ecke kriechen Spinnen, Kröten und eine Schlange auf ihn zu. Es ist ungemein ergreifend, wie er den metaphysischen Helden von Céline in einer absurden Situation erfasst hat. In über fünfzig Alben setzt sich Tardi gegen die Todesstrafe ein, gegen den sozia­len Abbau im heutigen Frankreich, gegen Rassismus und für die Menschenrechte. Ätzende Zeichnungen finden sich auch in diversen Satirezeitschriften, Magazinen und Zeitungen. Für seine Arbeiten ist Tardi mit hochkarätigen Auszeichnungen dekoriert worden. Die Aufnahme in die französische Ehrenlegion lehnte der Kriegsgegner jedoch mit Nachdruck ab. 

Bis 
24.03.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Le Monde de Tardi 10.11.201824.03.2019 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Jacques Tardi

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