Koenraad Dedobbeleer — Der ganze Kunststoff

Koenraad Dedobbeleer · Faux Blonde, 2016, Objekt aus Stahl in Edelholzbemalung; hinten: Too Quick to Dismiss Aesthetic Autonomy as Retrograde, 2012, Riesenparavent mit Dekorationselementen, Courtesy Kunstmuseum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann

Koenraad Dedobbeleer · Faux Blonde, 2016, Objekt aus Stahl in Edelholzbemalung; hinten: Too Quick to Dismiss Aesthetic Autonomy as Retrograde, 2012, Riesenparavent mit Dekorationselementen, Courtesy Kunstmuseum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann

Besprechung

Sechs Räume für einen Künstler, der nachdenkt über den Stoff, aus dem die Dinge sind; ein experimentierfreudiger Plastiker und Beobachter der Zivilisation, auch von Ausstellungskultur, bei dem die Mittel zum Zweck werden können: so Koenraad ­Dedobbeleer im Kunstmuseum Winterthur.

Koenraad Dedobbeleer — Der ganze Kunststoff

Winterthur — Ob es stimmt, wissen die Kenner, aber man glaubt es gern: Koenraad Dedobbeleer (*1975) ist ein Künstler, «den die Sehnsucht bewegt (die auch die unsere ist), den Raum wiederzugewinnen, den Walter Benjamin einmal als ‹Traumort der Gesellschaft› bezeichnet hat – das Museum» (Patricia Falguières im Katalog). Das Museum als Traumort? Eines ist sicher: Wer sich in die Ausstellung des Belgiers begibt, die Werke aus den letzten acht Jahren versammelt, darf keine Gewissheiten erwarten. Alles ist unterwandert – von wechselnden Sichtweisen, doppelbödigen Feststellungen, vorder- und hintergründigen Behauptungen, irritierenden Bezeichnungen (die Werktitel verhindern geradezu, die damit gemeinten Objekte dingfest zu machen); von Fragen an die Geschichte der Kunst und an die Erscheinungsform und Präsentationsart der Dinge im (Kunst-)Raum. Jeder Besucher, jede Besucherin darf sich ihren eigenen Reim darauf machen und aus dem geradezu überbordenden Beziehungsreichtum zwischen den ausgestellten Dingen wählen; Dingen, die (einst) mit einem bestimmten Zweck, einer bestimmten Funktion verbunden waren oder nur so tun als ob – aber immer, immer, im Museum, in einer Ausstellung, Kunstcharakter gewinnen. Die Dinge sind es, die Dedobbeleer interessieren, das Spiel – und als solches ein Verwandlungsspiel – mit dem, was ist. Kunst oder keine: Die Frage ist für ihn zweitrangig. Und Haltung und Unterhaltung schliessen sich sowieso nicht aus. Noch eines ist sicher: Dedobbeleers erste umfassende Werkschau – kuratiert von Konrad Bitterli, der ihm bereits in seiner St. Galler Zeit eine Ausstellung eingerichtet hat – ist lustvoll, listig, geistreich und voller Überraschungen. Da wird, auch im wörtlichen Sinn, so manches vom Sockel geholt und umgekehrt. So wie Rodins ­‹Pierre de Wiessant› im ersten Raum der ständigen Sammlung, in der auch sonst einige Ableger dedobbeleerischer Kunst vorübergehend Wurzeln geschlagen haben. Da treibt einer sein Spiel nicht nur mit dem, was ist, sondern auch mit dem, was sein könnte, bringt manches wohltariert aus dem Gleichgewicht, verzerrt hier ein wenig, setzt dort Körper, Dinge, Verhältnisse in Widerspruch. Das kann sehr witzig sein und ­surreal, eben weil es so real ist. Bewegt ist es immer, wie denn für Dedobbeleer jede Form von Skulptur nicht ohne Bewegung zu denken ist. Als sprechende Ergänzung ist die Ausstellung ‹Reality Check. Materialwelten in der Kunst von Jean Tinguely bis Dieter Roth› aus den Beständen der eigenen Sammlung zu sehen.

Bis 
22.04.2019

→ ‹Koenraad Dedobbeleer. Plastik / Gallery of Material Culture›, Kunst Museum Winterthur / Beim Stadthaus, bis 22.4.; mit der aufschlussreichen Begleitpublikation ‹Kunststoff› ↗ www.kmw.ch

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Koenraad Dedobbeleer 26.01.201922.04.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Künstler/innen
Koenraad Dedobbeleer
Autor/innen
Angelika Maass

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