Textile Schätze — Kultur, Kommerz, Geschichte

Sticker in einer Werkstatt im Basar von Rasht. Iran, 1880–1895, Albuminabzug

Sticker in einer Werkstatt im Basar von Rasht. Iran, 1880–1895, Albuminabzug

Kurzes Frauenjäckchen mit langen Ärmeln zum Umschlagen mit farbigem Futter, Iran, 1875–1895; Seidensamt, geschoren; Futter: europäischer Druckstoff (Meterware), 55 x 206 cm

Kurzes Frauenjäckchen mit langen Ärmeln zum Umschlagen mit farbigem Futter, Iran, 1875–1895; Seidensamt, geschoren; Futter: europäischer Druckstoff (Meterware), 55 x 206 cm

Besprechung

Schön und aufschlussreich präsentiert, treffend auf den Punkt gebracht: Die von Axel Langer kuratierte Ausstellung im Museum Rietberg widmet sich den schönen Dingen, die der St. Galler Teppichkaufmann und Sammler Emil Alpiger im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Persien zusammengetragen hat.

Textile Schätze — Kultur, Kommerz, Geschichte

Zürich — Als Naser al-Din von seiner ersten Europareise 1873 zurückkehrte, hatte er auch einige Tütüs im Gepäck, wie sie die Balletteusen tragen. In London hatte der Schah von Persien sie zum ersten Mal gesehen, und nicht nur die Tänzerinnen, auch ihr Outfit gefiel ihm. In der Folge führte er die kurzen Röckchen in seinem Harem ein, von wo aus sie, mit kostbaren kurzen Jäckchen kombiniert, die persische Modewelt eroberten. Und Emil Alpiger (1841–1905), der sich nach abenteuerlichen Jahren als Geschäftsführer des englisch-schweizerischen Unternehmens Ziegler & Co. in Persien etabliert hatte und mit seiner Familie in Soltanabad lebte, dem bald bedeutendsten Zentrum der persischen Teppichindustrie: Auch ihm hatten es die Röckchen und Jäckchen angetan, und so sind einige in seine Textilsammlung gelangt, die er in seinen späteren Soltanabader Jahren anlegte. Diese Sammlung steht, ergänzt mit Beispielen aus Alpigers Fotosammlung, im Zentrum der aktuellen Schau. Mit ihren sechzig textilen Objekten und fünfzig Fotografien ist sie so reich an Geschichte und Geschichten, dass hier nur einiges gestreift werden kann. Auffallend ist die Frische und Leuchtkraft der Männer- und der noch stärker vertretenen Frauenkleider, die von Mützen, Socken, Pantoffeln, Stoffen, Deckchen und Wandbehängen ergänzt werden. Alpiger, der über zwei Jahrzehnte in Persien tätig war, zu einer Zeit, da sich das Land unter Naser al-Din veränderte und der Moderne öffnete, hat das meiste als Neuware auf dem Basar gekauft. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz 1896 (oder 1895?) wurden die Textilien sorgsam aufbewahrt, bis sie 2010 ins Museum Rietberg gelangten und nun eine über 120-jährige Vergangenheit auferwecken. Sie erzählen uns viel: von der vergleichsweise freizügigen Mode in den der Familie vorbehaltenen Frauengemächern, von der alles bedeckenden Kleidung, wenn die Frauen die Innenräume verliessen. Vom Austausch der Kulturen, wenn einheimische Manufakturerzeugnisse wie die von Männerhänden gefertigten Stickereien aus Rasht westliche Motive übernehmen und Teppiche für den Export so «aufgeräumt» gestaltet sind, dass kein Perser sie kaufen würde. Auch davon, dass Westliches und Östliches etwa in Leibröcken für Männer und Frauenjäckchen zusammenfinden: aus­sen persische Handarbeit, innen gefüttert mit maschinell produzierter Importware. Wer sich dann noch mit den Bildern aus Alpigers Fotosammlung beschäftigt, gewinnt Einblick in ein ganzes Universum, Schlaglichter auf unsere Gegenwart inbegriffen. Und ein Muss für alle, die «es» wissen wollen, ist das Katalogheft. 

Bis 
14.04.2019
Ausstellungen/Newstickerabsteigend sortieren Datum Typ Ort Land
Farbe bekennen 23.11.201814.04.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Angelika Maass

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