Alles zerfällt

Félix Vallotton · 1914, paysage de ruines et d’incendies, 1915, Öl auf Leinwand, 115,2 x 147 cm, Courtesy Kunstmuseum Bern

Félix Vallotton · 1914, paysage de ruines et d’incendies, 1915, Öl auf Leinwand, 115,2 x 147 cm, Courtesy Kunstmuseum Bern

Arnold Böcklin · Meeresstille, 1887, Tempera und Firnisfarbe auf Holz, 103 x 150 cm, Courtesy Kunstmuseum Bern

Arnold Böcklin · Meeresstille, 1887, Tempera und Firnisfarbe auf Holz, 103 x 150 cm, Courtesy Kunstmuseum Bern

Hinweis

Alles zerfällt

Bern — Mit vereinten Kräften empor, haltlos hinab in die Tiefe: Die Fragmente von ­Hodlers ‹Aufstieg› und ‹Absturz›, 1894, die an die Erstbesteigung des Matterhorns erinnern, dominieren den Austellungsauftakt im Kunstmuseum Bern und geben gleichsam den Ton an. Vielleicht so: Über vieles mag der Mensch triumphieren, aber das Andere bleibt stärker. Und Kunst kann beides sichtbar machen. In diesem Fall Schweizer Kunst aus der haus­eigenen Sammlung von Böcklin bis Vallotton, vor allem aus der zweiten Hälfte des 19. und den beiden ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Knapp zweihundert Werke – Ölgemälde und Arbeiten auf Papier – hat Kuratorin Marta Dziewańska für ihre erste Ausstellung in Bern ausgesucht, deren Titel den irischen ­Dichter Yeats zitiert und auf eine aus den Fugen geratene Welt verweist: «Alles zerfällt, die Mitte hält nicht mehr; / Und losgelassen nackte Anarchie, / Und losgelassen blutgetrübte Flut, und überall / Ertränkt das strenge Spiel der Unschuld …», 1919. Nicht nur aus den Fugen geraten, sondern auch entzaubert ist diese Welt. Das spiegelt sich in vielen der gezeigten Werke. Nicht ­wenige antworten darauf mit Gegenzauber. Der Blumenmärchen-Dichter Kreidolf etwa mit ‹Das Leben ein Traum› oder der weniger bekannte Plinio Colombi mit seinen durchdachten realistischen Schneelandschaften. Auch Böcklin, dieser tief fühlende sinnliche Symbolist, gehört hierher oder – ihm ist ein ganzes der zwölf klug kommentierten Kapitel gewidmet – Adolf Wölfli mit seinen aberwitzigen (Lebens-)Bilderzählungen. Schwer zu fassen, kaum zu begreifen sind sie, aber mit ihren nach allen Seiten durchlässigen Grenzen sehr passend im Kontext dieser Schau, die dem Publikum eine neue Lesart von Werken der Sammlung vorschlägt. Marta Dziewańska geht dabei von Sigmund Freuds Annahme dreier narzisstischer Kränkungen (1917) aus: die Erde, Heimat des Menschen, ist nicht der Mittelpunkt des Kosmos; der Mensch ist auch nur ein Tier; das «Ich» ist «nicht Herr (…) in seinem eigenen Haus». Da gerät von Kapitel 1, ‹Das zerschlagene Ich› über ‹Ein Fremder im Selbst›, ‹Übermächtige Natur› oder ‹Landschaft als Gemütszustand› und ‹Heimgesuchte Häuser› bis zu Kapitel 12, ‹Schwindel› (mit grossem Auftritt von Vallotton), einiges in Bewegung. Für Überraschungen ist dabei gesorgt, sei es, weil es zu irritierend anregenden Konstellationen und thematischen Zuordnungen kommt, sei es, weil in diesem illustrierenden Kontext Künstlerinnen erscheinen, denen man sonst kaum begegnet: Louise Catherine Breslau, Clara von Rappard, Annie Stebler-Hopf mit ihrem kühl-klaren Tableau ‹Am Seziertisch›.

Bis 
20.09.2020

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