Berlin Allesandersplatz

Labor k3000 · fallingwild, 2019, Modell einer reliefartigen Holzfassade, die einen vielfältigen Lebensraum für Tiere und Pflanzen anbietet. Foto: Brian Karp

Labor k3000 · fallingwild, 2019, Modell einer reliefartigen Holzfassade, die einen vielfältigen Lebensraum für Tiere und Pflanzen anbietet. Foto: Brian Karp

Gespräch am Berliner Stadtmodell zwischen dem Jagd- und Wildexperten des Berliner Senats Derk Ehlert (l.) und Peter Spillmann von Labor k3000. Filmstill: Brian Karp

Gespräch am Berliner Stadtmodell zwischen dem Jagd- und Wildexperten des Berliner Senats Derk Ehlert (l.) und Peter Spillmann von Labor k3000. Filmstill: Brian Karp

Hinweis

Berlin Allesandersplatz

Berlin — 30 Jahre nach dem Mauerfall haben sich die «Möglichkeitsräume» in Berlin endgültig geschlossen. Oder etwa nicht? Eine Gruppe von Akteuren aus der Kunst- und Architekturszene hat rechtzeitig den Fuss in die Tür gestellt und dafür gesorgt, dass ein riesiges Gebäude am Alexanderplatz nun zum Modellprojekt für die Zukunft wird. Am Anfang stand eine Behauptung. «Hier entstehen für Berlin: Räume für Kunst, Kultur und Soziales …» Angebracht hatte das Plakat, das an ein offizielles Bauschild erinnerte, die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser (AbBA) 2015 am Haus der Statistik, einem zum Abriss vorgesehenen, seit zehn Jahren leer stehenden Gebäude mitten in Berlin. Der 1968–1970 im Stil der DDR-Moderne errichtete, rund 50’000 m2 grosse Komplex, der heute dem Land Berlin gehört, ist eine Ruine. Damit sich keine Obdachlosen einrichten, hatte man die Fenster herausgenommen, weiterer Verfall blieb nicht aus. Unterdessen sind Vögel eingezogen – ­allein 213 Mauersegler wurden gezählt –, und im Innenhof wächst ein Urwald aus Götterbäumen und anderen Pionierpflanzen. Der Akteurskreis, der zunächst als ‹Initiative Haus der Statistik› firmierte, stiess bei der Politik auf Gehör und kooperiert jetzt als Genossenschaft ZUsammenKUNFT Berlin bei der Entwicklung des HdS als gemeinwohlorientiertes Modellprojekt. Neben Kunst und Kultur soll unter anderem das Rathaus hier einziehen, denn der forcierte Ausverkauf landeseigener Immobilien mit explodierenden Mieten hat auch vor der Verwaltung nicht Halt gemacht. Aktuell werden andere partizipative Nutzungen diskutiert und erprobt, darunter ein Chor für «utopische Lieder» (Bernadette La Hengst). Eines der Pionierprojekte ist das von Labor k3000 (Marion von Osten, Peter Spillmann u. a.) realisierte ‹fallingwild›. Ein wenig abgerückt vom eigentlichen Gebäude steht ihr hölzerner Nachbau der modernistischen Vorhangfassade – Modell und Kunstwerk zugleich. Demonstriert wird hier, wie sich die Fassade dauerhaft, also auch über Umbau- und Renovierungszeit hinweg, als Nistplatz erhalten liesse. Denn das Haus der Statistik will nicht nur die Nachbar­schaft, sondern auch nichtmenschliche Mitbewohner rund um den «Allesandersplatz», wie derzeit in grossen Lettern auf dem Dach des Gebäudes zu lesen ist, integrieren. ­Stadtnatur ist seit Mauerzeiten ein Spezialgebiet der (West-)Berliner Biologen, auch einen Wildtierbeauftragten gibt es hier. Und so erfährt man aus den vorbereitenden Gesprächen, dass viele Tiere die Stadtlandschaft inzwischen als ihr Territorium verstehen, es also wichtig ist, in einer bislang nur auf den Menschen zugeschnittenen Architektur Nischen und Zwischenräume für unsere Co-Species (Donna Haraway) bereitzuhalten. Das Holzmodell setzt das um. Ob die Fassade letztlich so realisiert wird, ist noch offen, aber sie hat das Potenzial, auch anderen Bauvorhaben einen Weg zu weisen. 

Künstler/innen
Marion von Osten
Peter Spillmann
Autor/innen
Miriam Wiesel

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