Christian Indermühle — Fotografie als physisches Abenteuer

Christian Indermühle· Dschungel, Kalimantan, Indonesien, 2018, C-Print Ultrachrome, 45 x 60 cm

Christian Indermühle· Dschungel, Kalimantan, Indonesien, 2018, C-Print Ultrachrome, 45 x 60 cm

Besprechung

Räume, architektonische sowie landschaftliche, prägen die Foto­grafien von Christian Indermühle. Stets menschenleer, strahlen seine Bilder würdige Ruhe aus. In der aktuellen Ausstellung bei Bernhard Bischoff zeigt Indermühle vorwiegend ­Arbeiten, die in den ­Urwäldern ­Indonesiens entstanden sind.

Christian Indermühle — Fotografie als physisches Abenteuer

Bern — Leicht kann man vor diesen Aufnahmen voll üppigen Grüns den Sinn für ­Masse und Dimensionen verlieren. Der dichte Pflanzenteppich, aus dem hier und da grüne Blätter ragen – ist das eine Grünanlage mit gut gedeihenden Bodendeckern? Oder ist es der Panoramablick über einen schier endlos sich ausbreitenden Wald, der sich so dicht wie ein engmaschiger Teppich, wie eine grüne Mauer vor dem Auge ­ausbreitet? Andere Aufnahmen geben deutliche Hinweise, zeigen Palmwedel, Baumstamm­geflechte, hier und da ein Stück Himmel durch eng miteinander verflochtene Baumkronen hindurch. ‹Fotografie als physisches Abenteuer› heisst die Ausstellung des Berners Christian ­Indermühle (*1945) in der Galerie Bernhard Bischoff. Ein Titel, der mehrerlei Les­arten bietet. Da wäre zum einen die Reise des Berner Fotografen nach Indonesien, die man sich mühelos sehr abenteuerlich vorstellen kann. Das Eintauchen in die feuchte ­Hitze des Urwaldes mit all den exotischen Gerüchen und Geräuschen. Die Berührungen mit dem Holz, dem Blattwerk, der schwülen Luft. Ein wenig glaubt man, sie selbst zu spüren, diese Urwaldschwere, bleibt man nur lange genug vor den Bildern stehen. Das Abenteuer des Betrachtens also, des Eintauchens in Bildwelten, die verlockend wirken und dabei doch auch verschlossen. Der Urwald, den Christian Indermühle zeigt, ruht in sich selbst. Er braucht uns, die Menschen, nicht. Er ist voller Würde, Schönheit, Gelassenheit. Christian Indermühles Fotografien aus Indonesien sind keine Aufnahmen von Urwäldern, wie ein biologisch interessierter Dokumentarfotograf sie machen würde oder ein Reisereporter. Sie erzählen keine Geschichten über das Leben im Urwald, sammeln keine Blüten und Pflanzensamen. Sie präsentieren vegetative Räume in einem zeitlos anmutenden Seinszustand. Sie wirken feierlich und gross, wie bildgewordene Langsamkeit. Gegenpole zu der Betriebsamkeit des Arbeits- und Alltagslebens im 21. Jahrhundert. Auch dort, wo Wasser oder Himmel in den Aufnahmen zu sehen ist, bleibt die grosse Ruhe der grünen Dickichte und Panoramen erhalten. Dieser Aura des Langsamen entspricht, dass die Aufnahmen analog entstehen, in einem Prozess, der wiederum auf den Titel ‹Fotografie als physisches Abenteuer› verweist und ihm eine weitere Dimension hinzufügt. 

Bis 
28.03.2020

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