Circular Flow — Gedrosselte Dringlichkeit

Wang Bing · 15 Hours, 2017, 16:9 Film, Farbe, Ton – in zwei Teilen, 15 h (je 7 h 55 min), Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris

Wang Bing · 15 Hours, 2017, 16:9 Film, Farbe, Ton – in zwei Teilen, 15 h (je 7 h 55 min), Courtesy Galerie Chantal Crousel, Paris

Melanie Gilligan · Crowds (Video), 2019, 5-Kanal-HD-Video, Farbe, Ton, je 12–15 min, Courtesy Galerie Max Mayer, Düsseldorf

Melanie Gilligan · Crowds (Video), 2019, 5-Kanal-HD-Video, Farbe, Ton, je 12–15 min, Courtesy Galerie Max Mayer, Düsseldorf

Besprechung

Passend zum Oxfam-Report 2020, der weltweit anhaltendes ­ Wohlstandsgefälle anprangert – etwa schlecht bis gar nicht bezahlte Care-/Frauenarbeit –, unter­sucht das Kunstmuseum Basel in ‹Circular Flow› Konfliktfelder der Globalisierung und eine damit einhergehende, weltweit wirksame ‹Ökonomie der Ungleichheit›.

Circular Flow — Gedrosselte Dringlichkeit

Basel — Sie sitzt kaum, da beginnt die Nähmaschine vor ihr zu surren. Ihre Hände fliegen: ein Stück Stoff, noch ein Stück Stoff, und noch eines. Ein Tanz der Stoffstücke, bei dem Mensch und Maschine eins zu werden scheinen. Zum sichtbaren Nachteil der die Maschine bedienenden Frau. (Stoff-)Stück für (Stoff-)Stück steigt auch der Puls der Betrachterin. 15 Stunden später – so die tatsächliche Länge des Films ‹15 hours›, 2017, von Wang Bing, der die 15-Stunden-Schichten von Wanderarbeitskräften in einer chinesischen Kleiderfabrik dokumentiert – wäre man ausgelaugt und erschöpft. Und dies allein vom Zuschauen – im fernab gelegenen, (immer noch) bürgerlich und auratisch aufgeladenen Kunstmuseum Basel, das derzeit eine thematische Ausstellung zur ‹Ökonomie der Ungleichheit› und zu deren sozialen, politischen und ökologischen Folgen zeigt. Ein Stockwerk höher füllt die Protagonistin Irene in Melanie Gilligans Video­installation ‹Crowds›, 2019, kleine bunte Luftballons mit Wasser. Kinder greifen sie sich, bewerfen sich damit, und die Arbeit der Frau beginnt von Neuem: Luftballons mit Wasser befüllen, den Kindern reichen, Reste der alten Luftballons einsammeln. Am Ende ihres vermutlich tristen Arbeitstags wird sich die junge Frau aus purem Spass in die Mitte eines Parkplatzes legen, um wenig später in einem Schnellimbiss ihre Schulbücher aufzuschlagen. Arbeiten, selbst die «niedrigsten», sehen bei Irene im US-Bundesstaat Florida auf prekäre Weise selbstbestimmt aus. ‹Circular Flow› wird als Ausstellungssetting von diesen beiden Werken getragen. Weil die Protagonistinnen beider Filme zeigen, was «Ungleichheit», was westlicher Wohlstand auf Kosten «anderer» mit uns als Menschen machen kann. Mal auf grausam entsubjektivierende, mal auf ermächtigend-heitere, immer aber auf nachdrücklich affizierende Weise. Dass dies nur bedingt für die übrigen dreizehn gezeigten ­Arbeiten gilt, bleibt das grosse Rätsel der am Rheinufer zu besichtigenden Schau, die Zeitgenössisches mit Sammlungsstücken kombiniert. Denn fast keiner der künstlerischen Arbeiten mangelt es an qualitativer Hochwertigkeit und thematisch tiefgehender Treffsicherheit. Und dennoch: Beim Verlassen der Ausstellung bleibt ein ­Gefühl von Unbeteiligtsein. Von Distanz zu der im Ausstellungstext angesichts globaler Ungerechtigkeit(en) so intelligent und stringent formulierten Dringlichkeit. Fast so, als hätte diese Dringlichkeit, auch die der mit ihr verbundenen Kunst, auf rätselhafte Weise vor dem Ort und seiner Institution Halt gemacht …

Bis 
03.05.2020
Ausstellungen/Newstickerabsteigend sortieren Datum Typ Ort Land
Circular Flow 07.12.201903.05.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Wang Bing
Melanie Gilligan
Autor/innen
Verena Doerfler

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