Das Grosse Rätsel - Ostland

Helsinki, Kruunuvuorenselkä, 23. Februar. Foto: SH

Helsinki, Kruunuvuorenselkä, 23. Februar. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Ostland

Am meisten erstaunt mich die Stille. Das Plaudern der Spaziergänger, das Kläffen der Hunde, die Schreie der Möwen, die beleidigt auf und ab stolzieren, alles dringt wie durch Watte gedämpft an mein Ohr, als geschehe es nicht auf dem Eis, sondern darunter, jenseits der dicken Schicht aus gefrorenem Wasser, die aus der Bucht von ­Helsinki eine weisse Fläche macht und auch die vorgelagerten Inselchen wie ein steifes Leintuch umfasst. Selbst der schwere Dieselmotor der Viking-Fähre, die am ­Horizont über das Eis zu gleiten scheint, flüstert nur heiser und dunkel durch die sirrende Kälte, durch eine Luft, die so übertrieben klar ist, dass mir mein Blick darin fast milchig trüb vorkommt. Ob man wohl für die Fähre eine Bahn ins Eis brechen musste? Oder löst sich die feste Schicht am Ende der Bucht in ein Puzzle aus losen Schollen auf? Für mein Auge scheint das Weiss ohne Ende. Wie weit man wohl käme, zu Fuss? Als ich eben an einem Schwan vorbeiging, der etwas schräg auf dem gefrorenen Gewässer sass, kam mir die ... von ... in den Sinn, wo scheinbar alles Leben auf dem Eis stattfindet – und sogar das Sterben, wie der frisch behängte Galgen im Hintergrund illustriert. Der Schwan sass sichtlich unbequem, wirkte aber nicht sonderlich beunruhigt. Allerdings verstehe ich nichts von Schwänen, so wenig wie von diesem Eis, das mir jetzt plötzlich wie eine ungeheure Gottheit vorkommt, die aus der Ostsee ein Ostland zu machen imstande ist. 

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

Autor/innen
Samuel Herzog

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