Denise Bertschi — Nope, No Names

Haunting Home, 2019, Analogfotografie, Naturama, Aarau, Inkjet auf Alu, 135 x 90 cm

Haunting Home, 2019, Analogfotografie, Naturama, Aarau, Inkjet auf Alu, 135 x 90 cm

Toning Brasil(in), Digitaldruck auf Baumwolle, Haunting Home, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau, 2020. Foto: Timo Ullmann

Toning Brasil(in), Digitaldruck auf Baumwolle, Haunting Home, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau, 2020. Foto: Timo Ullmann

Haunting Home, Leihgabe Naturama Aargau, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau, 2020. Foto: Timo Ullmann

Haunting Home, Leihgabe Naturama Aargau, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau, 2020. Foto: Timo Ullmann

Haunting Home, 2020, Stills aus Video, 37’

Haunting Home, 2020, Stills aus Video, 37’

Haunting Home, 2020, Stills aus Video, 37’

Haunting Home, 2020, Stills aus Video, 37’

Haunting Home, 2020, Stills aus Video, 37’

Haunting Home, 2020, Stills aus Video, 37’

Fokus

Die Schweiz ist privilegiert. Ihr Reichtum basiert nicht zuletzt auf der Ausbeutung von Menschen, die hierzulande nicht zu Wort kommen. Wer erzählt die Geschichte? Wie lesen wir sie? Für die Ausstellung ‹Haunting Home› im Aargauer Kunsthaus begab sich Denise Bertschi auf Spurensuche in ihrer Heimatstadt Aarau und entführt uns in ihren Fotografien und Videoaufnahmen in die koloniale Vergangenheit unseres Landes. Ihr Forschungsprojekt zeigt: Die Geschichtsschreibung ist auch immer Ausdruck vorherrschender Machtverhältnisse. 

Denise Bertschi — Nope, No Names

In ihrem jüngsten Forschungsprojekt ‹Haunting Home› thematisiert Denise Bertschi die Handelsbeziehungen zwischen der Schweiz und Brasilien und die kolonialen Verflechtungen, die im 19. Jahrhundert damit einhergingen. Ihre Recherche führte die Künstlerin in ihre Heimatstadt Aarau, wo die Familie Frey, eine der damals einflussreichsten Handelsfamilien, unter anderem Stoffe nach Bahia und Pernambuco exportierte. Gleichzeitig erforschte Pompejus Bolley, Chemieprofessor und Verwandter der Familie Frey, den Farbstoff Brasilin, der aus dem Baum Pau Brasil gewonnen wurde, was zur grossflächigen Abholzung durch die Kolonialmächte führte. Darauf verweist die Arbeit ‹Toning in Brasil›: Drei lange Stofftücher wurden mit der Publikation des Professors bedruckt und mit dem roten Farbstoff eingefärbt. So visualisiert Bertschi die Wechselwirkungen zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und wirtschaftlichen Interessen. Neben den Memoiren und Reiseberichten der Familie, welche die Künstlerin im Staatsarchiv fand, verweisen auch viele der präparierten Tiere im Naturhistorischen Museum in Aarau auf die Handelsbeziehungen. Denn zur damaligen Zeit war es üblich, das «Exotische» in die Heimat zu bringen. «Ich finde es faszinierend, jedoch nicht überraschend, dass auch in einer Kleinstadt wie Aarau all diese Materialitäten gelagert sind», sagt Denise Bertschi. Für die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus hält Bertschi die Schauplätze ihrer Recherche fotografisch und filmisch fest. Auf den Aufnahmen ist der Aare-Kanal zu sehen, der die damalige Chocolat Frey betrieb, die Villa Olinda, welche die Familie damals bauen liess, oder das Lager des Naturama. Die Videoaufnahmen wirken ruhig und unaufgeregt, enthalten nur minimale Bewegungen; eine Ästhetik, welche die turbulente Geschichte kontrastiert, die sich hinter den Orten verbirgt. Vertont werden die Aufnahmen durch Passagen aus den Memoiren, in denen die gutbürgerliche Familie Frey ihre Reisen nach Brasilien schildert. «Wir wurden wie Wundertiere betrachtet, da sich ein Europäer selten in diese Gegend verirrt», erinnert sich ein Familienmitglied. An dieser Stelle öffnet Denise Bertschi einen Denkraum: Wer erzählt die Geschichte, die uns überliefert wird? Wie lesen wir sie? Diese Fragen thematisiert sie auf akustischer und visueller Ebene. In der Ausstellung sind Fotografien der Familie zu sehen, auf denen sie die Landschaften und Menschen Brasiliens festhielten: Die stereotypen Sujets wurden für ihr Bild – unser Bild – des «Exotischen» instrumentalisiert. «Interessant dabei ist, dass die Familie Frey in ihrer Chemiefabrik in Aarau an fotochemischen Materialien tüftelte und unter anderem Reisekameras für wissenschaftliche Expeditionen herstellte», sagt Bertschi. ‹Haunting Home› knüpft an den früheren Werkkomplex ‹Helvécia, Brazil› an, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. In den dazugehörigen Videoaufnahmen beleuchtet Denise Bertschi die Geschichte der gleichnamigen Kaffeeplantage in Bahia. Die Plantage war Teil der Colônia Leopoldina, die 1818 von Schweizern und Deutschen gegründet und mit 2000 Sklavinnen und Sklaven bewirtschaftet wurde. In der Kolonie befand sich auch ein Schweizer Konsulat. Die Konsulatsdokumente kamen schliesslich nach Europa, erzählen die Geschichte aus der Perspektive von Weissen und Plantagenbesitzern. Doch nun soll jemand anderes zu Wort kommen. «Wechselt man die Perspektive, entsteht ein anderes Narrativ, das sich den offiziellen Dokumenten gegenüberstellt», sagt Bertschi. «Es geht mir aber nicht darum, eine richtige oder falsche Geschichtsschreibung vorzuschlagen, sondern offenzulegen, was diese multiplen Geschichten beinhalten.» Denise Bertschi reiste 2017 mehrmals nach Brasilien und sprach mit jenen Menschen der afrobrasilianischen Gemeinschaft, die noch heute auf dem Land der ehemaligen Kolonie leben. «Die Bewohnerinnen und Bewohner haben ein ausgeprägtes Verständnis ihrer Geschichte», sagt Denise Bertschi. «Dass wir in der Schweiz wenig Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit unseres Landes haben, hatte sie sehr erstaunt. Dadurch haben sie viel Information mit mir geteilt.»

Stimmen aus Helvécia
Die Einheimischen erzählten von ihren Vorfahren, den überlieferten Geschichten und führten Bertschi an jene Orte, die eng damit verknüpft sind: Der Ort, an dem die Kaffeemühle stand, wo die Sklaven an Land gebracht wurden. «Die Orte waren überwachsen, unsichtbar aus meiner Sicht», erinnert sich die Künstlerin. «Sie waren zentral für meine Arbeit: Denn Geschichten werden erfahrbar, wenn man sie mit einem ästhetisch erlebbaren Ort verknüpft.» So begab sie sich auf Spurensuche, spürte jene Orte auf, deren Geschichte in Vergessenheit gerät. Rund um einen ehemaligen Friedhof der Kolonie stehen heute Eukalyptusplantagen, die schnell wachsen, schnell abgeholzt werden können. Während die Bewohnerinnen und Bewohner mit Bertschi durch die Gegend gehen, finden sie Teile von alten Grabsteinen. «There are no names, right?», fragt einer der Protagonisten. «Nope, no names», antwortet der andere. «Es geht um die Position der Schweiz in den jeweiligen Geografien, wie sie sich politisch und wirtschaftlich darin positioniert.» Mit diesem Thema beschäftigte sich Denise Bertschi bereits in früheren Projekten. Für ‹Neutrality as an Agent› reiste sie mehrmals nach Johannesburg und Kapstadt und ging dem Goldhandel zwischen der Schweiz und dem Apartheitsstaat nach, der sich Mitte der Fünfzigerjahre verstärkte. Gleichzeitig weigerte man sich, den Sanktionen gegen Südafrika zu folgen. Eine Begründung: politische Neutralität. «Seit dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gilt Neutralität als Vorteil, da man nicht in Kriege involviert wird und sich ökonomisch ausbreiten kann», sagt Denise Bertschi. Sie verweist damit auf die Frage, worauf der Reichtum basiert, und fordert uns dazu auf, die Anfänge der Globalisierung und des globalen Handels anzuschauen.

Neutralität als Fiktion
Den Neutralitätsbegriff thematisierte sie erstmals in ihrem Projekt ‹State Fiction›. Seit 1953 überwacht die Schweiz die Zone zwischen Nord- und Südkorea, die sogenannte demilitarisierte Zone, die von keinem der beiden Länder betreten werden darf. «Was bedeutet Neutralität an einem solchen Ort?», fragt die Künstlerin. Das Projekt umfasst Archivfotografien, die von den dort stationierten Soldaten stammen. Sie zeigen einen idyllischen Alltag in einer geopolitisch hochangespannten Region: einen Mann bei der Gartenarbeit, ein gemeinsames Essen mit Zopf und Berner Lebkuchen. Die Szenen zeugen von einer ruhigen, fast schon trügerischen Sprache, mit der Denise Bertschi auch in ihrer Ausstellung in Aarau spielt. ‹Haunting Home› ist aktueller denn je: Dem Projekt wohnt die Notwendigkeit inne, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, neue Perspektiven zuzulassen. «Es geht mir um die Auseinandersetzung mit unserem Privileg», sagt ­Denise Bertschi. «Welche Verantwortung tragen wir gegenüber den Firmen, die in der Schweiz toleriert werden, obwohl sie mit ihren Geschäften an anderen Orten Ausbeutung und politische Ungleichheit fördern?»

Giulia Bernardi ist freie Autorin, lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹Denise Bertschi – Haunting Home›, Manor Kunstpreis 2020, Aargauer Kunsthaus, bis 26.4.; ­Publikation: ‹Strata – Mining Silence›, edition fink, Zürich, 2019 ↗ www.aargauerkunsthaus.ch

Bis 
26.04.2020

Denise Bertschi (*1983, Aarau), lebt in Lausanne

2018–2022 Doktorat an der EPFL Lausanne und der HEAD Genève
2019 Research Residency, Getty Research Institute, Los Angeles, Pro Helvetia, swissnex San Francisco
2017 Artists in Residence, Johannesburg, Pro Helvetia
2013–2015 Master in Contemporary Artistic Practices, HEAD Genève
2009–2012 Bachelor in Visual Communication, Zürcher Hochschule der Künste

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Neutrality as an Agent›, Artivist, Johannesburg; ‹Namibia Rawcut›, lokal-int., Biel
2017 ‹Kaffee aus Helvécia›, Johann Jacobs Museum, Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Forever or in a Hundred Years›, Alte Fabrik, Rapperswil; ‹Mobile Welten›, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg; ‹Tarnen, täuschen, imitieren›, Alte Fabrik, Rapperswil
2016 ‹Auswahl 16›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2015 ‹Cold. War. Hot. Stars.›, Corner College, Zürich; ‹Kendall Notation›, Die Diele, Zürich; ‹Poetics of Relation›, Wits School of Arts, Johannesburg und LiveInYourHead, Genève
2014 ‹Territories of Assembly›, Artsonje Center, Seoul; ‹Mandatory Passivity›, LiveInYourHead, Genève

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Denise Bertschi 25.01.202009.08.2020 Ausstellung Aarau
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Denise Bertschi

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