Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė — Un Chien andalou

Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė · Mouthless, 2020, Installationsansicht Kunsthalle Fri Art, Freiburg. Foto: Guillaume Baeriswyl

Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė · Mouthless, 2020, Installationsansicht Kunsthalle Fri Art, Freiburg. Foto: Guillaume Baeriswyl

Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė · Mouthless, 2020, Filmstills

Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė · Mouthless, 2020, Filmstills

Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė · Mouthless, 2020, Filmstills

Dorota Gawęda, Eglė Kulbokaitė · Mouthless, 2020, Filmstills

Besprechung

Plakate wie für Horrorfilme und Einblicke in Filmsets mit Stars mit langen schwarzen Fingernägeln, fettigen Haaren und weissen Pupillen: Die in den sozialen Medien verbreiteten Bilder liessen Schockierendes erahnen. Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė bespielen Fri Art und WallRiss – und die Sphären dazwischen.

Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė — Un Chien andalou

Freiburg — «Es war einmal …» wäre auch für ‹Mouthless› ein passender Anfang – hätte die Ausstellung denn einen. Volkserzählungen treffen auf lokale Hexenprozesse, osteuropäische Bräuche auf verwunschene Landschaften. Eine zeitliche Abfolge, wann und ob die angedeuteten Ereignisse tatsächlich stattgefunden haben, lassen Dorota Gawęda (*1986, Lublin) und Eglė Kulbokaitė (*1987, Kaunas) allerdings offen. Entgegen den Erwartungen zeigen sich die Ausstellungsräume nahezu andächtig. Warmes Licht dringt durch ein bedrucktes Bleiglasfenster in die Kunsthalle. Es riecht nach Waldboden. Der – synthetisch hergestellte – Duft verleitet dazu, im Ambiente nach Natur zu suchen. Doch es handelt sich dabei vielmehr um das zwangsläufig geschei­terte Unterfangen, mittels künstlicher Intelligenz Natur zu konstruieren. Der Clash von Technologie, traditionellem Kunsthandwerk und dem Klischee unberührter Natur geht in dieser Ausstellung leise vonstatten. Ein Schock tritt nicht ein. Doch auch das vergebliche Warten darauf fühlt sich an wie die sich nicht entladende Spannung im surrealistischen Film ‹Un Chien andalou›, nachdem der in einer frühen Filmsequenz aufgeschnittene Augapfel auf weitere – ausbleibende – Schockmomente warten lässt. Der in den eigenen Augen nachempfundene Schmerz hallt währenddessen nach. Die beiden Künstlerinnen, die sich als Gründerinnen der ‹Young Girl Reading Group› auf Ökofeminismustheorien, «Queer Ecology» und Science-Fiction beziehen, fordern den Sehsinn heraus. Weder die zwei Schauplätze noch die um eine Säule angeordnete Videoinstallation können zeitgleich wahrgenommen werden. Über die Bildschirme geistern Szenen aus dem Film, der im Offspace WallRiss gedreht wurde. Leerblickende Gestalten in genderfluiden Designerklamotten interagieren vor Strohhaufen oder hinter einer Scheibe mit einer schmalen Öffnung. Inspiriert von Bräuchen, die dazu dienen sollen, verstorbene Familienmitglieder wiederzuerwecken, fehlt hier jeglicher Hinweis, bei wem der angeblich miteinander verwandten Darstellenden es sich um Heraufbeschwörende oder Heraufbeschworene handelt. Auch diese Grenze verpufft. Die messerscharf zulaufenden Metallspitzen eines an die Wand gelehnten Rechens sowie der aufgereihten Golfstühle wirken für das Auge bedrohlich. Doch in der Schau wird keines der Augen, die uns rundum zu beobachten scheinen, aufgeschnitten. Vielleicht weil wir, während wir einem drohenden ökologischen Kollaps zuschauen, ohne ihn am eigenen Körper wahrzunehmen, schon längst blind sind. 

Bis 
29.03.2020

→ ‹Dorota Gawęda und Eglė Kulbokaitė – Mouthless›, Fri Art und WallRiss, bis 29.3.; Final Screening, Cinema Rex, Freiburg, 28.3., 22.45 Uhr ↗ fri-art.ch ↗ wallriss.ch

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Mouthless 01.02.202029.03.2020 Ausstellung Fribourg
Schweiz
CH
Künstler/innen
Dorota Gawęda
Eglė Kulbokaitė
Autor/innen
Irène Unholz

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