Florence Jung — Kopfkino, verquickt mit Fragen des Kunstbetriebs

Florence Jung · New Office, The Adds, 2020, Instagram Adds, auch in Buchform veröffentlicht

Florence Jung · New Office, The Adds, 2020, Instagram Adds, auch in Buchform veröffentlicht

Besprechung

Bei Arbeiten von Florence Jung sollte man auf alles gefasst sein. Die Künstlerin unterwandert etablierte Verhältnisse von ­Publikum und «Kunstwerk», stellt das Verhältnis von Absenz und ­Präsenz, von Erzählung und Gerücht auf die Probe. Das lässt sich jetzt in Zürich in einer Einzelausstellung verfolgen.

Florence Jung — Kopfkino, verquickt mit Fragen des Kunstbetriebs

Zürich — Betritt man die bekannten, eher aseptischen Räume vom Helmhaus, trifft man auf stapelweise aufgeschichtete Booklets im Format von Reclam-Heftchen. Nicht der übliche zusammengeheftete Saaltext, sondern etwas, das vielmehr den Eindruck einer Anleitung macht. Ein Einstieg zu «an exhibition to be read», wie Florence Jung selbst sagt. Lesen und sehen, decodieren und wahrnehmen – hier liegt einer der Schlüssel zu ihrem Werk. Denn es geht um das jeweils subjektive Erleben jeder Besucher*in, was durch die Anlage der «Szenarien» (FJ), der in den Räumen aufeinanderfolgenden Situationen, mit Absicht befördert wird. Zugang und Widerstand, Einblick und Blockade, erweitert durch «autoritäre Figuren», die wiederum die Funktion erfüllen, Teile der Ausstellung überhaupt erfahrbar zu machen. Sobald wir dem intendierten Parcours folgen, werden Entscheidungen eingefordert: Bin ich bereit, mich auf das Szenario einzulassen, oder drehe ich um – verlasse den grossen Raum und gehe einfach die Treppe hinauf.
Aber auch im Obergeschoss bleibt das Gefühl von Verunsicherung, von «suspense» bestehen. Wohin führt mich diese Ausstellung, deren «Werke» quasi unsichtbar sind? Die aus eingezogenen Wänden, halb angelehnten Türen, ausgelegten Dokumenten, Stationen von Rezeption und Kontrolle besteht? Anhand des am Eingang aufliegenden Booklets kann sich eine Art Kopfkino entwickeln; von einem Setting zum nächsten, wobei sich auch die Texte im Booklet ändern: von rein deskriptiv zu interpretativ, von atmosphärisch zu narrativ. Doch wesentlich sind die Besucher*innen, die – wie auch in früheren Arbeiten von Jung – die Rolle der Protagonist*innen übernehmen. Die Künstlerin generiert Settings, in denen das Publikum Entscheidungen treffen muss – und je nachdem damit konfrontiert oder beglückt wird, dass sich eine Ausstellung auch verselbständigen, in den privaten Raum ausweiten kann. Denn was bedeutet es, wenn einem ein Kunstwerk effektiv nach Hause folgt? Wie gehe ich mit diesem Eingriff in meinen privaten Raum um? Lasse ich mich von der SMS-Nachricht überzeugen, folge ich den Anweisungen, die mir eine Lösung des Ausstellungsrätsels verheissen?
Es scheint, als ob Florence Jung die Funktion und den Habitus von Ausstellungs­besucher*innen in den Blick nimmt; das Publikum ihrer und anderer zeitgenössischer Arbeiten in eine Untersuchung einbindet, die gesellschaftliche Fragen, eingeschliffene Gewohnheiten und ein genuines Verhältnis von Gewohnheit und Vertrauen, von Reflexion und Analyse auffächern.

Bis 
05.04.2020

→ ‹Florence Jung›, Helmhaus Zürich, bis 5.4., mit Publikation ↗ www.helmhaus.org

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Helmhaus Schweiz Zürich
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Florence Jung 03.02.202005.04.2020 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Florence Jung
Autor/innen
Irene Müller

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