Ketty La Rocca — Dal momento in cui …

Ketty La Rocca · La cultura che non vive, 1964–1965, Collage auf Papier, 44,5 x 29,5 cm, Courtesy The Estate of Ketty La Rocca, Michelangelo Vasta

Ketty La Rocca · La cultura che non vive, 1964–1965, Collage auf Papier, 44,5 x 29,5 cm, Courtesy The Estate of Ketty La Rocca, Michelangelo Vasta

Besprechung

Viel Zeit war Ketty La Rocca nicht vergönnt. Mit nur 37 Jahren starb sie an einem Hirntumor. Mit ihrem intelligenten, aufgeweckten Werk, das sie ab 1964 schuf, leistete sie aber dennoch wesentliche Beiträge zur italienischen Neovanguardia und ­setzte aus feministischer Perspektive wichtige frühe Akzente.

Ketty La Rocca — Dal momento in cui …

Freiburg — Ketty La Rocca (1938–1976) gilt als «artists’ artist», als Künstlerin, die etwa Sally Schonfeldt (*1983) inspiriert hat. Geschätzt wird sie namentlich dafür, dass sie stets dezidiert für mehr soziale «sincerità» einstand und einforderte, was tradierte Rollenbilder und eingeübte Kommunikationsmuster den Frauen verwehrten. Sie kannte Umberto Eco, las Roland Barthes und Marshall McLuhan und sie sezierte bevorzugt die im Nachkriegsitalien neu auch massenmedial verbreiteten Klischees, die Frausein mit Schönsein und Schweigen gleichsetzten. So muss nicht erstaunen, dass man sie rückblickend im Dunstkreis von Carla Lonzi (1931–1982) verortet, wie dies etwa Barbara Casavecchia in einem 2016 im ‹South›-Magazin publizierten Essay tut. Beide Frauen wirkten in Florenz, und mit ‹Taci, anzi parla›, ihrem 1978 veröffentlichten feministischen Tagebuch, gab Lonzi, die vormalige Kunstkritikerin, die gleiche Maxime vor: Schweig, oder besser: Sprich! La Rocca hatte ihre sprachliche Selbstermächtigung zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen, und zwar als Mitglied der polydisziplinären ‹Gruppo 70›, den sie 1963 mitbegründet hatte und dessen Verlangen nach neuen Sprach- und Bildformen, nach ­einer «poesia visiva» sie teilte. 1964–65 schuf sie nach diesem Ansatz mehrere politische Collagen, aus denen Fri-Art-Direktor Nicolas Brulhart direkt aus dem Estate eine repräsentative Auswahl getroffen hat. Leitmotiv ist der erotisierte weibliche Körper. Hinzu kommen Themen wie Konsumkritik und Handarbeit als Kulturkampf, aber auch allgemeinere Denkanstösse, etwa zu technischen Domänen oder zum faschistischen Erbe. Jedes Blatt kann dank sparsamer Hängung seine mit feiner Klinge geführte Kritik frei entfalten. Spät, aber anhaltend aktuell – man denke nur an das Frauenbild der Ära Berlusconi – können die seinerzeit im Vakuum zwischen Kunst- und Gender­debatten verhallten Arbeiten somit doch noch ins kollektive Bewusstsein sickern. Ein klares Mehr an Öffentlichkeit war dagegen den Werken der 1970er-Jahre beschieden, gipfelnd in La Roccas Präsenz an den beiden Venedig-Biennalen von 1972 und, postum, 1978. Aus dieser stärker semiotisch und strukturalistisch geprägten Phase sind Beispiele aus den Werkgruppen der mit Schrift umrissenen ‹riduzioni›, den für das sprechende Individuum stehenden I- und J-Skulpturen und den offenkundig körpersprachlichen Arbeiten mit Händen zu sehen. Spätestens hier wird klar, dass es der Künstlerin von Anfang an nur um eines ging: die Befähigung zur Kommunikation. 

Bis 
29.03.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Ketty La Rocca 01.02.202029.03.2020 Ausstellung Fribourg
Schweiz
CH
Künstler/innen
Ketty La Rocca
Autor/innen
Astrid Näff

Werbung