Marlene McCarty — Ausbrechen aus einem fremden Herrschaftssystem

Group 10.3 (Sorry. Baby.), 2008, Grafit und Kugelschreiber auf Papier, 255,2 x 279,4 cm, Foto: Patricia Grabowicz

Group 10.3 (Sorry. Baby.), 2008, Grafit und Kugelschreiber auf Papier, 255,2 x 279,4 cm, Foto: Patricia Grabowicz

Marlene McCarty. Foto: Patricia Grabowicz

Marlene McCarty. Foto: Patricia Grabowicz

‹14 (2) und (4)›, 2014, Grafit und Kugelschreiber auf Papier, 180,3 x 238,7 cm, Courtesy SikkemaJenkins & Co. Galerie. Foto: Patricia Grabowicz

‹14 (2) und (4)›, 2014, Grafit und Kugelschreiber auf Papier, 180,3 x 238,7 cm, Courtesy Sikkema
Jenkins & Co. Galerie. Foto: Patricia Grabowicz

Marlene Olive – June 21, 1976, 1995–1997, Grafit auf Papier, 150 x 231 cm, Sammlung A. Schindler

Marlene Olive – June 21, 1976, 1995–1997, Grafit auf Papier, 150 x 231 cm, Sammlung A. Schindler

Fokus

Die Ausstellung ‹Into the Weeds› ist eine Erfahrung von direkter und unmittelbar desillusionierter Wirklichkeit und zugleich eine Einladung in eine fantastische, fantasievolle Welt. Der Blick der Künstlerin Marlene McCarty reicht von der exakt-reellen Oberfläche eines Motivs bis tief hinein in die menschlichen Abgründe unserer Gesellschaft. Die untrennbare Verbindung von Sexualität und Tod entspringt einer authentischen Suche nach der Herkunft, Verortung und Vision von Humanem und Animalischem – von ­Natur in ihrer ganzen Erscheinungsform. 

Marlene McCarty — Ausbrechen aus einem fremden Herrschaftssystem

Marlene McCarty ist eine Künstlerin mit aktivistischem Hintergrund. Als Mitglied des Künstlerkollektivs Gran Fury engagierte sie sich Ende der achtziger Jahre unter anderem für die AIDS-Aufklärung. Ihre aktuelle Ausstellung ‹Into the Weeds›, in der Historie auf aktuelle Brisanz trifft, bringt McCarty für einen Moment wieder zurück nach Basel, wo sie einst an der Allgemeinen Kunstgewerbeschule studierte. Die New Yorker Künstlerin zeigt ihre Arbeiten aus 25 Jahren Schaffenszeit. Aktueller denn je scheinen die Fragen zu sein, die sie mit ihren Zeichnungen und der neuen Installation im Kunsthaus Baselland aufwirft. Es sind Fragen nach der Machtverteilung in der Gesellschaft und nach der Aufgabe des Menschen heute. Es wird sein Verhältnis zur Natur untersucht: zu der des Menschseins selbst und zur Natur an sich, die noch weitaus ursprünglicher ist und wilder.

Die Macht pflanzlicher Wirkstoffe
Im Eingang des Ausstellungshauses erwartet einen ein grosses rundes Pflanzenbeet, in dem ganz Besonderes wächst: verschiedene Heil- und Giftpflanzen. Alle tragen sie geheime Wirkstoffe in sich und damit eine von Frauen überlieferte Weisheit.Die Anlage ist in Kooperation mit den Basler Merian Gärten entstanden und zeugt von einer tief verwurzelten Sensibilität. Man könnte meinen, in dem Beet würden potenzielle Wirkstoffe für eine Umgestaltung der Gesellschaft heranwachsen. Im Begleitheftchen ‹Herbarum› sind alle Arten mit ihrem jeweiligen Können verzeichnet: Eine Überdosis Oleander zum Bespiel kann tödlich sein und Baumwolle eine ungewollte Schwangerschaft verhindern. Der skulpturalen Installation sind die grossformatigen, fast identisch ­anmutenden Zeichnungen ‹Hearth 2›, 2010, zweier kreisrunder Rindertränken, in gräsernem ­Dickicht gegenübergestellt. Die real existierenden Bauten wurden später von ­Jägern zum Grillen genutzt und die Arbeit erhielt so wiederum ihren Titel, der übersetzt Feuer­stelle lautet. Damit verweist die Künstlerin auch auf Joseph Beuys’ Arbeit, ‹Feuerstätte II›, 1978–79, die sich im Kunstmuseum Basel befindet. So erhält das im Ausstellungsraum installierte, ebenfalls runde Pflanzenbeet eine fast schon alchemistische ­Aufladung. In einem anderen Raum der Schau, mit speziellem, pink erscheinendem Licht ausgestattet, schlummern weitere Samenkörner verborgen unter der Erde und sollen sich im Lauf der Ausstellungszeit bis an die Oberfläche durcharbeiten. So ist das Bild in den Pflanzenbeeten stets ein sich weiterentwickelndes.

Zeichnung und Symbolik
Die Oberflächen der Zeichnungen von Marlene McCarty spannen sich auf und ­lassen dahinter tief blicken. Schichten scheinen sich abzuschälen, als würde auch hier etwas aus dem Innern nach aussen drängen wollen. Vor allem in ihren neuesten Arbeiten ist die grafisch klare Setzung sehr präsent. Mit feinen und unendlich erscheinenden, auf dem Blatt sorgsam platzierten Linien aus Bleistift und Kugelschreiber werden Motive naturgetreu und zugleich metaphernreich ausgearbeitet. In Konglomeraten, von der Künstlerin mit kompostartigen Haufen verglichen, kommen verschiedene Elemente spielerisch zusammen. Dabei erinnert beispielsweise in ‹Spare Tire, Sputter, Slinger, Spurt, Chasteberry, Monk’s Pepper, Yee Haw›, 2019, die Form einer Raute an die einer Vagina und der Hut auf der Spitze dieser Raute an ein Symbol von männlich geprägter Macht und «machohafter» Herrschaftsform. Auf einer weiteren Wand sind die Arbeiten ‹14 (2) und (4)›, 2014,  zu sehen: Zwei weibliche Köpfe liegen zentral im Bild, kraftvolle Haarsträhnen füllen es aus, ein Haarwirbel auf dem Zenit bildet eine zarte Leerstelle auf dem Papier.

Das Medium und seine Notwendigkeit
Das Medium der Zeichnung galt in der Kunstgeschichte lange als Vorarbeit, als bildgewordene Idee und Skizze für die eigentliche Kunst: die Malerei. Heute deklariert die Zeichnung ganz klar eine eigene freie künstlerische Position. Mit genau diesem Bewusstsein spielt Marlene McCarty in ihren Arbeiten, in denen ihr zeichnerisches Können den Anspruch an ein in sich vollkommendes Bild einerseits manifestiert, anderseits dieses aber auch hinterfragt. Sie vergleicht das historische Denken, die Stellung der Zeichnung mit der Rolle der weiblichen Künstlerin oder auch mit der Frau generell in der Gesellschaft, die doch oft noch an «zweiter Stelle» zu stehen scheint. McCarty wählte bewusst das Medium der Zeichnung, um Hierarchien in ­einem von männlichen Machtstrukturen geprägten System zu untersuchen. Trotzdem zeichne sie nicht, um politisch zu handeln, sondern weil sie eben zeichnen müsse. Es gehe ihr nämlich auch um die körperliche Bewegung, den «performativen Akt», wie sie es nennt, den sie ausübt, um die grossformatigen Papiere zu füllen. Teilweise dauere ein solcher Prozess mehrere Monate.

Gorillas, Liebe und Hass
Auch die Motive, die McCarty zeichnet, sind konzeptuell und zugleich aus einer inneren Notwendigkeit heraus gewählt. Die Szenerien sind stimmungsvolle Beziehungsgeflechte aus undurchsichtigen und komplexen Konstellationen. Intime, ­sexuelle und identitätsstiftende Momente werden offengelegt: konkret als fragmentarisch entblösste Geschlechtsteile, weibliche Busen und immer wiederkehrende, zum Teil unter der Kleidung durchscheinende Brustwarzen. Diese nackten Elemente durchwandern die Bilder als erkennbares Wiederholungsprinzip, ebenso wie die sich immer wieder gegenseitig spiegelnden und symmetrisch erscheinenden Körperformationen: von Mensch und Tier – von Frauen, Männern und Gorillas, die ineinander greifen, ineinander übergehen und sich teilweise ineinander verlieren. Seit 2007 findet sich in den Arbeiten von McCarty folgendes Phänomen: Das Wilde, das Unbändige, das Animalische wird mit weiblicher Kraft gepaart. Menschenaffen, teils mit humanen Gesten und Mimik, liegen auf einem Bild lustvoll-gierig in den Armen einer jungen Frau. Sie wird mit gleich zweien auf einmal fertig. Das suggeriert Macht und Selbstbestimmtheit. Gleichzeitig wirken die Affen dominant und es scheint, als könnte das Beziehungs- oder Machtgefüge jeden Moment kippen. Auch die Körper der Gorillas sind mit Brustwarzen gepflastert, die aussehen wie paradoxeNabel. Ebenso repräsentiert die in ‹Group 1.3›, 2007, dargestellte Familie, spannungsvoll ineinander verwickelt, eine dramatische, reale Begebenheit: In einer religiösen Zeremonie wird die Tochter getauft und zu vorehelicher Enthaltsamkeit ermahnt, was in der Ermordung der Eltern durch die rebellierende Tochter gipfelt.

Geheimnisvolle Wahrheit
Wahre Geschichten, reale Narrative fungieren für Marlene McCarty stets als Grundlage und Ausgangspunkt für die sich daraus frei entwickelnden Zeichnungen. Der ‹Group›-Serie war in den Neunzigern ihre Porträtreihe ‹Murder Girls› vorausgegangen. Eine dieser ersten Arbeiten ist auch in der aktuellen Ausstellung ‹Into the Weeds› zu sehen. Sonderbar geheimnisvoll schaut uns eine junge Frau direkt in die Augen, dringt mit ihrem Blick tief hinein in das eigene Unbekannte. Ihre Hosen stehen offen, ihr Schoss ist entblösst. Vielleicht die Geburt einer neuen Welt. Die Arbeit lässt neben dem kunsthistorischen Bezug zu Gustave Courbets ‹L’origine du monde›, 1866, auch an Valie Exports ‹Aktionshose: Genitalpanik›, 1968, denken. Wenn wir jedoch im Werktitel lesen, dass das Mädchen, am Übergang zwischen Kind- und Erwachsensein, Marlene ­Olive ist, die weltweites Aufsehen damit erregte, ihre eigenen Mutter getötet zu haben, bekommt das Bild noch einmal eine ganz andere Dimension.

Prägung und Zukunft
McCartys Botschaft ist deutlich zu lesen: die verzweifelte und zugleich erfolgreiche Emanzipation des weiblichen Geschlechts als Sinnbild für eine in sich zerrissene Gesellschaftsstruktur. Die Frauen suchen nach einer Neubesinnung, nach einer Identität in enger Verbundenheit mit der Natur. Sie wirken stark, überzeugend und spielen gekonnt mit den von McCarty als männlich interpretierten Attributen von Macht und Erfolg. Das Männliche transformiert sich dabei sogar zum Animalischen, das von der Frau gebändigt und gezähmt wird. Trotzdem bleibt eine unheimliche Form von existenzieller Bedrohung spürbar. Die US-Amerikanerin, die die Situation in ihrem Herkunftsland mit Sorge betrachtet, sagt, sie wisse nicht, ob Kunst wirklich die Welt verändern könne, aber sie glaube an die Kraft, die diese habe. Die Künstlerin wirft existenzielle Fragen auf und möchte den wunden Punkt an einer oft verdeckten Stelle treffen: Wer sind wir und wohin wollen wir? Was hat uns geprägt und wie wollen wir prägen? Wie ist die Verteilung von Macht in unserer Gesellschaft, in unserer Familie, in uns selbst?

Zitate: Gespräch mit der Künstlerin am 22. Januar 2020 im Kunsthaus Baselland
Valeska Marina Stach, Lyrikerin und Künstlerin aus Berlin, lebt und arbeitet in Basel als freie Autorin und Prozessbegleiterin. valeskamarinastach@gmail.com

Bis 
19.04.2020

Marlene McCarty (*1957, Lexington, Kentucky USA), lebt in New York City

1975–1977 University of Cincinnati, College of Design, Architecture, and Art, Ohio, USA
1978–1983 Allgemeine Kunstgewerbeschule in Basel
1983 Umzug nach New York
1988–1995 Mitglied bei Gran Fury
1993 Eidgenössisches Kunststipendium, Freie Kunst (Schweiz)
Professorin für Visuelle Künste an der NYU Steinhardt

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019/2020 ‹Into the Weeds›, Center for the Arts, Buffalo, New York
2018 ‹The Enormity of Time›, Sikkema Jenkins & Co., New York
2013 ‹Hard.Keepers›, Royal Hibernian Academy, Dublin, Irland
2010 ‹i’m into you now: some work from 1980–2010›, NYU Steinhardt School of Culture, Education, and Human Development, New York
2004 ‹Young Americans , Part 2›, Neue Kunsthalle St. Gallen

Institutionen Land Ort
Kunsthaus Baselland Schweiz Basel/Muttenz
Ausstellungen/Newstickerabsteigend sortieren Datum Typ Ort Land
Marlene McCarty, www.kunsthausbaselland.ch 23.01.202021.06.2020 Ausstellung Muttenz
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Künstler/innen
Marlene McCarty
Autor/innen
Valeska Marina Stach

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