Olafur Eliasson — Symbiotic Seeing, sehen und gesehen werden

Escaped light landscape, 2020, Strahler, Halogen, LED, Stativ, Objektive, Farbfilter, konkaver Spiegel, Alu, Messing, Kunststoff, Motoren, Steuergerät, Masse variabel, Installationsansicht Kunsthaus ­Zürich, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, NY/LA. Foto: Alcuin Stevenson

Escaped light landscape, 2020, Strahler, Halogen, LED, Stativ, Objektive, Farbfilter, konkaver Spiegel, Alu, Messing, Kunststoff, Motoren, Steuergerät, Masse variabel, Installationsansicht Kunsthaus ­Zürich, Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, NY/LA. Foto: Alcuin Stevenson

Algae window, 2020, Glaskugeln, Stahl, Aluminium, Kunststoff, Farbe (schwarz), 380 x 350 x 80 cm, Installationsansicht Kunsthaus Zürich, 2020, Courtesy ­neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York / Los Angeles. Foto: Franca Candrian

Algae window, 2020, Glaskugeln, Stahl, Aluminium, Kunststoff, Farbe (schwarz), 380 x 350 x 80 cm, Installationsansicht Kunsthaus Zürich, 2020, Courtesy ­neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York / Los Angeles. Foto: Franca Candrian

Olafur Eliasson, 2020. Foto: Franca Candrian

Olafur Eliasson, 2020. Foto: Franca Candrian

Fokus

Olafur Eliassons Kunstverständnis ist weit gefasst und basiert auf Kooperation. Im Berliner Studio arbeiten über 100 Künstlerinnen, Architekten, Theoretikerinnen und Techniker. Sein ­Œuvre reicht von Kunst über Szenografie bis zu Social Business und Politik. Jede seiner Ausstellungen schlägt ein neues Kapitel auf, so auch die aktuelle im Kunsthaus Zürich. 

Olafur Eliasson — Symbiotic Seeing, sehen und gesehen werden

Seit einem Vierteljahrhundert durchzieht Olafur Eliasson die Kunstwelt mit der Energie und der Selbstverständlichkeit eines Naturereignisses. Wer einmal ein Bild von ‹The Weather Project›, 2003, in der Turbinenhalle der Tate Modern oder von ‹Ice Watch›, dem Kreis schmelzender Eisberge auf öffentlichen Plätzen (zuerst 2014 in ­Kopenhagen, später in Paris und London) gesehen hat oder durch ‹Your Rainbow ­Panorama›, 2011, den kreisrunden, mit farbigem Glas verkleideten Steg über dem Aarhus Kunstmuseum gegangen ist, vergisst diese Erfahrungen nicht. Die Verbindung von formaler Schönheit, eingängigen Titeln, aktuellen Themen und der Möglichkeit, künstlerische Erfahrungen gemeinsam mit anderen Menschen zu machen, macht seine Kunst sowohl unverwechselbar wie auch schulbildend. Eliasson ist aber nicht nur ein Protagonist der internationalen Kunstszene. Gemäss seinen Leitmotiven der Inklusion und der Ermächtigung greift er mittels Kunst auch Menschen unter die Arme, die unter prekären Bedingungen leben. Seit 2012 hat die Little Sun Foundation eine Million Exemplare seiner ‹Little Sun› verkauft, eine mit Solarzellen betriebene Lampe, die Menschen ohne Zugang zu Strom für wenig Geld und ohne fossile Brennstoffe mit Licht versorgt. Seine Kunst, die seit den 1990er-Jahren um die Verbindung der Menschen mit der natürlichen Umgebung kreist, hat viel Anteil daran, dass eine breite Öffentlichkeit sich heute von der Erderwärmung ein Bild machen kann. 2019 wurde er zum Sonderbotschafter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen ernannt.

Trompe-l’Œil und Vexierspiele
Für mich ist es jedes Mal ein Erlebnis, eine Eliasson-Ausstellung zu besuchen. Dies gilt auch für die von Mirjam Varadinis kuratierte Schau, die jetzt im Kunsthaus Zürich unter dem Titel ‹Symbiotic seeing› präsentiert ist. Sie basiert, wie fast alle Ausstellungen des Künstlers, ein Stück weit auf dem Prinzip des «trompe-l’œil», der Augentäuschung. Mit anderen Worten auf dem Genuss, den die Erkenntnis bereitet, dass sich der Verstand von den Sinnen letztlich nicht täuschen lässt. Den Auftakt macht eine Projektion auf der Wand, ein Farbenspiel, für das keine Programmierung und kein Beamer nötig ist. Vielmehr basiert es auf beweglichen Linsen, die einen gebündelten Lichtstrahl prismatisch brechen. Es folgt den Gesetzen der Optik und verweist damit auf die elementare Voraussetzung des Sehens. Im nächsten Saal verblüfft ein Vexierspiel die Besucher: Durch eine Glashalbkugel blicken sie auf den Strahl eines kleinen Springbrunnens, der im Kreis – gegen jede Naturgesetzlichkeit – von oben nach unten und wieder zurück sprudelt. Durch die optische Täuschung scheint er auf der Oberfläche des Glases entlangzufliessen, ja, je nach Standpunkt, den Betrachtern ins Auge zu schiessen. Beim Nähergehen wir die Illusion durchschaubar, und sogar das gedämpfte Plätschern des Wasserstrahls ist zu vernehmen. Die zentrale Inszenierung gibt der Ausstellung den Titel. ‹Symbiotic seeing›, 2020, hat in Zürich Premiere. Düsen pusten stossweise Dampfwolken in den verdunkelten Raum. Mittels eines Netzes von feinen gelben Laserstrahlen werden die Wolken sichtbar gemacht. Sie scheinen auf einer Membran zu fliessen, die den Raum wie eine Decke überspannt. Als ich durch den verdunkelten Raum schritt, konnte ich ahnen, wie meine Bewegungen, vielleicht sogar meine Körperwärme, die Dampfwolken über mir ganz sachte beeinflussten. Je nachdem, wie ich mich verhielt, bildeten sich winzige Turbulenzen und Strudel, die mit denjenigen, die andere Besucher ausgelöst hatten, verschmolzen. Das Resultat ist ein ständig sich änderndes Muster an Wirbeln, die sich durchdringen, sich auflösen und sich zu neuen Formen fügen. Ich dachte an jene Momente, wo eine Wolkendecke ganz dicht über der Landschaft hängt. Und ich assoziierte die Bilder der Strömungen der Erdatmosphäre, die uns heute mit Sorge erfüllen, weil sie von Unwettern und Naturkatastrophen erzählen und davon, wie jedes Phänomen mit einem anderen zusammenhängt.

Auge und Ohr in spielerischer Symbiose
Der Titel der Installation ist eine Referenz zum wissenschaftlichen Werk der Biologin Lynn Margulis, die im schönen Katalog, der zur Ausstellung erscheint, vertreten ist. Margulis hatte, unter anderem in ihrem Buch ‹The Symbiotic Planet: A New Look at Evolution›, 1998, neue Modelle des Zusammenlebens von Organismen und Mikroorganismen entwickelt. Eliassons visuelle Installation ist erweitert um eine Komposition von Hildur Gudnadottir, die von einem Roboterarm auf den vier Seiten eines Cellos aufgeführt wird. Der Zusammenhang zwischen Sehen und Hören, zwischen traditionellem Musikinstrument, Roboter, Computerprogramm, Laser, Dampfwolken und dem Publikum in Bewegung ergibt eine spielerische Symbiose. Tatsächlich hatte ich im Raum für einige Moment den Eindruck, dass nicht ich allein derjenige war, der die Phänomene über mir beobachtete, sondern dass die Strudel, die sich bildeten, vielleicht auch meine Anwesenheit wahrnehmen konnten. Dieselbe Illusion entstand im Nachbarraum. ‹Algae window› basiert auf der monumentalen Vergrösserung einer Kieselalge, deren ringförmige Zellstruktur mit einer Vielzahl von Glaskörpern nachgezeichnet wird. Der Heimplatz ist durch die in die Wand eingelassenen Glaslinsen zu sehen, aber umgekehrt scheint auch die Pflanze den Betrachter mit Dutzenden von Augen zu fixieren. Nach der Passage in den verdunkelten Sälen betritt man das helle Tageslicht. Die geschickt aufgebaute Spannung innerhalb des Ausstellungsverlaufs bricht in diesem Moment ab. Eine Reihe von Skulpturen – meist freie Nachbildungen von wissenschaftlichen Instrumenten, die über Jahrhunderte zur Vermessung und Kontrolle der Natur oder natürlicher Phänomene dienten – zeugen von der Vielfalt von ­Eliassons Kunst, darunter spektakuläre Werke wie ‹Your fading self (west)›, 2013, welches das Spiegelbild der Betrachter verschluckt und so zum Verschwinden bringt und ‹Reflection magnet›, 2011, eine polierte Obsidiankugel, welche die Umgebung sozusagen geschärft widerspiegelt. Diese Objekte funktionieren jedoch nicht wie Installa­tionen, das heisst, sie beziehen sich nur indirekt auf den realen Raum der Umgebung. Anders als etwa ‹Algae ­window› rahmen sie die Aussenwelt nicht. Gegen den Blick auf den Heimplatz durch die grossen Fenster des Bührle-Saals kommen sie nicht an. Ich hätte hier lieber den Roboterarm gesehen, der auf dem Cello spielt, diese unerwartete, experimentelle ­Situation, die Neuland erschliesst. Stattdessen ist er in einer Nische am Ende der Ausstellung platziert, als ob es sich um einen Appendix handeln würde. Auch die ‹Research Wall›, die wie ein Mindmap die diversen Themen und Referenzen in Wissenschaft, Philosophie und Kunst auf einer Pinnwand präsentiert, hat mich nicht zur Teilnahme animiert, sondern in ihrer Überfülle eher distanziert. Anders als in manchen Ausstellungen von Eliasson, in denen Lese­tische dazu aufforderten, sich mit den Themen auseinanderzusetzen.

Kunst als Erkenntnisinstrument
Dennoch: ‹Symbiotic seeing› verliess ich mit dem Eindruck, Unerwartetes erfahren und Neues gelernt zu haben. Die Qualität von Eliassons Kunstwerken, etwas zu zeigen, nicht etwas zu behaupten, hat mir die Idee der Symbiose erschlossen. Der Impuls der Neugierde, der das Werk durchzieht, regte mich zu weiteren Fragen an. Wer eine Weile im Bührle-Saal ist, wird danach die anderen Räume des Hauses und die Umgebung in neuem Licht sehen. In einem Umfeld, wo das Denken in grossen Zusammenhängen – von Alexander von Humboldt bis Donna Haraway – wieder auf Resonanz stösst, ist Eliassons Kunst zur rechten Zeit am richtigen Ort.

Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte ETH Zürich. Er schrieb die Einleitung und führte die Interviews von ‹Studio Olafur Eliasson – An Encyclopedia›, Köln, Taschen, 2008. philip.ursprung@gta.arch.ethz.ch

→ ‹Olafur Eliasson – Symbiotic seeing›, Kunsthaus Zürich, bis 22.3.; aufschlussreicher ­Begleitkatalog mit ­Texten von Caroline A. Jones (Kunsthistorikerin), Donna J. Haraway (Feministin und Naturwissen­schaftshistorikerin), Lynn Margulis (Evolutionstheoretikerin und Biologin), Timothy Morton ­(Philosoph) sowie Gespräch der Kuratorin Mirjam Varadinis mit Olafur Eliasson, d/e, Snoeck-Verlag
www.kunsthaus.ch

Bis 
22.03.2020

Olafur Eliasson (*1967, Kopenhagen), lebt in Kopenhagen und Berlin

1989–1995 Studium an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Copenhagen
1995 Umzug nach Berlin und Gründung von Studio Olafur Eliasson, heute mit einem Team von über hundert Mitarbeitenden
2009–2014 Professor und Leiter des Instituts für Raumexperimente, Universität der Künste Berlin
2012 Gründung ‹Little Sun› in Kooperation mit Frederik Ottesen: soziales Unternehmen für Produktion und Vertrieb von Solarlampen und Ladegeräten für Orte ohne Zugang zu sauberer Energie
2014 Gründung ‹Studio Other Spaces› mit Sebastian Behmann: internationales Büro für Kunst und Architektur mit Fokus auf interdisziplinäre und experimentelle Bauprojekte und Werke im öffentlichen Raum

Ausstellungen (Auswahl seit 2000)
2019/2020 ‹In real life›, Tate Modern London; ‹Y/our future is now›, Serralves Museum, Porto
2018 ‹The unspeakable openness of things›, Red Brick Art Museum, Beijing; ‹WASSERfarben›, Staatliche Graphische Sammlung, Pinakothek der Moderne, München
2016 ‹Nothingness is not nothing at all›, Long Museum, Shanghai; ‹The parliament of possibilities›, Leeum, Samsung Museum of Art, Seoul; ‹Green light›, künstlerischer Workshop in Kooperation
mit TBA21 (Thyssen-Bornemisza Art Contemporary), Wien und 2017 im Rahmen der Biennale di Venezia
2015 ‹Verklighetsmaskiner (Reality machines)›, Moderna Museet Stockholm
2014 ‹Riverbed›, Louisiana, Kopenhagen; ‹Contact›, Fondation Louis Vuitton, Paris
2011 ‹Seu corpo da obra (Your body of work)›, gleichzeitig in SESC Pompeia, SESC Belenzinho und Pinacoteca do Estado, São Paolo
2010 ‹Innen Stadt Aussen (Inner City Out)›, Martin-Gropius-Bau mit diversen Interventionen in der Stadt
2008 ‹New York City Waterfalls›, temporäres Projekt
2007 ‹Take your time – Olafur Eliasson›, SFMOMA, San Francisco, später u. a. MOMA, New York
2004 ‹Ice Watch›, temporäres Projekt, Kopenhagen, später Paris und London
2003 ‹The blind pavilion›, Biennale di Venezia; ‹The weather project›, Tate Modern Turbine Hall, London

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ortabsteigend sortieren Land
Olafur Eliasson 17.01.202022.03.2020 Ausstellung Zürich
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Autor/innen
Philip Ursprung

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