Sonja Feldmeier — The Peepul Tree

Sonja Feldmeier · The Peepul (Iltab Hasan), 2017, Fine Art Print, Airbrush, Lack, Esche massiv, MDF mit Grundierfolie, 117 x 95,5 x 5 cm

Sonja Feldmeier · The Peepul (Iltab Hasan), 2017, Fine Art Print, Airbrush, Lack, Esche massiv, MDF mit Grundierfolie, 117 x 95,5 x 5 cm

Besprechung

Der Ursprung ihrer jüngsten Serie liegt zeitlich, geografisch und kulturell weit entfernt: Sonja Feldmeier bahnte sich den Weg zu den Farben und Konturen, die Begegnungen im Himalaya bei ihr wachgerufen hatten. Subjektiv, synthetisch, befremdlich schön schreibt sich ‹The Peepul› auch in Konventionen von Malerei ein.

Sonja Feldmeier — The Peepul Tree

Basel — Weiss ordnen sich Knochen im Halbkreis entlang von Trommelfellen aus leuchtendem Pink. Halb transparente Nervenbahnen unterlaufen das Hochformat wie ein Flusslauf. Eine längliche Samenkapsel schwillt auf lila Grund. Etwas wie Zahn, Perle oder Muschelkalk will Öffnung sein und Schmuck und Vision. Alle acht Bilder, die Sonja Feldmeier bei John Schmid Projects zeigt, haben eines gemein: Ihre Gegenständlichkeit ist ohne Gewicht. Und wenn es auch aussieht, als wäre von Körpern die Rede, von Nahaufnahmen einer Retina oder der weichen Geburt eines Planeten – es gibt keinen Massstab, um den Ursprung der Dinge in Zeit oder Raum zu verorten. Vor Jahren beobachtete Feldmeier in der nordindischen Stadt Haridwar die Fällung eines heiligen Baums. Da war Vorsicht geboten, bei der filmischen Aufzeichnung des kollektiven Sakrilegs ebenso wie beim Versuch, dem Geschehen künstlerisch Gestalt zu geben. Wie das postkoloniale Risiko der Überheblichkeit vermeiden, ­ohne sich in die Ohnmacht zu schicken? Wie die Begegnungen vor Ort erfassen, ohne die eigene Sprachlosigkeit als Defizit hinzunehmen? Zum ersten Mal beruft sich die Künstlerin in ihrem Schaffen auf ihre synästhetische Wahrnehmung. Und ertastet aus Erinnerung und Videobildern Farben, Formen, Sounds. In einem Kurzfilm rafft sie das tagelange, dramatische Bezwingen des Baums auf zwanzig Minuten nächster Zeugenschaft. Das Sägen und Hacken, Klettern und Ziehen sowie der Strassenlärm sind immer wieder von einem geheimnisvollen Puls durchdrungen: Es sind die Tonspuren des Filmkomponisten Vojislav Anicic, dem Feldmeier ihre subjektiven Ein­drücke als Grundlage für musikalische Porträts anvertraute. «In kaltem Licht trippeln bernsteinfarbene Töne. Die meisten befinden sich ganz in meiner Nähe. Scheppernde Rhythmen aus der Ferne bringen sie allmählich zum Stolpern.» So kann sich Interaktion anhören. So sieht sie bei John Schmid Projects aus: ­QR-Codes an der Galeriewand empfehlen, jedes Bild auch als akustische Partitur zu nehmen. Wer die ganze Geschichte um die Baumfällung und deren Echo in Feldmeiers weit verästeltem Kunstprojekt nachlesen will, nehme das Begleitbuch zur Hand: Die von Sibylle Ryser herausgegebene Publikation ‹based on a true story› kontextualisiert die so körperlich psychedelischen Bilder im Schaffen der Künstlerin – und in einer Welt, deren Widersprüche keine Kunst einebnen kann. 

Bis 
04.04.2020

→ ‹Sonja Feldmeier –The Peepul›, John Schmid Projects, bis 4.4.; Publikation ↗ johnschmidprojects.ch

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
The Peepul 16.11.201904.04.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Sonja Feldmeier
Autor/innen
Isabel Zürcher

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