Touch Me I’m Sick — Kunst blickt auf Krankheit

Ross Sinclair · Touch Me I’m Sick, T-Shirt Painting, 1998. Foto: Rolf Bismarck

Ross Sinclair · Touch Me I’m Sick, T-Shirt Painting, 1998. Foto: Rolf Bismarck

Besprechung

Glück und Gesundheit wünscht man sich gewöhnlich an Feier­tagen. Was wie eine Floskel klingt, ist indes unser höchstes Gut. Anders gesagt: Wer von Krankheit betroffen ist, muss sich schmerzlich damit auseinandersetzen. Zehn Kunstschaffende tun dies mit fast heiterem Unterton im Kunstraum Baden.

Touch Me I’m Sick — Kunst blickt auf Krankheit

Baden — Wir befinden uns in einer Art Frisiersalon einer Perückenverkäuferin. «It’s cuuuute!», ruft sie und zupft durch die Haarpracht ihrer Klientin, der Künstlerin Anna Jermolaewa. Im Hintergrund ertönt eine Stimme, die frei und frank entgegnet, was man selber denkt: «Diese Perücke ist schrecklich – looks like grandma.» Man lacht. Komisch wirkt diese Anprobe der Künstlerin, die im Hinblick auf eine Chemotherapie und den zu erwartenden Haarausfall eine Perücke kauft. Darf man das, denkt man, bei einer so todernsten Sache lachen? Und wenn Jermolaewa in einer zweiten Arbeit eine Putzfrau ein Anatomiemodell ausräumen und abstauben lässt, wirkt die Szene so bizarr, als wäre sie eher einem Gruselfilm als dem Museumsalltag entnommen. Vom Embryo im Bauch der Puppe ist der Schritt nicht mehr weit zur Bildfolge ‹Hysteria› der schweizerisch-peruanischen Zeichnerin Susana Perrottet. Die letzten März viel zu früh verstorbene Urenkelin des berühmten Tänzerpaars Von Laban-Perrottet zeichnete ihre vor Jahren erfolgte Gebärmutterentfernung (Hysterektomie) nach. Da ein weinender Uterus, dort die Wörter «Esperanza, imagination, fatalismo» – Hoffnung, Vorstellung und Fatalismus. Es sind Gemütslagen einer Patientin mit Galgenhumor. «Sei froh, dass du nicht mehr verhüten musst», sagt man ihr. Da hilft einzig tief durchatmen, nicht nur beim Anblick des mit Rohren durchbohrten und abgefackelten Bürostuhls ‹Inhale Exhale› von Maya Bringolf, sondern auch beim Kraftakt amputierter Sportler und deren Hilfe leistender Partner beim Duschen oder Treppensteigen (Artur Zmijewski). Ross Sinclair liefert mit dem bemalten T-Shirt ‹Touch Me I’m Sick› den Titel der Schau und einen heiteren Kontrapunkt. Die Aufforderung, Berührungsängste gegenüber Kranken und wohl auch gegenüber dieser lebensnahen Ausstellung abzustreifen, entstammt dem gleichnamigen Song einer amerikanischen Grungeband, den der schottische Künstler und Gitarrist zur Ab­hilfe seiner Alkoholsucht zitiert. Fetzig und lebenslustig rockt es bei ihm nun durch die Headsets. Und – wir hätten es fast vergessen – auf einer kleinen Zeichnung aus der Serie ‹Schmerz› beim Eingangsbereich versteckt Thomas Müllenbach die Spitze ­einer Schere im Poschettli eines Doktorkittels – just über dem Herzen. In der Tat, ­diese Schau geht ans Herz. Man darf lachen, aber auch weinen. 

Bis 
29.03.2020

→ ‹Touch Me I’m Sick – Kunst blickt auf Krankheit›, kuratiert von Claudia Spinelli und Rolf Bismarck, Kunstraum Baden, bis 29.3. ↗ www.kunstraum.baden.ch

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