Netzhautflimmern — Die Haut unserer Pupille ist ein Regenbogen und er tanzt

Pipilotti Rist · Apple Tree Innocent on Diamond Hill, 2003, Courtesy die Künstlerin, Käthe Walser, Hauser & Wirth und Luhring Augustine, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Pipilotti Rist · Apple Tree Innocent on Diamond Hill, 2003, Courtesy die Künstlerin, Käthe Walser, Hauser & Wirth und Luhring Augustine, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Oscar Muñoz · Re/trato, 2003, Daros Latinamerica Collection, Zürich, Ausstellungs­­ansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Oscar Muñoz · Re/trato, 2003, Daros Latinamerica Collection, Zürich, Ausstellungs­­ansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Zilla Leutenegger · Forum Hotel, 2002; going home, 2003. Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Zilla Leutenegger · Forum Hotel, 2002; going home, 2003. Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Gustav Metzger · Liquid Crystal Environment, 1965–66/1998, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst, Ausstel­lungsansicht Kunsthaus Basel­land 2021 © ProLitteris. Foto: Gina Folly

Gustav Metzger · Liquid Crystal Environment, 1965–66/1998, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst, Ausstel­lungsansicht Kunsthaus Basel­land 2021 © ProLitteris. Foto: Gina Folly

Nam June Paik · Swiss Clock TV, 1988, Esther Grether Familiensammlung, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Nam June Paik · Swiss Clock TV, 1988, Esther Grether Familiensammlung, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland 2021. Foto: Gina Folly

Nevet Yitzhak · WarCraft, 2014, Ausschnitt aus einem 3-Kanal-Video, Ausstellungsansicht Kunsthaus, Baselland 2021. Foto: Gina Folly
 

Nevet Yitzhak · WarCraft, 2014, Ausschnitt aus einem 3-Kanal-Video, Ausstellungsansicht Kunsthaus, Baselland 2021. Foto: Gina Folly

 

Fokus

Videokunst von ihren Anfängen bis heute weist eine Konstante auf: ihr unmittelbar sinnliches Körper-Werden von Sichtbargemachtem. Dimensionen verschieben sich, neue Räume tun sich auf. Das bewegte Bild wird zum Schrittmacher der eigenen Identität in einem veränderlichen Zustand visionären und innovativen Kunstverständnisses. 

Netzhautflimmern — Die Haut unserer Pupille ist ein Regenbogen und er tanzt

Das Medium des Videos in der Kunst veränderte nicht nur die Lichteinstrahlung auf die Pupille. Medienkunst nahm eine gesellschaftliche Position ein, die noch im Europa der 1930er-Jahre vom Kunstkritiker und Philosophen Walter Benjamin prüfend hinterfragt worden war. Ein Wandel in der Rezeption von Kunst durch reproduzierbares Material (damals Fotografie und Film) beeinflusse die kollektive Wahrnehmung und die Ästhetik, so warnte er. War die Abbildung noch die Wirklichkeit? Dreissig Jahre später, nach einer Ära des medial gestützten Machtmissbrauchs und mit der beginnenden Demokratisierung der Gesellschaft, wurden die sich damals in den Anfängen befindenden technischen Mittel zu einem eigenständigen Material: Es diente nicht mehr dazu, die «Aura» (nach Benjamin) eines Kunstwerks zu reflektieren, sondern dazu, eine eigene zu erschaffen, die aus der Welt des reellen Erlebens schöpft, sich durch einen Dekonstruktions- und Transformationsprozess bewegt und schliesslich in einer Neuverortung im Jetzt ihren Kontext selber projiziert und definiert.
Die Erforschung der Videokunst in den 1960er-Jahren erfolgte inmitten eines generellen gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs. Dabei wurden die Materialmöglichkeiten und technischen Fähigkeiten des Mediums an sich ausgelotet und der Bildschirm zur neuen Leinwand stilisiert. Es war ein Akt der Ablösung von der klassischen Malerei, dem bisher dominanten Mittel für zweidimensionale Bilderzeugung. Roy Lichtenstein setzte hierzu einen Auftakt: mit einem sich durch Knopfdruck verschiebenden Bildhorizont, klassisch eingerahmt wie ein Landschaftsgemälde (‹Kinetic Seascape #10›, 1966). Zudem konnte sich das bewegte Bild mit einem Mal auch in den Raum ausbreiten und es entstand eine Synthese aus Bildmedium und bildhauerischer Praxis: in Form von Videoskulptur und Videoinstallation. Es ging also hinunter vom Sockel, weg von der Wand, hinein in den Raum.

Kinetische Phänomenologie
Ein solcher ganz und gar physisch erlebbarer, sinnlicher, zum Teil plastischer Bildraum eröffnet sich uns in der neuen Ausstellung ‹Nachleuchten. Nachglühen› im Kunsthaus Baselland in Muttenz. Das Projekt ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Highlight, ein sehr aufwendiges Projekt, das nur alle paar Jahre stattfinden kann. Diverse internationale Sammlungen wurden angefragt, um Werke verschiedener Generationen von Kunstschaffenden mit unterschiedlicher Herkunft zeigen zu können, die einen umfassenden Überblick über die Entwicklung von Lichtkinetik und Videokunst von damals bis heute geben. Es werden erste Pioniere aus dem Bereich der noch immer hoch aktuellen Kunstform vorgestellt, darunter der argentinische Künstler ­Julio Le Parc (*1928), der für seine Objekte, genannt ‹Lumière visualisée›, 1962–1996, einfachste Mechanik einsetzte, um in einem stockdunklen Raum Bewegungs- und Lichtphänomene sinnlich zu visualisieren – durch künstliches Licht, das sich an ­Acrylglaskanten, dem neuen Material der Zeit, bricht.
Der bekannte Schweizer Grafiker Karl Gerstner (1930-2017, Basel) vermittelt uns ebenfalls anhand eines einfachen kastenförmigen Apparats vom Beginn der 1960er, wie die Funktion eines Fernsehers Illusionen schafft und wie man sie durch Verzerrung auflösen und aufzeigen kann. Eine Acrylglaslinse lässt das in dem konvexen Körper sichtbare Bild erst durch die Bewegung beim Vorbeigehen entstehen. Erinnern wir uns an Benjamin, so drängt sich hier wieder die Frage nach der Autorschaft von medialen Bildern auf und ein Sinnen nach der Rolle derjenigen, die sie verwerten. In einem kurzen dokumentarischen Film, den Gerster für den DAAD realisierte und der damals im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde, formuliert er, dass Kunst eine Frage der Perspektive sei. Es gehe nicht um Narrative, sondern um die Idee, warum ein Künstler Kunst mache. Dafür die revolutionäre Computertechnik anwenden und neuartige Bilder generieren zu können, sei ein Traum.

Galaxien entstehen durch Kollision
Die Werke der insgesamt vierzehn sowohl bekannten als auch neu zu entdeckenden Kunstschaffenden sind dabei keineswegs chronologisch angeordnet. Sie folgen vielmehr einem ihnen immanenten System, einer sich ergänzenden spielerischen Abfolge. Die Räumlichkeiten in Muttenz sind atmosphärisch dicht gefüllt – sinnlich, körperlich, synästhetisch und stets mit einer poetischen Konnotation. Inhaltliche und materielle Bezüge werden hergestellt. So begegnen sich im Foyer die Zürcher Künstlerin Zilla Leutenegger (*1968) und der Südkoreaner Nam June Paik (1932–2006), der bekannt ist für seine konzeptuellen Studien zur Perzeption. Leutenegger empfängt uns in ihrer galaktischen Videoprojektion ‹Forum Hotel›, 2002, auf dem Mond, weit weg von der Erde. Beinahe wie in Trance schweben wir mit der Kamerafahrt über eine löchrige Hügellandschaft. In deren Mitte ragt ein zivilisatorisch vertraut anmutendes Hochhaus kraterähnlich in die Höhe und gibt den Blick frei auf den heimatlichen Sehnsuchtsort – die Erde. Auf alten Röhrenmonitoren, die vor der Videoprojektion auf dem Boden platziert sind, ruft eine junge Frau nach «Mama», sie will nach Hause. Gleich gegenüber schwingen Paiks Pendel auf drei unterschiedlich ausgerichteten Bildschirmen, welche die Live-Video-Übertragung von einer reell gefilmten, an der Wand hängenden historischen Uhr anzeigen (‹Swiss Clock TV›, 1988). Hier überschneiden sich zwei unterschiedlich pulsierende audiovisuelle Rhythmen zu einer kumulativen Dynamik.
Auch Gustav Metzger (1926–2017) arbeitete künstlerisch an Studien zur Wahrnehmungsschulung, ebenfalls in den 1960er-Jahren. Seine digitalen Bildwelten entstanden aus ursprünglich analogem Inhalt und als Hintergrund für Live-Performances: Chemische, kristalline Substanzen, die sich bei Temperaturerhöhung ausdehnen und verändern, werden zwischen zwei Glasplättchen eines Kleinbildia-Rahmens eingefasst. Mittels Licht von Diaprojektoren und durch einen davor montierten rotierenden Polarisationsfilter wird ihr Abbild an die Wand geworfen und kreiert da ein fast schon psychedelisches Spektakel aus farblich und formal changierenden Mustern. Ein leichtes Zittern der Projektion erinnert an Disco-Effekte jener Zeit. Durch die mit Unterbrechung, aber in ausreichender Geschwindigkeit aufeinander folgenden Einzelbilder aus liquiden Zuständen entstehen feinste stroboskopische Bewegungsabläufe, die unter anderem Auftritte von Pink Floyd visuell untermalten.
Die Direktorin am Kunsthaus Baselland, Ines Goldbach, kuratierte die Schau zusammen mit der befreundeten Basler Künstlerin Käthe Walser, die Schülerin in der Videofachklasse von René Pulfer war. Pulfer hatte an der Schule für Gestaltung in Basel 1985 ein innovatives Lehrformat für audiovisuelle Gestaltung gegründet, das er fünfzehn Jahre lang fortführte. Er fungierte damals in der Schweiz als Wegbereiter für das neue künstlerische Medium und für eine Professionalisierung von dessen Sprache. Später wurde er ausserdem Dozent und Leiter am Institut Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, wo er bis 2014 tätig war. Stets entwickelte er parallel auch sein eigenes künstlerisches Videoschaffen weiter. In der Ausstellung wird von ihm die Arbeit ‹Swiss National Bank Security›, 2002/08 gezeigt, eine mit UV-Schwarzlicht ausgeleuchtete Installation in einem abgedunkelten Raum: Auf alten, anonymen Überwachungsbildschirmen schimmern Aufnahmen von gespenstisch leer erscheinenden Gebäuden, aus denen die Bewegungen von Menschen oder Fahrstuhltüren wie ausradiert erscheinen. Denn im phosphorbeschichteten Filmstreifen verewigte sich nur die aufgenommene Statik, das beständige Material.

Verführerisch nah, doch unschuldig
Bei Pulfer studierten heute wichtige Kunstschaffende, etwa Christoph Oertli und die bekannte multimediale Künstlerin Pipilotti Rist (*1962). Letztere ist in ‹Nachleuchten. Nachglühen› mit ihrer Arbeit ‹Apple Tree Innocent on Diamond Hill›, 2003, vertreten: Ein grosser Ast schwebt im Raum und ist behängt mit hellen, luzid-zarten Objekten, die wir auch aus ihrer seit 1985 weiter anwachsenden ‹unschuldigen Sammlung› kennen – bestehend aus lauter weissen und transparenten, unbedruckten Verpackungsmaterialien. Dahinter wirft ein Beamer ein bewegtes Bild an die Wand, wodurch die mobileartige Installation scheinbar zu tanzen beginnt. Die Bilder sind lustvoll, körperlich nah, verführerisch, wie wir es von Rist kennen. Wir können den Bildraum betreten und werden von der Physis der mit uns verschmelzenden Projektion in den Bann gezogen. Etwas weiter vorne betört uns Rists ‹Alice›, 1994, ­eine mit rotem Licht angestrahlte Handtasche, in der eine gläserne Halbkugel wie ein Briefbeschwerer liegt und aus der heraus das Bild einer schwimmenden Frau, von Unterwasserklängen umwoben, leuchtet. Pipilotti Rist machte die sonst von Männern dominierten schweren und mit grossem Kraftaufwand zu transportierenden technischen Geräte der Medienkunst erstmals Handtaschen-konform und setzt sie gleichzeitig in den Kontext von Alltagsmomenten.
Mit alltäglicher Vergänglichkeit und doch so ganz eigenweltlich erscheint direkt neben Rists Arbeiten die Videoprojektion ‹Re/trato›, 2003, von Oscar Muñoz (*1951). Der in Kolumbien geborene Zeichner widmet sich in den politischen Wirren seines Landes – geprägt von Entführung und dem Verschwinden von Menschen – dessen Gedächtnis: Er erinnert an das Individuum im Kollektiv, damit es, vielleicht doch nicht ganz, vergessen wird. Poetisch und fein muten die zarten Umrisse der Porträts an, für die Muñoz mit einem Pinsel ununterbrochen Linien aus Wasser auf einen warmen Steinuntergrund zeichnet. Sie trocknen, noch ehe das Gesicht vollständig ist und seine Identität gänzlich sichtbar werden kann. Der flüchtige Moment wird damit umso kostbarer. Ein Sich-Aussöhnen mit der Unvollständigkeit scheitert jedoch und tritt in einen Konflikt mit dem unermüdlichen Versuch, Dauer herzustellen und gegen das Verdampfen anzukämpfen. Unweigerlich entstehen abwechselnd Gefühle von Verzweiflung und die Hoffnung darauf, vielleicht doch loslassen zu können.

Hier und doch nicht hier
Der neuste Beitrag in der Ausstellung ist eine einstündige Dreikanalvideo-Situa­tion mit Surround-Sound-System des Nachwuchskünstlers Georg Faulhaber (*1994), der erst im Sommer letzten Jahres seinen Abschluss an der HGK in Basel gemacht hat. Er reiste im Rahmen eines künstlerischen Forschungsprojekts in den Irak und verfasste mit ‹Passing Traced Landscape› (2020/21) ein berührendes Porträt eines von Krieg zerrütteten Landes. Eine Synthese aus gesprochener Sprache und Bildraum ergibt hier eine fesselnde Spannung und nimmt die Betrachtenden mit hinein sowohl in äussere wie auch innere Bildwelten.
Im Raum direkt daneben beeindruckt die ebenfalls junge israelische Künstlerin Nevet Yitzhak (*1975) mit ‹WarCraft›, 2014: Auf drei an der Wand hängenden Teppichstoffen entfaltet sich eine fast plastisch wirkende, im Loop projizierte Videoanimation. Hubschrauber bewegen sich in traditionell gewebten Mustern und surren von einer Bildfläche in die nächste. Raketen lösen sich aus den ornamentartigen Applikationen und explodieren irgendwo dazwischen. Neben der Bildebene spielt auch hier der Sound eine wichtige Rolle. Die Aktualität dieser Arbeit lässt tief blicken: hinein in eine Welt, deren Stimmung ohne digitale Medien und Videoaufnahmen längst nicht so nah an uns herangetragen werden könnte.
So unterschiedlich die künstlerischen Handschriften in dieser Ausstellung auch sind, gemeinsam ist ihnen die Befragung von Wirklichkeit und wie wir uns selbst darin verorten. Sie öffnen unseren Blick für bewährte wie auch frische Zugänge. Dabei können wir selber wählen zwischen der einen oder der anderen Perspektive – und die Netzhaut unserer Pupille wie einen Regenbogen schillern lassen.

Valeska Marina Stach, Lyrikerin und Künstlerin aus Berlin, lebt und arbeitet in Basel als freie Autorin und Kulturjournalistin. valeskamarinastach@gmail.com
→ ‹Nachleuchten. Nachglühen. Videoinstallationen und ihre Wegbereiter›, Kunsthaus Baselland, ­Muttenz, bis 24.5. ↗ www.kunsthausbaselland.ch

Bis 
24.05.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Nachleuchten. Nachglühen 23.01.202124.05.2021 Ausstellung Muttenz
Schweiz
CH

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