Pedro Wirz — Die Zukunft liegt im Humus

Exúvia (Detail), 2022, Bitumen, Erde, Styropor, Ø 3 m. Foto: Philipp Hänger/Kunsthalle Basel

Exúvia (Detail), 2022, Bitumen, Erde, Styropor, Ø 3 m. Foto: Philipp Hänger/Kunsthalle Basel

Environmental Hangover, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Environmental Hangover, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Environmental Hangover, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Environmental Hangover, 2022, Ausstellungsansicht Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Flor Satélite, 2022, Heftklammern, Holz, Recyclingbrett aus Kunststoffabfällen, Spiegel, Textilabfälle, 365 x 342 x 35 cm. Foto: Philipp Hänger

Flor Satélite, 2022, Heftklammern, Holz, Recyclingbrett aus Kunststoffabfällen, Spiegel, Textilabfälle, 365 x 342 x 35 cm. Foto: Philipp Hänger

Chapéu Telúrico, 2022, und Ovo Espacial, 2022 (Boden), Ausstellungsansicht ‹Environmental Hangover›, Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Chapéu Telúrico, 2022, und Ovo Espacial, 2022 (Boden), Ausstellungsansicht ‹Environmental Hangover›, Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Chapéu Telúrico, 2022, und Ovo Espacial, 2022 (Boden), Ausstellungsansicht ‹Environmental Hangover›, Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Chapéu Telúrico, 2022, und Ovo Espacial, 2022 (Boden), Ausstellungsansicht ‹Environmental Hangover›, Kunsthalle Basel. Foto: Philipp Hänger

Foto: Felipe Schwager

Foto: Felipe Schwager

Fokus

Den Zugang zur Ausstellung versperrt ein schwarzer Planet. Seine raue Oberfläche besteht aus Erde und Bitumen, ein aus Rohöl gewonnener Stoff, der im Strassenbau den Teer abgelöst hat. Wie künstlich ist das Material, aus dem wir unser Weltbild zimmern? Woher beziehen Welt und Mensch, Tier und Bäume ihre Nahrung? Solange der Globus noch zu retten ist, mischt sich auch die Kunst ein ins grosse Gespräch übers Ökosystem. Pedro Wirz erinnert, erfindet und beforscht, was wir längst wissen müssten: Menschen sind wie Wurzeln, Humus ist vorbildlich und Märchen sind ganz real. Im White Cube bringt der Künstler in Basel zurzeit neue Körper zur Welt. 

Pedro Wirz — Die Zukunft liegt im Humus

Seine Arbeit nährte sich von Anfang an an den Ufern des Amazonas. Seine Lust am Erzählen paart sich mit einem Interesse am echten Humus wie am Schrottplatz unserer Kinderzimmer. Skulptur quillt aus Wänden, sie verpuppt sich, sie blickt uns an, faustgross und aus gläsernen Augen. Kunst: Das sind die singulären Früchte aus einem synkretistischen Labor. Pedro Wirz, im brasilianischen Pindamonhangaba geboren, ist der Sohn eines Schweizer Agrarwissenschaftlers und einer Biologin aus Brasilien. Molekulare Veränderungen der Biomasse sind ebenso Treiber seines Schaffens wie die Erinnerung an eine Froschzucht in tropischen Breitengraden. Nie verlassen haben ihn die Protagonist:innen, die der Volksglaube seines Herkunftslandes seit jeher in Wald und Meeren hausen lässt. «Unsere Eltern haben uns immer voll unterstützt darin, weiter ans Magische zu glauben, sei es in Kunst, Wissenschaft oder Folklore.» Schon biografisch ist sein Erbe also global geprägt. Pedro Wirz weiss, was Kommunikation bedeutet im Auftrag einer brasilianischen Giftmüll-Deponie – und was eine Kaffeepause mit anderen Hilfsarbeitern in einem schweizerischen Tiefkühllager, das jedes Augenwasser sekundenschnell zu Eis erstarren lässt. «Ökologie ist eigentlich, wie du mit einem anderen sprichst» ist nur eine seiner vorläufigen Erkenntnisse als Mensch, Weltenbürger, Künstler.

An alle Kinder
Pedro Wirz’ bisher grösste institutionelle Einzelausstellung folgt dem Denkmodell eines Körpers, in dem alle Organe aufeinander bezogen sind. Nichts existiert mehr ohne einen grösseren Zusammenhang. Die einzelnen Werke sind aus natürlichen Materialien wie Erde, Haar, Lehm oder aus Relikten von Konsumgütern und ihrer Verpackung geschaffen. Wie die Nabelschnur einer pechschwarzen Weltenkugel quert ein Band ölgetränkter Kleider den ersten Saal. Ihr Verlauf simuliert die grösste Verkehrsader, die in Brasilien eine Bresche durch den Regenwald schlägt. Dieser Weltenlunge sind die Bilder oder Kästen entlang der Route aus Pech gewidmet: formal unseren iPhones nachempfundene Hohlkörper, besetzt mit bunten, tausendfach mit Bostitch-Klammern aufgetackerten Stoffen und Fell. Glühende Augen von Reptilien erheben sich wie Hügel aus semifiktionalen Topografien. «Wenn ein Baum fällt, fallen mehr Augen als Blätter», sagt ein brasilianisches Sprichwort.
Wenn auch die kapitalistische Ausbeute Leben gefährdet und Böden sauer werden lässt: Pedro Wirz widersetzt sich dem endzeitgestimmten Pessimismus unserer Zeit und lässt im Hybrid von Kultur und Natur neues Leben keimen. In den titelgebenden ‹Environmental Hangover› oder «Umweltkatzenjammer» stimmt seine Kunst nicht ein. Bauen nicht Insekten heute ihre Nester aus dem zivilisatorischen Müll? Kann nicht die Kreislaufwirtschaft Satellitenblumen zum Blühen bringen?

Natur ist kreativ
Unter einer Erdschicht drängen Schädel von Plastikpuppen ans Licht. Ein Mauerwerk aus Lehm hat in der «geologisch» jüngsten Schicht das Verkehrsaufkommen der letzten Jahrzehnte eingesammelt. Spielzeugautos und -flugzeuge, ein Space Shuttle lagern nicht zufällig auf Augenhöhe des jüngsten Publikums: Wirz’ ökologische Themen wollen als kreative Stimuli gerade für Kinder fruchtbar werden. «Alle Kinder sollten kommen!» Das sei ihm ganz wichtig: Als Künstler auf einem grösseren Parkett ernst genommen zu werden ist eins. Etwas mitzuteilen, was die nachkommende Generation bewegen kann, weit wichtiger. Die Mid-Life-Show ist Pedro Wirz auch Anlass, über das Tempo im internationalen Kunstbetrieb nachzudenken und über die für jede Werkentwicklung erforderliche Zeit: «Jede junge Künstlerin, jeder Künstler sollte danach streben, eine ‹alte› Künstler:in zu sein und nicht eine nächste, heisse, junge Position. Am Ende wird sich niemand daran erinnern, ob man auf einer Party war, während die Arbeit im Museum der nächsten Generation erzählen kann, was damals gedacht und entwickelt wurde.» Ein Rätselheft der Kunstvermittlung begleitet diese nächste Generation durch die Schau, leitet wissensreich zur Kunstlektüre an, entlässt die Jüngsten aus dem fantastischen Regenwald mit einem Versprechen an Zukunft: Mit Pflanzensamen soll sie zum Wachsen und Blühen kommen.

Schillernde Erzählkraft
Bei einer Führung durch seine Ausstellung fällt der Künstler in Basel immer wieder vom Deutschen ins Englische und zurück. Jedes Objekt, jeder Raum hält ihn im Bann von Kindheitserinnerungen und lotst gleichzeitig aufs Terrain naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und neuester technologischer Entwicklungen. ‹Environmental Hangover›, so viel ist rasch klar, wurzelt in einer äusserst produktiven Wahrnehmung von kultureller Differenz, in einer umtriebigen Neugierde und Belesenheit, die Darwin, Claude Lévy-Strauss, indigene Überlieferungen nach Luis da Camara Cascudo  oder ‹The Arts and Crafts of the Animals› von Clay Lancaster spielend unter einen Hut bringt. «Schau», habe sein Vater jeweils zu ihm gesagt, «die Vögel sind immer noch dort am Singen.» Die Zukunft des Lebens steht ausser Frage. Sie heisst Veränderung und setzt darum die Bedeutungsschwere von Körpern und Materialien in Bewegung. Zukunft ruft nach alten Geistern und muss Stoffe rezyklieren nach dem Vorbild der Natur: Im Humus fallen das Ende und der Keim organischen Lebens zusammen.
Pedro Wirz’ Schau ist der Installation verpflichtet und erprobt in der Folge von fünf Sälen eine grosse Erzählung. Am intensivsten erlebbar wird sein Verwachsen von natürlicher und zivilisatorischer Gegenwart im einzelnen Objekt. Verführerisch posiert der Torso einer Seejungfrau vor der weissen Wand: Die indigene Göttin Yara ist inkarniert als eine Pop-Art-Ikone – sexy, brasilianischer Ton mit glasierten Schuppen. Die Hüterin der Meere teilt das Schicksal mit dem Jaguar, dem Ameisenbär, einem Delphin – alle sind nur partiell, in Scheiben geschnitten präsent: Der Niedergang biologischer Vielfalt amputiert auch kulturelles Erbe. Der Körper steht an einem Scheideweg und stellt doch die schillernde Erzählkraft von Skulptur unter Beweis. Ihm schmiegt sich ein Narrativ an, das der immer nahbaren Kunst von Wirz gleichzeitig Raffinesse, Verspieltheit, Geschichtsbewusstsein und zeitgenössische Relevanz attestiert. Da ist der einbeinige, dunkelhäutige Saci. Spitzbübisch räche sich das Sklavenkind an denen, die ihn ausgesetzt haben im Wald. Jetzt ist Saci ein Objekt mit Lendenschurz, tiefrot und glänzend zum opak schwarzen Bein. Haarscharf stolziert das zarte Kind am Fetisch vorbei, schreibt sein Gedächtnis in die Kunstwelt ein.

Am Fuss des Baums
«Schau dir diese Figur im Raum an», fordert das Kinderheft uns auf, «aus ihr wächst ja ein Baum!» Im letzten Saal holt Pedro Wirz zur grössten und auch theatralsten Geste aus. Über der mythologischen Gestalt des Curupida reckt ein Baum seine Wurzeln in die Luft und wächst bis über das glasbedeckte Oblicht hinaus. «Das Besondere an ihm sind seine Füsse, die in eine andere Richtung schauen als normalerweise», lernt das Betrachterkind. Curupidas Spuren wollen in die Irre führen, während er selbst der Legende nach immer auch sehen kann, was hinter ihm geschieht. So steht dieser schlaue Mensch zentriert auf einem grossen Teppich. Die Farbaufteilung der flachen Bühne hat einen Fisch zur Vorlage, dessen Kopf und Schwanz kaum zu unterscheiden sind. Uneigennützig bietet Curupida sich dem Baum zur Nahrung an. Myzele sind der Baustoff seiner künstlichen Existenz – ein wiederverwertbares Material, wie der Globus es zunehmend erhoffen dürfte. Tritt uns da eine haptische Version von Yves Netzhammers synthetischer Menschenvision entgegen? Streift uns ein neuer Surrealismus? Auf dem Weg zurück bis in den ersten Saal erscheint die Nabelschnur des mit Erdöl geschwärzten Weltmodells plötzlich wie eine Zündschnur. Man hat die Warnung gesehen, aber der schwarze Planet setzt sich zur Wehr. ‹Exúvia› heisst er, «Insektenhaut». Schauen wir hin: Das nächste Leben kommt bestimmt.

Isabel Zürcher arbeitet als Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse. mail@isabel-zuercher.ch

Bis 
01.05.2022

Pedro Wirz (*1981, Pindamonhangaba/Brasilien) lebt in Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Tooth of a Giant›, Galerie Philipp Zollinger, Zürich
2019 ‹A curbin wall of weebris/landfilling›, Kunsthalle Langenthal; Centre culturel suisse, Paris; ‹Verwaschen›, Galerie Nagel Draxler, Berlin
2018 ‹Breastfed Tadpole›, Kai Matsumiya Gallery, New York
2017 ‹Fábula, Frisson, Melancolia›, Instituto Tomie Ohtake, São Paulo
2013 ‹Novoa Amigos›, CCSP, São Paulo
2012 ‹Not the New, Not the Old, But the Necessary›, Künstlerhaus Stuttgart

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 Art Basel Parcours, Basel
2019 ‹Masken›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2018 ‹Zeitspuren – The Power of Now›, Centre Pasquart, Biel; ‹Open Agenda›, ‹Blank Projects›, Kapstadt
2017 Skulpturenpark Köln; ‹Ex Situ – Samples of Lifeforms›, Copenhagen Contemporary, Kopenhagen
2016 ‹Roy Da Prince›, Futura, Prag; ‹Prière de Toucher›, Museum Tinguely, Basel
2015 ‹Môtiers – Art en plein air›
2013 ‹Give me Shelter›, GGG Atelierhaus, Basel; ‹Mitologias por procuração›, MAM-SP, São Paulo

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Pedro Wirz 21.01.202201.05.2022 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Pedro Wirz
Autor/innen
Isabel Zürcher

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