Eine Weltreise im selbst gebastelten Flugzeug

Pascale Grau · Die Hochzeitstafel in den Lieblingsfarben der Braut, Performance Index Festival, 1995; Foto: Georg Anderhub, Luzern

Pascale Grau · Die Hochzeitstafel in den Lieblingsfarben der Braut, Performance Index Festival, 1995; Foto: Georg Anderhub, Luzern

Joa Iselin und Christoph Ranzenhofer, Ohne Rosen tun wir’s nicht, Performance Index Festival, 1995; Foto: Georg Anderhub, Luzern

Joa Iselin und Christoph Ranzenhofer, Ohne Rosen tun wir’s nicht, Performance Index Festival, 1995; Foto: Georg Anderhub, Luzern

Fokus

Im April findet in Basel das Performance Index Festival mit internationaler Beteiligung statt – Hauptschauplatz ist das Architekturmuseum. Künstler und Theoretiker sollen unter anderem Fragen nach dem Verhältnis von Performance und Raum oder Performance und Publikum aufnehmen, die sich aus den Diskussionen einer fünfköpfigen Konzeptgruppe ergeben haben.

Eine Weltreise im selbst gebastelten Flugzeug

Ein Gespräch mit Linda Cassens und Heinrich Lüber

Samuel Herzog: In Sachen Performance ist derzeit einiges los: Im Kunsthaus Glarus etwa fand im März die 7. Internationale Performance-Konferenz statt, und auch andere Kunsträume wie der Kaskadenkondensator oder das Seedamm Kulturzentrum bieten regelmässig Performances an. Wie definiert sich das Basler Performance Index Festival in dieser Szene?

Heinrich Lüber: Ausgangspunkt war unser persönliches Interesse: Alle fünf Mitglieder der Programmgruppe (Linda Cassens, Sabine Gebhardt, Pascale Grau, Heinrich Lüber und Martina Siegwolf) beschäftigen sich in ihrer Arbeit theoretisch oder praktisch mit Performance und auch Max Markus Frei, der uns bei der Realisation hilft, ist Performer.

Linda Cassens: Der Begriff «Performance» ist ja etwa so alt wie wir selbst. Bis vor wenigen Jahren aber waren es fast ausschliesslich die Künstler selbst, die für ihre Performances Räume und Strukturen organisierten. Diese ganzen Energien wollten wir zusammenschliessen.

HL: Dass die Kunstform Performance in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit bekam, hat auch mit breiter gefassten Anlässen wie der Performance-Konferenz oder dem Performance Index Festival zu tun. Nur so konnte sich eine Auseinandersetzung über dieses Thema etablieren.SH: Aber was ist jetzt das besondere an diesem Festival?

HL: Ich denke, es ist diese Mischung aus Performance und dem Nachdenken darüber. Knapp zwanzig Künstler werden Performances zeigen, fünf Theoretiker werden ihre neueste Forschung zum Thema präsentieren und mit dem Publikum diskutieren.

LC: Dieses Interesse an einer Mischung aus Theorie und Praxis hat auch dazu geführt, dass wir uns während der Vorbereitungen immer wieder mit Allan Kaprow auseinandergesetzt haben: Er war ja immer Theoretiker und Praktiker zugleich. Leider musste er seine Teilnahme am Festival aus gesundheitlichen Gründen absagen.SH: Gibt es denn ein Thema, das dieses Festival prägt?

HL: Das Festival findet ja im Architekturmuseum von Basel statt. Dieser Ort hat es uns nahegelegt, über Perfromance und Raum nachzudenken. Das Resultat ist ein Programm, das sich in zwei Kategorien unterteilen lässt: Erstens werden da Arbeiten zu sehen sein, die sich in einer Zone zwischen Architektur und Performance bewegen – Performances, die durch den Raum definiert sind oder architektonische Elemente und Prozesse aufnehmen. Die zweite Kategorie umfasst Arbeiten, die das Körperbild ins Zentrum stellen und die fast wie Objekte im leeren Raum plaziert werden.

SH: Die relativ kleinen Räume haben ausserdem auch zu Fragen über das Verhältnis von Performer und Publikum geführt: Wie wirkt sich die durch die Dimension der Räume bewirkte Nähe zwischen Künstler und Besucher aus...

LC: ...und dann ist da noch diese Transparenz: In diesem Gebäude, das ein wenig wie ein gläsernes Regal ist, kann nichts im Verborgenen geschehen. Damit werden auch alle Vorbereitungen der Künstler fürs Publikum sichtbar. Es wird ein Festival ohne Kulissen sein.

SH: Künstler aus der Schweiz und internationale Performer treffen da während drei Tagen in Basel zusammen. Was für eine Stellung hat die Schweizer Performance-Szene im internationalen Kontext?

HL: Derzeit gibt es in der Schweiz eine Art Konzentration, das hat aber weniger damit zu tun, dass hier besonders viele Performer tätig wären. Es ist eher darauf zurückzuführen, dass in der Schweiz besonders viele Gefässe für Performances geschaffen wurden. Im Unterschied zum letzten Performance Index Festival von 1995 ist die Ausgabe von 1999 ja auch keine Werkschau Schweiz mehr, sondern ein international angelegtes Gespräch. Die Schweiz scheint mit ihren Strukturen im Moment ein geeigneter Schauplatz für Performances.

LC: Um eine möglichst gute Vernetzung zu erreichen, laden wir auch immer Künstler ein, die selbst wie Knotenpunkte für Performance in ihren Ländern funktionieren: 1995 war das etwa Boris Nieslony aus Deutschland, 1999 nun ist es zum Beispiel Seiji Shimoda aus Japan.

SH: Wie seid ihr denn eigentlich organisiert?

LC: Wir funktionieren als ein Kollektiv, das sich von Projekt zu Projekt neu formiert. Die unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten sollen da zum Ausdruck kommen. Wir folgen nicht einem bestimmten Programm, sondern unsere Aufmerksamkeit gilt vor allem dem, was aus unseren Gesprächen resultiert. Das macht natürlich alle Abläufe etwas komplizierter. Unsere Organisation ist vielleicht weniger effektiv als die einer Kunsthalle oder eines Museums, dafür aber versprechen wir uns, dass wir ausgetretene Wege vermeiden können.

SH: Auch die Tanz- und Theaterszene kündigt ihre Veranstaltungen ja immer öfter als Performances an. Wie grenzen Sie sich da ab?

HL: Gar nicht. Wir suchen vielmehr nach Verbindungen.

LC: Schon, aber mir ist es auch wichtig, gerade diese Grenzen zwischen Performance, Theater, Tanz etc. zu finden. Wo liegen sie genau? Und wie können wir diese Grenzen bearbeiten, begrifflich oder auch körperlich mit unserer Arbeit?

SH: Was haben Sie denn selbst von diesem Festival?

LC: Das Festival trifft sehr genau meine Interessensgebiete, Architektur, Kunst und Theater – das ist ein enormer Erfahrungsgewinn für mich.

HL: Wir erarbeiten Fragestellungen, die wir dann an diesem Festival überprüfen können – auf einer internationalen Ebene. Für mich ist das wie ein Weltreise im selbst gebastelten Flugzeug.


Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Performance Index 1999 09.04.199911.04.1999 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Linda Cassens
Heinrich Lüber
Autor/innen
Samuel Herzog

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