Emanuelle Antille und Kristin Lucas im Kunsthaus Glarus

Emanuelle Antille · Until nothing can reach us, 1998, Dreikanal-Videoprojektion; Foto: Emanuelle Antille; Courtesy Kunsthaus Glarus

Emanuelle Antille · Until nothing can reach us, 1998, Dreikanal-Videoprojektion; Foto: Emanuelle Antille; Courtesy Kunsthaus Glarus

Besprechung

Obwohl als Einzelpräsentationen konzipiert, laden die Videoinstallationen der Amerikanerin Kristin Lucas (*1968) und von Emanuelle Antille (*1972) zum Vergleichen ein: Ihr gemeinsames Grundthema sind Fragen der Identität und Erfahrung in medialen und realen Situationen.

Emanuelle Antille und Kristin Lucas im Kunsthaus Glarus

Kristin Lucas’ zwei weisse Zellen umfassende Videoinstallation mit dem Titel «Screening Room», 1998, ist etwas gar didaktisch geraten: Betreten wir den mit quadratischen Bodenplatten ausgelegten engen Raum, so schalten sich je nach Standort einige Lämpchen an oder der projizierte Film, der die Künstlerin in einem fast identischen «white cube» in verschiedenen Rollen und Posen zeigt, wird für einen kurzen Moment unterbrochen und durch unser eigenes Abbild ersetzt. Durch direkten Blickkontakt sowie Anweisungen physischer und verbaler Art fordert uns die Protagonistin dazu auf, ihre Haltungen nachzuahmen und in die Rolle ihres realen Gegenparts zu schlüpfen. Die Absicht hinter dieser Strategie der Interaktion und Verdoppelung ist allzu klar: Kristin Lucas will uns offenbar die gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Maschine vor Augen führen und uns zur kritischen Auseinandersetzung mit den Effekten einer technologischen, mediatisierten Umwelt anleiten.Sowohl visuell als auch psychologisch vielschichtiger präsentiert sich die monumentale, den ganzen Saal einnehmende Dreikanal-Videoprojektion «Until nothing can reach us», 1998, von Emanuelle Antille. Bereits im Titel klingt an, worum es hier geht: Die Einsamkeit des Individuums in einer kalten, fremden Welt. In langsamen Einstellungen erhalten wir Einblick in die Lebenswelt einer jungen Frau. In einer karg möblierten Wohnung bewegt sie sich wie in Trance, sitzt völlig in sich gekehrt auf dem Boden, legt sich zum Ruhen auf ein Sofa nieder. Unvermittelt erscheint ihr Double, das sie zu scheinbar sinnlosen Handlungen anleitet. Schliesslich tritt sie auf den Balkon, wo sie ein Stück Holz schnitzt, und sich gefährlich weit über die Brüstung lehnt, als wollte sie sich in die Tiefe stürzen. Der Ausblick aus der anonymen Wohnmaschine auf eine vielspurige Strasse mit wenig Verkehr und spärlicher Begrünung verstärkt den Eindruck einer absoluten Beziehungslosigkeit. Begleitet von einem monotonen Dauerton, wechseln sich diese Frequenzen auf den verschiedenen Monitoren ab und verbreiten eine bedrückende Atmosphäre der Leere. Keine Erinnerung, kein Ereignis, das die junge Frau (und uns) aus diesem todähnlichen Hier und Jetzt erlöst.Die Konstellation dieser beiden Videoarbeiten vermitteln der Betrachterin, dem Betrachter, eine eigentümliche Erfahrung: Während die auf Interaktion und Kommunikation setzende Installation von Kristin Lucas uns ganz unberührt lässt und eher auf der reflexiven Ebene Wirkung zeigt, gelingt es den unterkühlten, seltsam abweisend wirkenden Projektionen von Emanuelle Antille mühelos, uns völlig in ihren Bann zu ziehen.


Bis 
27.03.1999

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