Jessica Craig-Martin bei Interim Art

Jessica Craig-Martin, Fotografie; Courtesy Maureen Paley Interim Art, London

Jessica Craig-Martin, Fotografie; Courtesy Maureen Paley Interim Art, London

Besprechung

Die Bildinhalte von Jessica Craig-Martins Fotografien sind auf den ersten Blick verwirrend. Gehören diese abgeschnittenen Gesichter, der Fuss in modischer Sandalette zwischen den Überresten einer Party nicht richtigerweise in den Papierkorb des Fotoeditors von Vogue? Stattdessen hängen die neun kleinen schwarzweissen und die sechs riesigen farbigen Abbildungen bei Maureen Paileys Interim Art.

Jessica Craig-Martin bei Interim Art

Die in New York lebende Engländerin Jessica Craig-Martin ist tatsächlich Fotografin bei Condé Nast. Seit mehr als vier Jahren hält sie jedoch Details aus der Modewelt fest, die sicher nie ihren Weg in die einschlägigen Magazine finden würden. Sie ist fasziniert von der Linie eines extravaganten Dekolletés neben dem spitzen tiefgeschnittenen Kragen eines Smokings. Dass sie dabei die Köpfe der beiden bekannten Personen oberhalb der Nase abschneidet, verändert den Aspekt der Fotografie vollkommen. Dasselbe Bild würde sonst ein braungebranntes, elegant gekleidetes, berühmtes Paar zeigen, zum Beispiel an einer Modeschau oder einer Gala für einen wohltätigen Zweck. So weiss man zwar, aus welchem sozialen Milieu das Paar ist, doch fallen einem vor allem die Nasen, die gelifteten Wangen, das Alter der Modelle auf. Die Fotografin unterminiert mit wenigen Eingriffen die Perfektion, mit der diese glamouröse Umgebung assoziiert wird. Der bereits erwähnte Frauenfuss – wo ist der zweite? – neben den kleinen Bierflaschen, den Cocktailgläsern und heruntergefallenen Chips hinterlässt einen Eindruck von Verwahrlosung inmitten grossen Überflusses.Jessica Craig-Martin will uns nicht die hässliche Kehrseite einer glitzernden Welt zeigen. Sie ist nicht der neue Weegee, die neue Diane Arbus. Ihr trainiertes Auge hält lediglich Reizloses oder Abgelegtes fest – die unattraktiven Realitäten einer Welt, deren Inhalt die Perfektion ist, die unsere Wunschvorstellungen beflügelt. Besonders in den Schwarzweissabbildungen bekommen diese nüchternen Details einen zeitlosen Charakter. Die Fotografien mit ihren starken Kontrasten stammen eindeutig aus der Modewelt. Die Trennlinie zwischen Paparazzi und Kunstfotograf mag bei ihr zwar verwischt sein, trotzdem lösen die Fotografien einen interessanten Prozess aus: Die Einblicke in «unterprivilegierte» Milieus von Richard Billingham oder Gillian Wearing, die Darstellung von menschlicher Leere im modernen Grosstadtleben von Sam Taylor-Wood oder die isolierten Figuren von Tracey Moffatt wirken plötzlich wie alte Bekannte. Es wird klar, wie sehr in der zeitgenössischen Kunst Mode und Ästhetik, sowie die Attraktivität von Wohlstand zu einem Tabu erklärt worden sind.


Bis 
23.04.1999
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Maureen Paley Vereinigtes Königreich London
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Jessica Craig-Martin 21.03.199924.04.1999 Ausstellung
Künstler/innen
Jessica Craig-Martin
Autor/innen
Regina von Planta

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