Darren Almond

Darren Almond · Traction; Courtesy Jay Joplin/White Cube, London

Darren Almond · Traction; Courtesy Jay Joplin/White Cube, London

Besprechung

Darren Almond (*1971) zeigte 1997 die Skulptur «A Bigger Clock». Es war eine etwa zwei Meter grosse digitale Uhr, deren Zifferblatt im Abstand von einer Minute lärmend herunterklappte und die Zeit anzeigte: ein monotones und lautes Krachen. Doch was bedeuten schon die Minuten, Stunden, Tage? Der junge englische Künstler nimmt das Konzept der Zeit und das Einteilen unserer Existenz in objektive Zeiteinheiten aufs Korn.

Darren Almond

Seine Videoarbeit «Traction», 1999, breitet sich wie ein Triptychon über drei Wände der Galerie aus. Rechts erzählt sein Vater von den Unfällen, die er im Laufe seines Lebens als Bauarbeiter erlitten hat. Gelenkt von den neugierig-freundlichen Fragen von Almond junior aus dem Off – «How big was the crack in your head?» oder «So, your hand was hanging off?» und «So, you choked on your own blood?» – erzählt der Vater seine Lebensgeschichte. Es ist ein unemotionaler, fast lakonischer Bericht einer harten menschlichen Existenz – ungeschminkt und im nordenglischen Arbeiterdialekt. Ganz im Unterschied dazu äussert Almonds Mutter auf der linken Seite kein Wort. Ihre Mimik lässt aber ahnen, wie sehr sie jede der Situationen miterlebt und miterlitten hat. Während der Bericht des Vaters ein Leben anhand von persönlichen Ereignissen aufzeichnet, macht die emotionale Reaktion der Mutter die Subjektivität unseres Zeitbegriffs noch deutlicher. Die mittlere Wand wird von einer Baustelle mit einem Bagger eingenommen, dessen Arm sich regelmässig mechanisch hebt und dreht. Ein deutlicher Hinweis auf unsere systematischen und bedeutungsleeren Zeitbegriffe. Trotz seiner existenzialistischen Fragestellung, die wenig Raum für hoffnungsvolle Antworten lässt, ist die 28-minütige Projektion visuell ergreifend. So ist etwa der Kopf der Mutter mit einem Scheinwerfer von hinten angeleuchtet, was ihr eine Art Heiligenschein verleiht. Gleichzeitig spiegelt sich die Farbe ihres Pullovers in den weichen Rottönen ihres Gesichts.Parallel dazu zeigt die Approach Gallery den Film «Geisterbahn», 1999. Er versetzt uns ganz in eine klaustrophobische Umgebung. Die Kamera fährt mit uns durch die Finsternis, die ab und zu durch die grau-blau beleuchteten Wände eines Verlieses es oder bleiche Totenköpfe unterbrochen wird. Ein peppiger Techno-Soundtrack ersetzt die üblichen Schreie und das dazugehörende Quietschen der Wagen auf ihren Schienen. Die Fahrt erleben wir in Slow Motion, so dass uns die wenigen Minuten unendlich lang und ereignisreich erscheinen.Die Themen von Darren Almonds Arbeiten sind breit gestreut: eine Bushaltestelle im heutigen Auschwitz, ein riesiger sich drehender Deckenventilator, Live-Aufnahmen einer unbewohnten Gefängniszelle und seines leeren Ateliers. Gegen Angstschweiss hilft kein Ventilator und ausgeschlagene Zähne, zerschlagene Knochen und die Einsamkeit von Stunden rechnen sich nicht in der kalten Objektivität von Kalendern und Uhren.


Bis 
15.04.2000
Institutionen Land Ort
Chisenhale Gallery Vereinigtes Königreich London
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Darren Almond 15.03.200016.04.2000 Ausstellung London
Vereinigtes Königreich
GB
Künstler/innen
Darren Almond
Autor/innen
Regina von Planta

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