Vittorio Santoro

Vittorio Santoro · Schild (The Days are Wonderful), 1/3, 1999Aluminiumschild, 3 Kunststoffplaketten mit eingravierter Schrift, 16,5x18 cm; Courtesy Brandstetter & Wyss, Zürich

Vittorio Santoro · Schild (The Days are Wonderful), 1/3, 1999 Aluminiumschild, 3 Kunststoffplaketten mit eingravierter Schrift, 16,5x18 cm; Courtesy Brandstetter & Wyss, Zürich

Besprechung

Mit dem Ausstellungstitel «Heute, Morgen / Today, Yesterday» verweist Vittorio Santoro auf Grundstrukturen unserer Zeit. Vergangenes findet seinen Ort im Jetzt der Erinnerung, Zukünftiges wird zur Möglichkeit der Gegenwart. Bereiche des «nicht mehr» und des «noch nicht» bilden die Klammer für eine beachtliche Vielfalt von Werken.

Vittorio Santoro

Ein erster Blick in die Ausstellung beruhigt, denn in übersichtlicher Anordnung erkennen wir viel Vertrautes: Handelsübliche Varioboxen und Türschilder, gestapelte Blindbände, eingeschlagen in Zeitungsseiten, oder eine Fotografie mit Namensschildern und Klingeln. Allerdings geht es hier nicht um eine (kaum mehr verblüffende) Dekontextualisierung oder um weitere Vorschläge zum Ready-made. Die Verschiebung geht über den einfachen Ortswechsel hinaus und operiert in einem breiteren Spektrum. So beispielsweise, wenn der Titel «Landscape» zu einer erweiterten Betrachtungsweise der fotografierten Klingeln und Namensschilder einlädt, oder das Crossover zugleich ein Spiel mit Grössenverhältnissen und Material beinhaltet. Am feinsinnigsten geschehen die Manipulationen in den Varioboxen: In «File III» sind einzelne der Register mit sinnigen Titeln wie «amnesia», «endurance» oder «recreate» versehen, ausserdem liegen fünf identische Postkarten suggestiv zur Einreihung empfohlen davor. Mit solch einfachen Vorkehrungen werden die Betrachter mobilisiert und die Werke selber zu Metaphern möglicher Zuordnungsprinzipien. Die Freude an Vorgefundenem äussert sich auch in Vittorio Santoros Lust am Zitat: Die Fotografie «Pull my Daisy» zeigt eine Szene aus dem gleichnamigen Kultfilm von 1959, «The days are Wonderful», ein überdimensionales Türschild, zitiert aus Gertrude Stein. Die Qualität der Werke verdankt sich jedoch kaum der Übernahme bereits gesicherter ästhetischer Werte, noch erschöpft sie sich in eklektischen Spielereien. Viel eher fügt der Künstler durch eine präzise mediale Umarbeitung Brüche ein, so dass verschiedenste Betrachtungsweisen möglich werden und verhindern, dass das Ganze zu einem intellektuellen Spezialdiskurs verkommt. Wissen taucht auf in der gebrochenen Form von halbdunkler Erinnerung und Prophezeiung, nicht absolut gesetzt. Die Arbeit, die uns die prinzipielle Vielschichtigkeit, den Reichtum an Möglichkeiten sowie den Charme des bereits Gewesenen am eindrücklichsten vorführt, ist leider nur im Hinterzimmer zu sehen; die Fotografie «Time table» offeriert die in der Zeitschrift Bilanz 1998 publizierte Liste der 50 wichtigsten Schweizer Künstler als Ikone auf knapp einem Quadratmeter Grösse. Die Ausstellung schliesst mit der Videoarbeit «Waldstück» ab. Man sieht zwei parallel projizierte zeitlupenartige Annäherungen an Bäume, einmal vorder-, einmal rückseitig, die als Sequenzen unterschiedlicher Länge endlos aneinandergereiht werden. Dass die Orchestrierung solch einfacher Parameter zum wirkungsvollen ästhetischen Arrangement werden kann, muss durchaus überraschen.


Bis 
20.05.2000
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Vittorio Santoro 24.03.200021.05.2000 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Oliver Kielmayer
Künstler/innen
Vittorio Santoro

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