Morgan Fisher in der Galerie Daniel Buchholz

Morgan Fisher · Color Balance, 1982/83, Zeichnung

Morgan Fisher · Color Balance, 1982/83, Zeichnung

Besprechung

Drei Lichtkegel im Dunkel: Rot, Grün, Blau. Die exakt aufgereihten Projektoren zielen alle auf dasselbe Stück Wand. Doch obwohl sie das gleiche Bild zeigen, verschmilzt nichts – ein kleiner Tischtennisball tanzt auf der Düse eines Staubsaugers. Drei bunte Kreise driften leicht auseinander, die Linien kommen nicht zur Deckung. Eine schwarzweisse Aufnahme in drei Tönen kopieren und übereinander zum ursprünglichen Bild addieren: Was einfach klingt, findet in der Installation von Morgan Fisher nicht zusammen.

Morgan Fisher in der Galerie Daniel Buchholz

Filmprojektoren lassen sich niemals so perfekt takten. Es wird immer nur Annäherungen geben – die Farben mischen sich nur für Momente – dann wird aus grünem und rotem Licht eine gelbe Fläche oder ein fast türkis getönter Umriss. Das Kunststück funktioniert nur, wenn drei Projektoren gleichzeitig daran arbeiten. Keine Bilderfolge wird je einer anderen gleichen. Morgan Fisher zeigt die auf 16-Millimeter-Film rekonstruierte Fassung von «Color Balance» aus dem Jahr 1980 in der Galerie Buchholz zusammen mit Arbeiten auf Papier.

Ein grosser Bogen illustriert die Anordnung noch einmal im Stil eines Lehrbuchs. Der Aufbau ist geglättet, ein schwarzer Block mit drei kastenartigen Erhebungen. Klar durchgefärbt erstrahlen die Lichtkegel wie auch die Überschneidungen. Installation und Zeichnungen führen vor, wie sehr Film und Fotografie Produkte sind, entstanden aus physikalischen und chemischen Experimenten und Entwicklungen.

Sichtlich handgemacht sind die kleinformatigen Skizzen, alle «Photogenic Drawings» betitelt, in vitrinenhaften, schwarzen Rahmen. Durchgepaustes – Anzeigen aus Fotozeitschriften, Fachjournalen für Filmer, direkt mit dem Bleistift auf transparentem Architektenpapier nachgefahren. Die weichgeschwungene Schrift erinnert an Leuchtreklamen der Fünfziger «the name’s right» über dem Firmennamen «Eastman Kodak Company». Vereinfachend hat Morgan Fisher alles Kleingedruckte in Striche verwandelt, das Lay-Out der Foto-Boom-Ära bleibt erhalten, wie die antiquierte Anmutung der gestellten Foto-Motive: Strandszenen, Frauen in weitschwingenden Röcken, kleine Pudel, lachende Kinder. In diesem Zusammenhang treten fast natürlich die Kamerakörper, Objektivröhren, Fotodosen oder Zelluloidstreifen dazu. Eine eingestanden sentimentale Zeitreise zur hohen Phase klassischer Fotografie, der Epoche von Eastman, Rollei und Gevaert. Manche Namen sind inzwischen verstorben, andere haben überlebt, weil sie sich den Wechselfällen der Wirtschaft besser anpassen konnten. Werbung bildet das ab und ist gleichzeitig Teil des Systems.

Das naive, unkünstlerische Nachzeichnen von Schemen entleiht Morgan Fisher der absoluten Frühzeit des Mediums, als Henry Fox Talbot, ein «gentleman scientist» des 19. Jahrhunderts die Fotografie erfand, angeblich aus Unzufriedenheit mit seiner eigenen Leistung an der Camera Lucida, einem Gerät, das dem englischen Reisenden die Landschaft auf das Zeichenpapier legte, man musste nur mit dem Stift die Umrisse selbst nachfahren. Frau Talbot war so viel geschickter im Nachzeichnen, dass Talbot die klassische Negativ-Fotografie erfand und sie «photogenic drawing» nannte, ein Abpausen des natürlichen Bildes mit den Mitteln des Automaten und Chemie. Damit umging er das für ihn unbefriedigende «Tracing», das Nachspüren mit dem Stift: «Es ist Ausdruck deines Wunsches, auf die Kraft eines Bildes zu reagieren. Gleichzeitig entfernt dich der Akt in seiner Ausführung für immer von der Sache, der du dich nähern wolltest.»
Bis 20.4.

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Morgan Fisher 08.03.200220.04.2002 Ausstellung Köln
Deutschland
DE
Autor/innen
Catrin Backhaus
Künstler/innen
Morgan Fisher

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